HERMANN SCHEER: Energethische Wende

Der international anerkannte Fürsprecher erneuerbarer Energien, Hermann Scheer, verstarb unerwartet im Alter von 66 Jahren, wenige Tage nach Erscheinen seines jüngsten Buches „Der energethische Imperativ“.

Macher und Visionär: Hermann Scheer genoss im Ausland ein höheres Ansehen als bei den eigenen politischen Verbündeten.

Der Saal im Ciné Utopia ist gerammelt voll, als am vergangenen Montagabend der Europaabgeordnete Claude Turmes die Begrüßungsansprache zur Luxemburger Premiere von „Die 4. Revolution – Energy Autonomy“ hält. Es ist der Auftakt zu einer grünen Informationstour durch das Großherzogtum (siehe Kinoseiten), bei der es vor allem darum geht, für das verkannte Potential zu werben, das in den erneuerbaren Energien steckt. „Der Film spricht auch viel von Regionen wie Afrika, in denen viele Menschen gar keinen Zugang zu elektrischem Strom haben. Er zeigt uns, welchen Weg wir beschreiten können, um deren Lebensbedingungen zu verbessern, ohne in die Klimafalle zu tappen“, erklärt Turmes.

Als er dies sagt, ist die Nachricht vom Tode von Hermann Scheer gerade ein paar Tage alt. Der, den sie „Solarpapst“ oder „Sonnenkönig“ nannten, war am 14. Oktober im Alter von nur 66 Jahren verstorben. Wie es aus dem Umfeld des SPD-Bundestagsabgeordneten heißt, soll eine schwere Herzkrankung die Ursache dieses vollkommen unerwarteten Todes gewesen sein. Für viele, die ihn kannten, war der Schock groß: Der ehemalige moderne Fünfkämpfer, der in seiner Jugend sogar Mitglied im deutschen Nationalkader war, galt als unverwüstlich.

Mit wieviel Energie und Überzeugungskraft Hermann Scheer an die Sache ging, zeigt „Die 4. Revolution“ gleich zu Beginn: Er landet in Kalifornien, dem Staat, in dem bereits in den 1970er Jahren die Energiewende versucht worden war, jedoch von der Energielobby erfolgreich sabotiert werden konnte. Noch heute zeugen tausende nicht mehr funktionierende Windmühlen von dieser von den Anhängern der „Renewables“ verlorenen Schlacht. Scheer wird in dem Film noch andere Länder der Welt bereisen wo er vor allem eines tut: Er doziert vor UnternehmerInnen, StudentInnen, ArchitektInnen und auch in politischen Gremien. Auch in China, wo 2008 seine Verdienste durch eine Ehrenprofessur gewürdigt wurden.

Der Film stützt sich auf Scheers Buch „Energieautonomie. Eine neue Politik für erneuerbare Energien“, Erscheinungsjahr 2005, mit dem er die Debatte um einen dezentralen Ausbau der Energieversorgung vorantreiben wollte. „Die Ablösung atomarer und fossiler Energien kann weder über die konventionelle Energiewirtschaft noch über globale Verträge kommen“, heißt es dort.

Er bringt damit einen Ansatz auch auf weltweiter Ebene zur Geltung, den er fünf Jahre zuvor in Deutschland sogar in Gesetzesform hatte gießen lassen. Zusammen mit Politikern der SPD und der Grünen, aber auch einzelnen der CDU/CSU, hatte er das „Erneuerbare Energiengesetz“ auf den Instanzenweg gebracht – gegen den Willen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Damit sollte Betreibern nachhaltiger Energieanlagen eine langfristige Investitions-sicherung geboten werden. Und zwar in der Weise, dass die von ihnen ans Netz abgegebene Strommenge durch einen gesetzlich verbrieften Einspeisetarif vergütet wurde, dessen Mehrkosten die Endkunden durch einen entsprechenden Aufschlag auf den allgemeinen Strompreis auszugleichen hatten.

Das Gesetz passierte den Bundestag wohl auch deshalb, weil ihm wenig Erfolgschancen eingeräumt wurden. Doch Scheers Rechnung ging auf: Deutschland ist heute in den meisten Sparten der erneuerbarer Energieformen Weltspitzenreiter. Nur die Chinesen machen es, etwa bei der Windkraft und bei Thermosolaranlagen, in absoluten Zahlen gerechnet seit kurzem noch besser. Inzwischen haben 47 Länder ähnliche gesetzliche Regelungen eingeführt. Verschlafen hat die Entwicklung allerdings die deutsche Energielobby, die insgesamt nur etwa zehn Prozent zu dem mittlerweile beträchtigen erneuerbaren Energiepotential in Deutschland beiträgt.

Dass der Präsident der 1988 von ihm mitbegründeten internationalen Vereinigung „Eurosolar“ ein begnadeter Redner war, davon konnte sich auch der woxx-Reporter überzeugen, als er 2008 mit einer Delegation aus Beckerich nach Berlin fuhr, um dort der Verleihung des Eurosolarpreises beizuwohnen. Die Luxemburger Vorzeigegemeinde wurde damals geehrt, weil sie große Erfolge auf dem Weg zur Energieautarkie zu verzeichnen hatte. „Erst wurden wir lächerlich gemacht, dann erbittert bekämpft. Heute behaupten alle, schon immer für erneuerbare Energien gewesen zu sein?, zitierte die woxx damals Scheer, der auch den Verdacht äußerte, man versuche, die Vorreiter, die wirklich an die Idee glauben, zu verdrängen. Dagegen setze Eurosolar seinen Preis, um „das wichtigste Potenzial, das der Menschen, die sich nicht entmutigen lassen und es trotzdem versuchen“ zu fördern. (woxx 984)

