JUNGE KANDIDATiNNEN: Gemeindewahlen – U30

Am 9. Oktober sind Gemeinde-wahlen – eine Veranstaltung, die vielen Unter-30-Jährigen eher unattraktiv anmuten dürfte. Die woxx fragte nach den Problemen, Motivationen und Ambitionen junger KandidatInnen.

Es sind noch Plätze frei: Bei Kommunalwahlen dürfen auch schon Mal die „Jonk“ ran.

Auf öffentlichen Plätzen fallen einem zur Zeit leere Plakattafeln auf – ein Anzeichen dafür, dass Wahlen bevorstehen. Vom Publikum weitgehend unbemerkt, laufen langsam aber sicher auch in den Parteizentralen die Wahlvorbereitungen an: Kisten mit Wahlgadgets werden gestapelt und die eintreffenden Kandidatenlisten ins Internet gestellt. Schaut man sich diese Listen näher an, so blicken einem durchaus auch einige jüngere Gesichter entgegen. Ein Umstand, der nicht als selbstverständlich angesehen werden sollte.

Spontan befragt, wundert sich etwa die 20-jährige Alessia (Luxemburg-Stadt), die offen zugibt, dass sie sich eigentlich nicht für Politik interessiert: „Gemeindewahlen, gibt`s da überhaupt junge Kandidaten?“ Sogar die Kandidierenden sind sich durchaus bewusst, dass Gemeindepolitik auf viele junge Leute nicht besonders attraktiv wirkt. So, räumt Marc Baum, als aktueller Gemeinderat an der Zusammenstellung der Liste von Déi Lénk in Esch beteiligt, ein: „Jugendliche wissen oft nicht genau, wie Gemeinden überhaupt funktionieren, hinzu kommt, dass auch diejenigen, die politisch interessiert sind, Gemeindepolitik als sehr technisch empfinden“. Auch Max Hahn (30), Präsident der Jungen Liberalen (JDL), bestätigt diese Einschätzung. Als Kandidat für die DP in Dippach kennt er die Skepsis seiner Freunde gegenüber seinem Engagement. Er war bereits 2005 in den Dippacher Gemeinderat gewählt worden und musste sich oft anhören, ein unverbesserlicher Idealist zu sein, beispielsweise wenn er am Abend eine Generalversammlung der Amiperas besuchte, anstatt mit seinen Freunden ins Café zu gehen.

Politikverdrossenheit?

Trotz dieses Kontrasts zwischen politisch Engagierten und Nicht-Engagierten, ist man parteiübergreifend überzeugt, dass man auch junge Wähler mit Gemeindepolitik erreichen kann. Man müsse jedoch gezielt sensibilisieren, betont Dan Schmit (21), ebenfalls DP-Kandidat in Dippach. Junge Bürger seien nämlich oft an politischen Themen interessiert, ohne sich dessen eigentlich bewusst zu sein. Für Michel Erpelding (27), Kandidat von Déi Lénk in der Stadt, ist es deshalb besonders wichtig, gezielt auf die Wähler zuzugehen: „Man muss konkrete Fragen besprechen, die die Leute persönlich betreffen, und rationale Antworten auf sie geben, dann können gemeindepolitische Probleme durchaus auf offene Ohren stoßen“. Daneben sei es sinnvoll, neben neuartigen Methoden, wie Facebookmitteilungen, auch altbewährte Mittel zu nutzen, zum Beispiel das Verteilen von Streitschriften. Oft wird auch gefordert, politische Themen müssten in weit größerem Umfang in den Schulen behandelt werden. Gina Árvai (18, Déi Gréng ? Düdelingen) und Ben Hoffmann (21, LSAP – Hesperingen) sind zum Beispiel der Meinung, dass ein einziges Jahr Gemeinschaftskunde auf keinen Fall ausreichen kann, um die Jugend ausreichend politisch zu informieren. Die Grünen-Kandidatin ist überzeugt, dass die den Lehrkräften zur Pflicht gemachte Neutralität die Verbannung von politischen Themen aus dem Unterricht zur Folge hat.

Ungeachtet der fehlenden Begeisterung vieler junger Wähler, können sich die Parteien nicht über einen Mangel an jungen Kandidaten beklagen. Daran ändern auch Hürden, wie Auslandsstudien oder die Angst, als Letztgewählter zu enden, nichts. Stéphane Majerus (36) Sekretär von Déi Gréng, beispielsweise gibt sich zufrieden: „Wir finden unsere Liste sehr jung“. Diese positive Tendenz wird denn auch von anderen Parteien bestätigt. Bei den vier großen Parteien wird die Anzahl der jungen Kandidaten landesweit voraussichtlich jeweils zwischen 70 und 100 liegen. Wegen einiger noch nicht fertiggestellter Listen können jedoch noch keine definitiven Zahlen genannt werden. Auch Déi Lénk und der ADR zeigen sich mit dem bisherigen Anteil ihrer unter-30-jährigen Kandidaten zufrieden.

