xxWOxx: Zwanzig flaschengrüne Bände

Wenn andere Wochenzeitungen sich derzeit als „unaufgeregt und elegant“ bezeichnen, gebührt der woxx eher das Prädikat „schrill“. Das Blättern durch 20 Jahresbände wird hier in einer – zugegeben subjektiven – Chronik der Ereignisse um GréngeSpoun und woxx zusammengefasst.

Offen für neue Erfahrungen. Als zum Thema Carsharing ein Foto gebraucht wird, posiert das Redaktionsteam kurzerhand selbst.

„Kein Zentralorgan“, „selbstständige Redaktionsgruppe“, „Diskussionsforum für die grün-alternative Bewegung“: Mit diesen Stichworten aus dem allerersten Editorial unserer Zeitung ist bereits die von Anfang an bestehende Widersprüchlichkeit des „GréngeSpoun“ dargestellt. Der Grund, 1988 neben der bereits bestehenden Tages- und Wochenpresse eine weitere Zeitung zu gründen, ist das Bedürfnis nach einem Sprachrohr für die sozialen Bewegungen, welche sich im Lauf der Siebzigerjahre gebildet haben ? und die wenigstens zum Teil in den Grünen ihren politischen Arm sehen. Die Gréng Alternativ bietet auch das finanzielle und personelle Potenzial, um ein solches Projekt zu starten. Und so ist der GréngesSpoun in den ersten Jahren vor allem eins: Verlautbarungsorgan der Grünen. Zwar kein „Zentralorgan“, aber auch selten genug das angestrebte Diskussionsforum für grüne Debatten. Eher wird die Zeitung als Plattform genutzt, um grüne Positionen darzulegen. Deshalb mutet es im Rückblick amüsant an, dass zusätzlich eine Parteiseite eingerichtet wird, um der von der Mainstream-Presse totgeschwiegenen Partei „ein Minimum an direkter Öffentlichkeit zu sichern“.

Die grüne Phase

Die Redaktion der neuen Zeitung besteht ausschließlich aus Parteimitgliedern: François Bausch, Richard Graf, Jean Huss, Abbes Jacoby, Romain Roden, Renée Wagener und etwas später Thers Bodé. Hinzu stößt Anfang 1990 noch der Urgrüne Robert Garcia, der dem Spoun auch konzeptuell aufhelfen will. Eine Truppe, die zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Grünen eher einem linken und gewerkschaftsnahen Flügel zuzuordnen ist.

Genutzt wird die Tribüne des GréngeSpoun vor allem von Leuten, die in der Partei stark engagiert sind: André Marxen etwa, der sich mit Gesundheitsthemen befasst, Claudette Majerus mit feministischer Kritik. Zu Texten dieser mehr oder weniger regelmäßigen MitarbeiterInnen gesellen sich noch einige anonyme Beiträge, meist aus der Hand von Redaktionsmitgliedern. Wirkliche thematische Auseinandersetzungen halten sich in Grenzen. Eine davon, welche zugleich eine partei-interne Debatte widerspiegelt, ist jene zur Frage des Referendums als basisdemokratisches Instrument, zwischen Jean Geisbusch und Jeannot Schmitz, Vorkämpfer der Referendum-Bewegung. Ein weiteres Beispiel liefert die Debatte von Thers Bodé und Jean Geisbusch über den Vorschlag der KPL zu einem Wahlbündnis bei den Europawahlen 1989.

Radikale Kritik wird im GréngeSpoun zu dieser Zeit nicht nur am kapitalistischen System geübt, sondern auch an den Symbolen der Konsumgesellschaft. Das Auto ist dabei eine beliebte Zielscheibe, aber auch Müllverbrennung oder Gentechnik werden attackiert, oder umweltgefährdende Sportarten, wie Skifahren: „Zerstört wird auch der Tierhaushalt, Arten, welche früher in aller Gemütsruhe ihrem Winterschlaf frönten, sind, da allzu oft aufgescheucht, gezwungen, zusätzlich auf Nahrungssuche zu gehen,“ meint Romain Roden. Und fordert ein „grundsätzliches Stop, wenn nicht ein Abbau sämtlicher ‚Erschließungsmaßnahmen‘, denn am Skisport an sich liegt das Malheur sicher nicht. Müsste mensch die Ski-Bretter selbst den Berg hinaufschleppen, ich bin überzeugt, der Andrang hielte sich in naturunschädlichen Grenzen.“