Vom Leutnant zum Querdenker

Dass Scheer einmal zum Vorreiter alternativer Energieformen und zum Buhmann der Atom-, Öl- und Kohlekraftlobby mutieren würde, war 1980, als er erstmals in den Bundestag gewählt wurde, nicht vorauszusehen. Bis zu diesem Datum war er wissenschaftlicher Mitarbeiter ? ausgerechnet am Kernforschungszentrums Karlsruhe. Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler hatte das Wirken der Atomlobby von innen kennen gelernt und wurde nur wenig später einer der hauptsächlichen Befürworter des SPD-Atomausstiegskonzeptes. Aber auch das friedenspolitische Engagement war dem ehemaligen Zeitsoldaten im Leutnantsrang nicht unbedingt zwingend vorgezeichnet. Als er während der rotgrünen Koalition den militärischen Einsatz der Nato in der Kosovokrise als „Kriegsverbrechen“ titulierte, wollte Gerhard Schröder ihn aus der Partei drängen. Immer wieder besetzte Scheer Posi-tionen, die ihn mit Rot-Grün und erst recht später mit Schwarz-Rot in Konflikt brachten.

Doch trotz seiner Isolierung in der eigenen Partei gestatteten es ihm sein Bundestagsmandat und das ehrenamtliche Engagement bei Eurosolar und, als Vorsitzender, beim „World Council for Renewable Energy“, politisch mit einigem Erfolg zu wirken.

Sein jahrzehntelang propagiertes Credo, wonach durch das Ausschöpfen der Einsparpotentiale und die Nutzbarmachung der erneuerbaren Energien die fossilen Energieträger vollständig zu ersetzen seien, wird inzwischen auch von den Energielobbyisten ernstgenommen. In seinem jüngsten Buch, „Der energethische Imperativ“, das erst in der Woche vor seinem Tode erschienen war, legte er die Latte noch etwas höher: Die in der internationalen Klimadiskussion avisierten Zeiträume sind Scheer viel zu lang. „Die Energielobby spielt auf Zeit“, erklärt er im Film. Mit dem ihm eigenen Optimismus setzt Scheer den Zeitpunkt, zu dem der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft vollzogen sein kann, allerspätestens beim Jahr 2050 an. Das Problem, dies auch tatsächlich zu schaffen, sei nicht technischer Natur. Vielmehr versäume es die Politik, diesen „energethischen Imperativ“ mit der erforderlichen Entschlossenheit auf die Tagesordnung zu setzen. Eher geschehe das Gegenteil. „In den Ländern, in denen der Umstieg am weitesten fortgeschritten ist, blasen kleinkarierte ?Energieökonomisten` zum Gegenangriff“, analysiert Scheer.

So auch in Deutschland, wo die Atomlobby eine absurde Laufzeitverlängerung durchboxt und gegen das Einspeisegesetz Stimmung macht. Wegen des zunehmenden Erfolgs dieses Gesetzes waren die Energiekonzerne mit der Umlegung der Einspeisevergütung auf die Stromtarife in Verzug geraten. Sie holen dies jetzt nach und erleichertern sich die Sache propagandistisch mit der neu aufgewärmten Mär vom billigen Atomstrom. Die VerbraucherInnen müssen auf einen Schlag Nachzahlungen für mehrere Jahre leisten. „Grün wird teuer“ ist mittlerweile ein Slogan, der nicht mehr nur gegen die grüne Partei gerichtet ist, sondern auf die erneuerbaren Energien im allgemeinen zielt.

Dabei wird verschwiegen, dass es hier um eine zeitlich begrenzte Investitionssicherung geht, die eigentliche Energie aber fast umsonst gewonnen wird. Fossile Energien, aber auch Atomstrom, bauen auf endlichen Rohstoffen auf, deren weitere Preisentwicklung keinerlei Zweifel unterliegt.

Für Claude Turmes, der Hermann Scheer in den letzten Jahren an vielen Stellen hat wirken sehen, ist dessen Tod auch politisch ein schwerer Verlust: „Die vier großen Energiekonzerne, die ohnehin schon 80 Prozent des Energiemarktes in Deutschland kontrollieren, sichern sich mit Verlängerungen der Stromerzeugung aus Atomkraft auf Jahre einen Markt von 20 Tausend Megawatt.“ Der begnadete Redner Hermann Scheer wird fehlen, wenn gegen diesen „Putsch“ der Atomlobby debattiert werden soll. Dennoch ist Turmes optimistisch, denn mittlerweile haben sich Scheers Ideen international etablieren können und stehen auf sicheren Füßen.

Sogar der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der als Bundesumweltminister noch die Berufung Scheers an die Spitze der neu geschaffenen UN-Agentur für erneuerbare Energien vereitelt hatte, anerkannte die Wirkung seines verstorbenen Parteikollegen. Inspirieren ließ er sich dabei wohl auch von den zahlreichen Einträgen im Internetblog seiner eigenen Partei. Die Meinung der Parteibasis scheint dort einhellig: Die jahrelange Ausgrenzung des Visionärs Scheer war ein schwerer Fehler und hat der Partei großen Schaden zugefügt.

Hermann Scheer, Der energethische Imperativ – Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist, Verlag Antje Kunstmann, ISBN 978-3-88897-683-4, EUR 19,90.


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