GRAFIK: Das Kopieren in der Neuzeit

„Hier wollen wir nur noch dies anmerken, dass die Kupferstecherkunst in ihrer eigenen Art zu zeichnen (…) vielleicht mehr Genie und Kunst erfordert hat, als das Mahlen“. Dass diese Einschätzung des Schweizer Philosophen Johann Georg Sulzer aus dem 18. Jahrhundert auf das Genre der Grafik durchaus zutrifft, daran zweifelt man nicht. Gerade nach dem Besuch des „Musée national d’histoire et d’art“, in dem zurzeit unter dem Titel „Grafik als Spiegel der Malerei“ rund 140 Meisterwerke der Reproduktionsgrafik aus der Zeitspanne 1500-1850 gezeigt werden. Einiges an Genie brauchten die Grafiker der Renaissance und des Barock in der Tat – vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie im Gegensatz zu den Malern, die neben den drei Grundfarben auch noch auf Weiß und Schwarz zurückgreifen konnten, nur Punkt und Linie zur Verfügung hatten. Reichlich wenig Möglichkeiten also, um komplexe Grafiken herzustellen, die bis zur Erfindung der Fotografie das einzige Medium waren, mit denen sich Bildinformationen in identischen Abzügen und hohen Auflagen vervielfältigen und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen ließen. Kein Wunder also, dass aufgrund dieser Gegebenheiten die Erfindung des Bilddrucks am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit eine wahre Medienrevolution auslöste. Denn sie erlaubte kunstinteressierten Zeitgenossen des 17. bis 19. Jahrhunderts sich erstmals über die Werke einzelner Maler oder gar die Entwicklung der Bildenden Künste zu informieren. So sind auch in der Ausstellung des „Musée national d’histoire“ viele Reproduktionsgrafiken ausgestellt, deren Autoren sich an – oft gemalten – Vorlagen von berühmten Zeitgenossen wie Raffael, Rembrandt oder Rubens inspirierten. Zwar bemühten sich die Reproduktionsstecher stets darum, ihre Vorlagen getreu wiederzugeben. Dennoch hatten sie eigene Darstellungsabsichten und ihren eigenen Stil, so dass ihre Stecherhandschrift oft erkennbar blieb. Deutlich wird das in der Ausstellung vor allem an Kupferstichen oder Radierungen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach ein und demselben Gemälde gefertigt worden sind, wie etwa die „Sixtinische Madonna“, die gleich in drei Reproduktionsgrafiken ausgestellt ist: Hier sind nicht nur minimale Unterschiede der Gesichtsform, sondern auch der Körperhaltung zu erkennen.

Beeindruckend ist bei den ausgestellten Exponaten insgesamt nicht nur die Themenvielfalt von biblischen Motiven über manieristische Landschaftsdarstellungen mit knorrigen Weiden, Ruinendarstellungen und komplexen Wolkenstrukturen über mythologische Themen, sondern auch die technische Präzision der Grafiken: Trotz einfacher Mittel wussten die Grafiker mittels unterschiedlicher Gitterraster verschiedene Texturen sowie Licht und Schatten darzustellen. Wie sich dabei die Technik der Schraffuren im Laufe der Zeit veränderte und verbesserte, das thematisiert die Ausstellung: Erst im 18. Jahrhundert war die Reproduktionsgrafik so weit, dass alle dargestellten Materialien visuell identifizierbarer wurden, so dass ein Stück Metall nicht mehr aussah wie ein Stofffetzen.

Auch wenn die Ausstellung „Grafik als Spiegel der Malerei“ somit das Genre der Reproduktionsgrafiken in den Mittelpunkt stellt – gehen die Autoren dahinter leider dennoch verloren. Gerne hätte man mehr gewusst, etwa wie lange ein Stecher an einer Vorlage saß. Oder welche Grafiker das Genre maßgeblich weiterentwickelten – so wie etwa ein Giovanni Battista Piranesi, der im 18. Jahrhundert mit seiner Kerker-Serie weit über das Kopieren hinausging, um in seinen Grafiken das Gefühl existentieller Bedrohung auszudrücken.

Zu sehen im Musée national d’histoire et d’art noch bis zum 20.9.


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