Die heftigen Debatten der Gréng Alternativ um ihr Selbstverständnis als Partei drücken sich im GréngeSpoun dagegen eher verhalten aus. Beispiel Rotationsprinzip: Grüne MandatärInnen, so schreibt Richard Graf bereits 1988, seien „der verlängerte Arm einer Bewegung, die auf mehreren Fronten zu kämpfen hat“. Und grüne Abgeordnete „müssten eigentlich austauschbar sein, denn es geht nicht darum, auf Lebenszeit im Parlament zu sitzen […].“ Die Klarstellung ist natürlich im Kontext der Tatsache zu sehen, dass der grüne Protagonist Jupp Weber das Rotationssystem in Frage stellt. Ein Interview mit ihm ist jedoch auf den Seiten des GréngeSpoun nicht zu finden.

Drei Jahre später meint François Bausch zum gleichen Thema: „Das Verhältnis der Grünen zu ihren MandatsträgerInnen ist, bedingt durch ihre theoretische Abwertung der Arbeiten in den Institutionen, von einem permanenten, latenten Misstrauen beherrscht. Und: „EinE grüneR AbgeordneteR soll froh sein, wenn er/sie sein Mandat abgeben kann, politische Arbeit für die Grünen zu machen darf keinen Spaß machen.“ Auch hier gibt es weder Reaktionen von außen, noch Versuche der Redaktion, die grün-interne Debatte aufzugreifen. Gleiches gilt für die Frage der Fusion von GAP und Weberscher GLEI. Die wirklich brennenden Fragen werden nicht aufgegriffen. Trotzdem liest sich der GréngeSpoun der frühen Jahre auch wie eine bruchstückhafte Geschichte der Grünen. Die grüne Wiedervereinigung, die nach dem Prinzip der Springprozession verläuft, wird durch eine Reihe von Communiqués und Positionsbestimmungen deutlich.

Mit der Präsenz von Redaktionsmitgliedern im Parlament bekommt der GréngeSpoun eine weitere Funktion: Er wird zum grünen „Chambersbliedchen“. Der Spoun gibt so nicht nur in extenso die verhinderte portugiesische Antrittsrede des grünen Abgeordneten Robert Garcia wieder. Eifrig, und mit einer erstaunlichen Begeisterung für den Parlamentarismus, wird – meist von den Abgeordneten selbst – der Weg grüner Motionen oder Gesetzesvorlagen, bzw. anti-grüner Manöver in Plenum und Parlamentskommissionen beschrieben. Brav wird sich Jahr für Jahr mit Budgetvorlagen auseinandergesetzt. Und nicht nur in der Rubrik „Déi kleng Chamber“ hagelt es Seitenhiebe auf die PolitikerInnen anderer Parteien. Schnell gesellen sich zu den Abgeordneten auch die ersten grünen GemeinderätInnen. Auch hier sind gerechte Empörung über die Mainstream-Parteien und der Blick auf die eigenen Leistungen Trumpf.

Manchmal jedoch wird der GréngeSpoun tatsächlich zum Forum für kontroverse Debatten. So wird der grüne Gesetzesvorschlag gegen Pornographie das Objekt einer intensiven Debatte, in die sich die Initiatorin Claudette Majerus, der Journalist Romain Hilgert, die Filmkritikerin Viviane Thill oder auch die Politikerin Erna Hennicot-Schoepges einschalten.

Sprachrohr für Dissidenten

Mutig ist der GréngeSpoun, wenn es um andere Parteien geht. Besonders der Zersetzungsprozess innerhalb der KPL wird beleuchtet, oft kommen gar Protagonisten zu Wort. So reagiert Dan Kersch noch im April 1989 in einem Leserbrief: „Eine Strömung von Dissidenten […] gibt es in der KPL nicht, und wird es auch mit Sicherheit nicht geben. Es gibt in der KPL einen Konsens, der die Einheit der Partei bewahren wird.“ Im Januar 1990 straft ihn Fernand Pasqualoni Lügen, der in der Zwischenzeit von der KPL zur Gréng Alternativ gewechselt ist, bevor er später in die LSAP eintreten wird. In seinem Artikel „Die KPL bunkert“ beschreibt er die Unfähigkeit der kommunistischen Partei, sich mit dem Zusammenbruch des Ostblocks auseinanderzusetzen, sowie ihre ersten Auflösungserscheinungen. Ende 1990 erscheint gar ein Interview mit André Hoffmann. Intensiv wird 1991/1992 über den zeitweiligen Austritt Françoise Kuffers aus der LSAP berichtet.

