JOHN MADDEN: Rache und Lüge

„The Debt“ ist ein spannender Thriller, der die Themen von Vergeltung und Gnade im Kontext des Holocaust aufarbeitet. Leider werden die politischen Konsequenzen im Film nur oberflächlich behandelt.

Hat noch eine Rechnung mit der Vergangenheit
offen stehen:
Die Agentin Rachel Singer.

Rachel Singer (Jessica Chastain), David Peretz (Sam Worthington) und Stefan Gold (Marton Csokas) waren in ihrer Jungend Agenten des Mossads, die durch eine waghalsige Mission in den 1960 Jahren zu Nationalhelden in ihrem Heimatland wurden. Der Film beginnt mit einer Buchvorstellungsparty: Rachel Singers stolze Tochter hat die ereignisreiche und angeblich wahre Lebensgeschichte ihrer Mutter niedergeschrieben.

Die hochtrainierten Agenten sollten in einer selbstlosen und gefährlichen Mission den brutalen „Chirurgen von Birkenau“, Gustav Vogel, finden und an Israel ausliefern. Vogel führte brutale Experimente an KZ-Inhaftierten durch, nach dem Krieg arbeitete er unter falschem Namen wieder als Frauenarzt in Ost-Berlin. Die drei Agenten sollten ihn unbemerkt entführen und nach Israel bringen, wo ein Gerichtsverfahren auf ihn wartete. Die Mission verlief wie geplant: Singer gibt sich als argentinische Immigrantin aus, die gerade mit ihrem Mann (David) nach Berlin gezogen ist, eine Familie gründen will und deswegen Vogels Praxis aufgesucht hat. Sie schafft es auch ihm während der Untersuchung gekonnt eine Spritze mit einem Narkosemittel in den Körper zu rammen und ihn zusammen mit David und Stefan in einem gestohlenen Krankenwagen wegzufahren. Doch die sekundengenau geplante Abreise ihres Opfers scheitert und die Agenten sind gezwungen Vogel in ihrer Wohnung in Ost-Berlin zu verstecken, bis sie weitere Anweisungen erhalten. In der Zwischenzeit haben sich David und Stefan in Rachel verliebt und es entsteht eine angespannte Stimmung zwischen den drei, die auch der Arzt spürt. Der barbarische Chirurg ist alles andere als reuemütig über sein früheres Leben und nutzt die geladene Atmosphäre aus, um die persönlichen Verluste, die seine jüdischen Entführer im Zweiten Weltkrieg erlebten, zu schmälern. Ein Ausbruchversuch Vogels wird offiziellen Berichten zufolge durch eine heldenhafte Tat von Singer gestoppt und der Chirurg getötet. So schildert Rachels Biografie den Vorfall. Doch was in Wirklichkeit geschah, wissen nur die drei Agenten, die anschließend dreißig Jahre lang mit der Wahrheit leben mussten. Plötzlich klopft der Mossad wieder an den Türen der nun pensionierten Agenten: Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.

„The Debt“ kommt fast ganz ohne Spezialeffekte aus. Stattdessen überzeugt er durch unvorhersehbare Wendungen und den Darstellungen der Schauspieler (allen voran Helen Mirren als abgehärtete Spionin). Dem Zuschauer werden nach und nach Einblicke in die Vergangenheit gewährt, während sich gleichzeitig spannende Geschehnisse in der Gegenwart aufbauen. Der Handlungsstrang, der über 60 Jahre Geschichte abdeckt und die Protagonisten in verschiedene Länder führt, schafft es allerdings nicht, genauer auf den geschichtlichen Kontext der verschiedenen Perioden einzugehen. Die politischen Entscheidungen, von denen die Mission abhängt, werden dem Zuschauer nicht weiter erläutert. Interessant ist allerdings der innere Konflikt der Agenten, die angesichts des heimtückischen und schreckenerregenden Arztes ihre Menschlichkeit zu bewahren versuchen. Abwechselnd füttern und waschen sie den gefesselten Vogel während er antisemitische Tiraden von sich gibt. Konnten die Agenten ihre Rachlust unterdrücken? „The Debt“ ist ein sehenswerter Film, der zwar den Holocaust nur oberflächlich behandelt, einige moralischen Fragen jedoch interessant darstellt.

Im Utopolis.


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