Es wäre also verfehlt, von einer generellen Politikverdrossenheit der Jugend zu sprechen, da immer noch eine bemerkenswerte Anzahl junger Kandidaten den Weg auf die Parteilisten findet. Im Gegensatz zu vielen ihrer Alterskollegen geben die meisten unter ihnen an, schon sehr früh ein Interesse an politischen Themen entwickelt zu haben. So erzählt Philippe Schockweiler (25, Déi Gréng ? Luxemburg-Stadt): „Ich war schon sehr früh stark an Umweltthemen interessiert und war zum Beispiel im Panda Club aktiv; wenig später kamen dann Themen wie die Menschenrechte oder die Anti-Atombewegung hinzu.“ Nachdem er sich mit mehreren Parteiprogrammen auseinandergesetzt hatte, entschied er sich 2004, Mitglied bei Déi Jonk Gréng zu werden. Die Grundwerte der Partei haben auch für CSJ-Präsident Serge Wilmes, seit dem 17. Lebensjahr CSV-Mitglied, eine wichtige Rolle gespielt: „Christlich-soziale Werte lagen mir schon immer am Herzen“. Neben der Anziehungskraft von ideologischen Leitlinien spielen jedoch auch andere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Kontaktaufnahme zu Parteien. So fällt auf, dass junge Engagierte oft bereits durch ihre Familie Kontakt zu einer Partei hatten, bevor sie selbst Mitglied wurden. Daneben können Vereine und Einrichtungen wie Jugendparlamente eine wichtige Rolle bei der Politisierung der Jugend spielen.

Politisches Engagement in jungem Alter bedeutet jedoch nicht, dass man eine Kandidatur bei den Gemeindewahlen als selbstverständlich betrachtet. Dieser Meinung ist jedenfalls Michel Erpelding, der sich zur Kandidatur entschloss, weil ihm bewusst wurde, „dass es in Luxemburg-Stadt Probleme gibt, die mir nahegehen, obwohl ich nicht immer in der Stadt gewohnt habe. Beispielsweise kenne ich einige Leute in meinem Alter, die Schwierigkeiten haben, eine bezahlbare Wohnung zu finden.“ CSV-Mann Serge Wilmes, der nach dem plötzlichen Tod Luciens Thiels wohl in die Chamber nachrücken wird, sieht seine Gemeindekandidatur allerdings auch als Teil seines allgemeinen politischen Engagements: „Nachdem ich 2009 bereits an den Nationalwahlen teilgenommen habe, gehört es für mich irgendwie dazu, bei den Gemeindewahlen zu kandidieren.“ Davon abgesehen seien Gemeindewahlen für jeden Jungpolitiker eine gute Möglichkeit, sich mit den Prinzipien der Demokratie bekannt zu machen und Leute kennenzulernen.

Konkurrenzkampf?

Tatsächlich scheinen die Gemeindewahlen besonders geeignet zu sein, Nachwuchspolitikern erste Wahlkampferfahrungen zu vermitteln. Dank der großen Zahl der Listen ist es hier nämlich einfacher, nominiert zu werden, als bei Nationalwahlen. Darüber hinaus, achten die Parteien offenbar auf die Ausgeglichenheit ihrer Listen. Marc Baum (Déi Lénk – Esch) erklärt: „Für uns spielen verschiedene Kriterien, wie Alter, Geschlecht oder soziales Umfeld eine Rolle.“ Deshalb werde immer darauf gesehen, wenigstens ein bis zwei unter-30-jährige Kandidaten aufzustellen. Max Hahn und Philippe Schockweiler sind sogar der Meinung, dass es in der Regel Parteiverantwortliche sind, die jungen Engagierten eine Kandidatur vorschlagen. Obschon keine Partei sich feste Richtlinien in puncto Altersdurchschnitt setzt, gibt es in dieser Hinsicht wenig Unstimmigkeiten zwischen jungen und älteren Parteivertretern. Es scheint also kein nennenswertes Konkurrenzverhältnis zwischen Jung und Alt bei Gemeindewahlen zu bestehen.

Nichtsdestotrotz weisen die Parteien einige Unterschiede in der Stellung ihrer jungen Kandidaten auf. So fällt zum Beispiel auf, dass die meisten jungen CSV-Kandidaten bereits Ämter in der CSJ oder ihren jeweiligen Lokalsektionen bekleiden. Sie scheinen also eine mehr oder weniger geregelte Parteikarriere zu durchlaufen, bevor sie als Kandidaten antreten. Auch Michel Erpelding (Déi Lénk) hebt die Unterschiede zwischen kleinen und größeren Parteien hervor: „Wenn man sich in einer großen Partei klug verhält, kann man später einmal Minister werden; bei uns muss man kämpfen, sich profilieren“. Er ist demnach überzeugt, dass einige der jungen Kandidaten von heute einmal ihren älteren Parteikollegen folgen werden, um eine wichtige politische Rolle im Land zu übernehmen.

Abschließend zu ihren persönlichen Wahlambitionen befragt, geben sich die meisten jungen Kandidaten eher bescheiden. Philippe Schockweiler und Dan Schmit etwa betonen, ihnen sei die gemeinsame Sache der Partei wichtiger als der persönliche Erfolg. Ben Hoffmann gibt zu bedenken, dass man, wenn man zum ersten Mal antritt, ohnehin keine Anhaltspunkte habe. Ein Platz im Mittelfeld der Liste würde ihn daher durchaus zufriedenstellen. Nicht alle wollen sich jedoch mit dem olympischen Gedanken zufriedengeben. JDL-Präsident Max Hahn etwa schlägt ambitioniertere Töne an: „Ganz ehrlich, es wäre eine Riesenenttäuschung für mich, wenn ich nicht gewählt werden würde!“. Dann fügt er, ganz im Stile seiner älteren Parteikollegen hinzu: „Aber am 9. Oktober entscheidet der Wähler…“.


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