Dissidenten anderer Art lässt der Spoun mit den United Guys zu Wort kommen. Im November 1989 macht das Blatt eine Seite frei für Schriftsteller und Feuilletonist Guy Rewenig und Karikaturist Guy W. Stoos. „Unbedingte Freiheit beim Zeichnen und Schreiben“ sowie finanzielle Honorierung der Beiträge heißt der Deal. Er wird eingehalten, bis die beiden im Juni 1992 erschöpft aufgeben.

Ende 1990 gewinnt der Spoun mit Romain Hilgert aus der kommunistischen „Zeitung“ für zwei Jahre einen weiteren linken Schreiber, der zu vielen Themen das schreibt, was andere höchstens zu denken wagen. Etwa zur Monarchie: „Monarchen besitzen keinerlei Legitimation ihres ererbten Standes. Niemand hat sie gewählt – zur Not Gott, weshalb sie stets demonstrative Kirchengänger sind. Durch ihre Adern fließt kein blaues Blut, sie haben weder große Leistungen vollbracht, noch sind sie besonders intelligent. Ihren gesellschaftlich herausragenden und sehr profitablen Stand können sie also nur durch die Zurschaustellung verschwenderischen Reichtums rechtfertigen.“

Besonders in den Anfangsjahren versucht sich der GréngeSpoun auch in Enthüllungsjournalismus. Hier stechen besonders Abbes Jacobys, meist von parlamentarischen Aktionen der Grünen begleitete Beiträge zu Waffenhandel und Umweltskandalen hervor, sowie seine Serie über den „Bommeléer“. Doch der Zeitung wird es nie richtig gelingen, in dieser journalistischen Domäne Fuß zu fassen – genauso wie Robert Garcias Satireseite Mëschtgreef nicht gegen die neuerweckte Feirekrop-Konkurrenz ankommt.

Das Projekt Wochenzeitung

Was Richard Graf in der Null-Nummer bereits angedeutet hat – der Plan, aus dem GréngeSpoun eine Wochenzeitung zu machen – konkretisiert sich Ende 1990. Die Idee kommt nicht von ungefähr. Das Pressehilfegesetz, eine Luxemburger Spezifität, verspricht eine langfristige finanzielle Absicherung des Projekts, verlangt aber auch die Erfüllung hoher Kriterien: Neben der wöchentlichen Erscheinungsweise muss die Beschäftigung von fünf hauptamtlichen RedakteurInnen gewährleistet werden – und zwar ein Jahr lang ohne Pressehilfe. Obwohl der Spoun diese Kriterien erfüllt, wird ihm während Jahren die staatliche Unterstützung vorenthalten. Erst 1994, nach zahllosen Appellen und einem schier endlosen Gerichtsprozess, ist das Ziel erreicht. Die Durststrecke, die Redaktion und Leserschaft durchschreiten mussten, war nicht nur eine ernsthafte Bedrohung für das Projekt. Der Spoun muss sich verschulden, was ihn über Jahre schwächen wird.

Trotz der Absage an die Marktwirtschaft erscheinen schon in der ersten Nummer des GréngeSpoun einige bezahlte Anzeigen. Auffällig ist der Wechsel, der sich 1992, zeitgleich mit dem Erhalt der Pressehilfe, in der Redaktion vollzieht: Im Sommer 1992 wird die alte Redaktions-Crew ersetzt durch ein Team aus Robert Garcia, Léa Graf, Richard Graf, Bibine Schulze, Renée Wagener und Danièle Weber. Fotografen sind Abbes Jacoby und Heng Breier. Die Maßnahme, die getroffen wurde, um den Kriterien des Pressehilfegesetzes gerecht zu werden, hat jedoch noch andere Konsequenzen: Zum ersten Mal gibt es in der Zeitung Redakteurinnen, die nicht Mitglied der Grünen sind – und damit wohl auch etwas mehr Distanz zum Parteiapparat haben. Damit beginnt nicht nur ein langer und beschwerlicher Loslösungsprozess von der grünen Partei, sondern auch eine Auseinandersetzung mit professionellem Journalismus.

