STEVEN SPIELBERG: Pferdekram

Steven Spielbergs neuestes Epos „War Horse“ verfehlt sein Ziel wegen eines kitschüberfrachteten Drehbuchs und einem Mangel an Vertrauen in den Zuschauer.

Ich glaub mich tritt ein Pferd

Langsam schweift die Kamera über die pittoresken Hügel des englischen Devonshire und kündigt an: Wir werden jetzt großes, episches Kino sehen. Steven Spielberg lässt die Zuschauer, wie gewohnt, in ein farblich übersaturiertes Schmachtfest eintauchen, eine irreale Mischung aus künstlich-idyllischen Bildern, die von einer Ästhetik zeugen, welche durchaus an die Landschaftsbilder des Magiers von Oz erinnern, mit einer Prise von Stanley Kubricks Barry Lyndon. Des Weiteren untermalt John Williams melodramatische Musik diese visuelle Gemütssaga mit orchestralem Pomp, lässt wenig Freiraum für Fantasie. Man weiß genau, wann man weinen soll, wann ein Lächeln angebracht ist und wann man mit den Protagonisten mitfiebern muss.

Durch den ganzen Film hindurch herrscht eine fast altmodische Atmosphäre von Kitsch und Romantik. Die Landschaft ist anfänglich malerisch. Noch gibt es keine Spuren des Infernos des ersten Weltkrieges, das bald über die europäischen Staaten hereinbrechen wird. Erzählt wird die Geschichte des jungen Albert und seiner engen Freundschaft zu dem Fohlen Joey. Das junge Pferd wird an einen britischen Offizier verkauft und an die Westfront geschickt. Es geht hier um die grausame Sinnlosigkeit eines Krieges, in dem sich Menschen gegenüberstehen, die eigentlich gute Freunde sein könnten. Ironischerweise spricht in „War Horse“ jeder Englisch, auch die Franzosen und die Deutschen unter sich, eine unverzeihliche Regieentscheidung in einem Film, der einen der letzten großen Kriege auf europäischem Boden zeigt. Was die Soldaten auf der Leinwand jedoch wirklich verbindet, ist die Bewunderung für dieses starke, unbesiegbare Pferd.

Der Film beschreibt einen Konflikt, der noch maßgeblich mit Feldtruppen, im Nahkampf, ausgetragen wurde. In einer Szene attackiert die britische Kavallerie, lediglich mit Bajonetten ausgerüstet, die deutsche Front und wird brutal vom Feind niedergeschossen. Dies ist der erste Krieg, in dem Panzer, Giftgas und Maschinengewehre zum Einsatz kommen. Nur die englische Armee vertraute bis zum Ende auf ihre Kavallerieeinheiten. Der Film basiert auf Michael Morpurgos gleichnamigen Roman, ein Kinderbuch, das episodenhaft die Geschichte des ersten Weltkrieges durch die Augen eines Pferdes zeigt. In diesem inneren Monolog werden die großen Themen in kindlich-naiver Manier erzählt. Es geht um die grausame Beliebigkeit des Krieges, die Sinnlosigkeit und das Potential von Extremsituationen, Schicksale zusammenzubringen und wieder auseinanderzureißen. Dieser Stoff hat Spielberg sichtlich berührt.

Die Erzählung wurde übrigens auch in London als Theaterstück adaptiert. Im Mittelpunkt stand ein beeindruckendes Pferd aus Holz, entworfen von der südafrikanischen Truppe Handspring. Anders als im Buch hörte man hier nicht die innere Stimme des Pferdes, sondern das Publikum wurde in die düstere Realität des Krieges eingebunden. Joey wurde zum Verbindungsglied zwischen den Szenen und führte den Zuschauer durch das Geschehen. Man liebte diese dreidimensionale Puppe und vergaß schnell, dass es kein richtiges Tier ist.

Spielberg hingegen bringt es nicht fertig, dem Pferd die erzählerische Wichtigkeit des Stückes zuzuteilen. Die jeweiligen menschlichen Rollen im Film sind zu kurzlebig und zu oberflächlich, um dem Film irgendeine prägnante Aussage zu geben. Es fehlt einfach an Fokus. Was im genialen Puppenspiel auf der Bühne für Magie und Empathie gesorgt hat, ist in diesem rührseligen Epos nur seichtes Melodrama. Der Streifen leidet sichtlich an Überlänge, besonders wenn man bedenkt, dass er an ein jüngeres Publikum gerichtet ist, weswegen die Kampfszenen auch äußerst unterbelichtet sind. Man sieht wenig Blut, die Kamera schwenkt vor jedem potentiellen Schreckensmoment ängstlich weg. „War Horse“ bleibt schließlich lediglich ein Feuerwerk an melodramatischen Szenen, das sein junges Publikum sichtlich unterschätzt und dem erwachsenen Zuschauer zu wenig Tiefgründigkeit bietet.

Im Utopolis, Scala, Sura, CinéBelval, Cinémaacher und Prabbeli.


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