Unter dem Einfluss von Danièle Weber, zu dieser Zeit die einzige im Team, die sich einer journalistischen Ausbildung unterzieht, bequemt man sich ab 1993, ab und an Zwischentitel in längere Artikel einzufügen oder sich mit Kommaregeln zu befassen. Die Beiträge werden strukturierter, Interviews und Dossiers tragen zum Formenpluralismus bei, Layout und Fotos werden anspruchsvoller. Bei Spouns beginnt man nun, Pressekonferenzen zu besuchen, was den Blick etwas vom Nabel der grünen Partei weglenkt. Systematisch erscheinen internationale Seiten. Zunehmend wird die Praxis in Frage gestellt, dass sich der Spoun reichlich bei ausländischen Zeitungen bedient, um die eigenen Seiten zu füllen.

Mit Robert Garcia und später Renée Wagener sind weiterhin zwei grüne Abgeordnete in der Redaktion, was den beiden Doppelköpfen Kritik einbringt, aber für den Erhalt der Pressehilfe notwendig ist. Intern jedoch gedeihen die Diskussionen um den Anspruch auf parteipolitische Unabhängigkeit. 1996 lanciert die Redaktion eine Diskussion um den Namen der Zeitung: „Trägt der GréngeSpoun seinen Namen überhaupt noch zu Recht?“ fragt sie. „Und wie unabhängig kann er werden, ohne seine alternative Identität zu verlieren?“ Doch die Generalversammlung der GréngeSpoun-Kooperative macht den Hauptamtlichen, die eine Umbenennung anstreben, einen Strich durch die Rechnung.

Am Alten festhalten möchten viele der AnteilseignerInnen auch, wenn es um eine kritischere Berichterstattung zu den Grünen geht. Die grüne Leserschaft ist „not amused“ über manche Beiträge der parteiunabhängigen JournalistInnen Danièle Weber und später Peter Feist. Aber auch andere heilige Kühe werden geschlachtet: So erscheint 1994 ein kritischer Beitrag von Danièle Weber zur Oekofoire.

Ab 1993 werden die Bestrebungen, dem Spoun ein breiteres Publikum zu verschaffen, jedoch immer deutlicher, zunächst dadurch, dass er service-orientierter wird. Gab es schon seit Beginn der Zeitung immer wieder mal Reiseberichte, so erscheinen auf Impuls von Robert Garcia (und meistens aus seiner Feder) nun neben dem Kultur-Potpourri „A Spounful of Cultour“ auch regelmäßige Tourismus-Seiten, aber auch Kultur- und Konsumrubriken wie „konsumterror“, „Gaard & Leed“, „Vinum & Circenses“. Kneipen- und Restaurantkritiken tauchen auf, später liefert Raymond Klein sogar Kritiken von Gesellschaftsspielen. Ab 1996 gibt es eine Bücherbeilage, den „Ex-Libris“. In die gleiche Kerbe schlägt der konsequente Ausbau des Kulturkalenders durch Sabine Schulze, unter deren Hand die Kulturagenda zu einem Aushängeschild des Spoun wird. Der gesamte Kulturteil wird unter ihr und ihrem Nachfolger Germain Kerschen kräftig ausgebaut. Unumgänglich wird nun der Aufbau eines Pools freier MitarbeiterInnen rund um die Zeitung. Den Anfang hatte Karikaturist Guy W. Stoos gemacht, Schreibkräfte folgen. Auch die unentgeltlichen Redaktionsfotografen Heng Breier und Abbes Jacoby werden 1996 von bezahlten Fotografen abgelöst, zunächst in Person von Martin Linster, dann von Christian Mosar. Auch die internationale Berichterstattung wird immer häufiger von „Freien“ abgesichert. Seit 1997 wird die „Interglobal“-Seite systematisch mit Artikeln aus der linken Berliner Wochenzeitung Jungle World gestaltet.

Spiegelbild der Bewegung

Charme, aber auch Schwäche der Zeitung macht die recht große Freiheit der JournalistInnen bei der Themenwahl aus. Der Leserschaft wird dabei einiges zugemutet. Je nach Themenkonjunktur werden sie mit Artikeln über Arbeitszeitverkürzung, das Pei-Museum oder die Tram überhäuft. Sabine Schulze hat es der Lehmbau angetan, Danièle Weber beschäftigt die Situation im Togo, Richard Graf die Fahrradpisten. Robert Garcia liegen die Bahnhofsrotonden am Herzen, und alles, was man kulturell damit anstellen könnte. Aber auch zum Ablauf des Kulturjahrs 1995 hat er viel zu sagen. Peter Feist begeistern Medien wie Radio oder Computer. Renée Wagener schreibt über nichts lieber als über Quotierung und Frauenförderung, wenn sie sich nicht über Denkmalschutz ereifert. Manchmal fällt auf, dass Beiträge in kleinerer Schriftgröße gesetzt sind – dann war die Verliebtheit in die eigenen Texte so groß, dass gestaucht wurde, statt zu kürzen.

Auch hier wird mit der Zeit versucht, gegenzusteuern, werden Rubriken und Zuständigkeiten festgelegt. Die Themenwahl spiegelt dabei häufig gesellschaftliche Entwicklungen wieder. Vorreiter für Luxemburg ist der Spoun sicherlich, wenn es um heiße Eisen geht wie die Monarchie, die mit dem Bosnienkrieg aufkommende Asylfrage oder die Legalisierung des Drogenkonsums. Auch andere gesellschaftlich kontroverse Themen stehen auf der Agenda: der Name der verheirateten Frauen, Sterbehilfe, Aids, Ausländerwahlrecht, Inhaftierung, Anerkennung der Homosexualität, Gentechnik, sexueller Missbrauch oder die „700.000“-Diskussion zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung Luxemburgs. Auf die umweltpolitische Aktualität wird ebenfalls Wert gelegt: sei es die geplante Deponie Haebicht, jene für Bauschutt in Folkendingen oder die Rio-Konferenz. Internationale Konflikte, ob in Ex-Jugoslawien, in Afghanistan oder im Irak, werden ebenfalls ausgiebig kommentiert.

Der Spoun begleitet aber auch die sozialen Bewegungen der Zeit. Über Projekte wie Radio ARA, Etika, Akut oder das Cid-Femmes wird mit Wohlwollen berichtet – kein Wunder, bei den meisten dieser Organisationen gibt es personelle Überschneidungen mit dem Spoun. Auch Solibewegungen wie jene mit dem sandinistischen Nicaragua werden unterstützt, genauso wie später der Kampf der UmweltschützerInnen gegen die Nordstraße, die streikenden SchülerInnen oder die „Tram asbl“. Mit der Zeit kommt auch hier mehr Distanz auf. Es dauert aber immerhin bis 2000, bis eine Institution wie Radio Ara kritischer beleuchtet wird.

Ab Ende der Neunziger bekommen die Grünen Konkurrenz in der bevorzugten Berichterstattung, immer öfter kommt nun auch die Nei Lénk zu Wort. Und schließlich setzt sich die langgehegte Idee einer Namensänderung doch durch: Im Millenniumsjahr wird aus dem GréngeSpoun die woxx.

Mit dem neuen Zeitalter kommen auch neue Themen: Die Universität, die Brachen auf Belval, die Drogenreform. Ein Markenzeichen der woxx werden die mit dem Motto „Sträitkultur ’98“ eingeläuteten Debatten-abende. Und das Referendum zur EU-Verfassung 2005 ist der Zeitung eine Serie von unterschiedlichen Stellungnahmen wert. Die woxx startet zur Forderung der Drogenlegalisierung sogar eine eigene Petition. Die Flüchtlings- und Abschiebungsproblematik begleitet die woxx ebenfalls aktiv, etwa 2002, indem sie die Petition des „Collectif Findel“ verbreitet. Schwierige Debatten, wie jene um Israel und Palästina, tauchen ab 2002 auf. Der rot-grüne Gesetzesvorschlag zur Sterbehilfe wirft in der woxx seine Schatten voraus: Unter einer CSV-Regierung, prophezeit der Abgeordnete Jean Huss, werde es diese Reform nicht geben …

Innovationsgeist

Weg vom Persönlichkeitskult, so heißt die Maxime der Linken. Doch erste Interviews mit Persönlichkeiten des Mainstream finden erstaunlich früh statt. Als erster gibt sich schon Ende 1990 Staats- und Medienminister Jacques Santer die Ehre. Auf ihn folgt 1994 Transportministerin Mady Delvaux – natürlich zum Thema Tram. Ab der Namensänderung zur woxx wird das Interview mit politischen Persönlichkeiten, aber auch mit ExpertInnen, zur festen Institution. Da darf natürlich auch Premier Juncker nicht fehlen, der 2003 sogar zweimal an die Reihe kommt. Da Luxemburg ein kleines Land ist, tauchen auch andere Namen im Lauf der Jahre mehrmals auf: Nach grober Schätzung der Verfasserin ist der meistinterviewte Mann in der woxx bislang Änder Schanck, bei den Frauen punktet Vera Spautz. Gefährlich nah kommen ihnen Jean-Paul Maes, Jeannot Schmitz, Ben Fayot und Danièle Igniti.

Bei allem Streben nach Qualität verliert die Spoun-woxx doch nicht ihren Humor, ihren Sinn fürs Skurrile und ihr Interesse für die Welt jenseits des Mainstream. So wird die Auflösung einer hauptstädtischen Wohngemeinschaft ebenso dokumentiert wie das Projekt eines luftbetriebenen Autos unter die Lupe genommen wird. 30 Jahre nach 1969 befragen sich die Redaktionsmitglieder gegenseitig zu ihren Erinnerungen an die Mondlandung. Ab jetzt erscheint auch das selbstironische „Gespéint“, später „woxx at home“ über den Alltag des Zeitungsteams, nach Meinung der Verfasserin bis heute die meistgelesene Rubrik.

Phantasie und Innovationsgeist zeigt die Zeitung aber auch in ernsthafteren Gefilden: Ab der Namensänderung 2000 bildet die Rubrik „Kultur direkt“ Kunstschaffenden Platz für literarische und graphische Experimente. Dort erscheinen etwa Texte von Michèle Thoma oder, ab 1993 (und mit Unterbrechungen bis heute) künstlerische Arbeiten des Graphikers Marc Angel – wahrscheinlich ist er neben Karikaturist Guy W. Stoos unser treuester freier Mitarbeiter. 2000 startet die woxx auch ihre Homepage. Ab 2002 erscheint unter der Leitung von Germain Kerschen die mega-coole Beilage „musixx“. Eine ebenfalls neu geschaffene Fernsehseite überlebt dagegen nur einige Jahre. Eine der meistgelesenen Serien wird von einer freien Mitarbeiterin produziert: Paca Rimbau zeigt in ihren Portraits das multikulturelle Luxemburg.

Schließlich gibt es wohl auch kaum eine andere Zeitung in Luxemburg, die so häufig ihr Outfit ändert. In den gerade mal zwanzig Jahren ihrer Existenz hat das Blatt mindestens fünfmal das Logo ersetzt, neue Schriften- und Layoutmoden macht die Zeitung beherzt mit. Getreu dem Motto: wenn sonst niemand den Wechsel herbeiführt, tun wir’s halt selbst.

 

Wegbegleiter
Zahlreiche Personen begleiten den Spoun und später die woxx, manche durch eine Handvoll Beiträge, andere über Jahre hinweg. Feste politische Rubriken bestellten Georges Penning und Jean Portante. Norbert Campagna, René Birgen, Armand Drews und Rosch Krieps sind ebenfalls zeitweise eifrige Schreiber. In den Anfangsjahren beliebt sind André Gilbertz‘ Polit-Collagen. Léon Claus und Véronique Poujol schreiben zeitweilig als Freelance für den GréngeSpoun. In der Rubrik Geschichte tauchen die Namen von Lucien Blau, Ally Leytem, Marc Lentz, Henri Wehenkel, Serge Hoffmann, Guy Thewes, Benoît Majerus und Sonja Kmec auf. Im Kulturbereich schließlich sind die Namen so zahlreich, dass davon mit Rosemarie Kieffer, Mars Bohler, Marc Barthelemy, Gilbert Molitor, Alex Diederich, Viviane Loschetter, René Clesse, Jos Levy, Marc Linster, Boris K., Berny Z. und Adrien Thomas nur ein Bruchteil aufgezählt ist.


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