GRUPPENAUSSTELLUNG: Staubfänger

Es sollen fast 100 Künstler gewesen sein, die sich in diesem Jahr für eine Beteiligung am Salon des Cercle artistique Luxembourg (CAL) beworben haben. Die Jury wählte schließlich 92 eingereichte Arbeiten von 38 Künstlern aus, die ob ihrer Qualitäten zur Zeit im Carré Rotondes in Luxemburg gezeigt werden. Um die Pointe vorwegzunehmen, ging der Preis der Jury, der Prix Pierre Werner – alle zwei Jahre ausgelobt vom Ministère de la Culture und dotiert mit überwältigenden 2.479 Euro – an die Luxemburger Künstlerin Doris Drescher.

Dabei betonte die Kulturministerin Octavie Modert in ihrer Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung die Bedeutung des Salons als Orientierung und Unterstützung besonders für junge Künstler und Talente aus Luxemburg. Doch der Kunst hierzulande fehlt die Jugend, das wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass nur sechs der ausgestellten 38 Künstler unter dreißig sind und nicht einmal ein Drittel von ihnen unter vierzig.

Vielleicht ist zu den jungen Talenten aber auch ein Maler wie der über sechzigjährige Robi Gottlieb-Cahen zu zählen, der zwar male seit er sich erinnern könne, aber erst vor wenigen Jahren damit an die Öffentlichkeit getreten ist. Sein im Vergleich zu den anderen ausgestellten Stücken recht kleinformatiges Porträt einer jungen Frau, die ihrer ganzen Ausstrahlung nach nicht in unsere Zeit zu passen scheint, nimmt gefangen durch deren Souveränität und gleichermaßen durch deren Verletzlichkeit. Ist sie lächelnde Schlagende oder weinende Geschlagene? Weniger subtil greift der 31-jährige Pascal Piron dieses Thema auf, indem er in seinen Gemälden feiernde Massen einem sich der Polizeigewalt kaum mehr widersetzenden Demonstranten gegenüber stellt.

Einem Aufruf gegen die Gewalt widmet sich auch der eher als Illustrator bekannte Fränz Dasbourg mit seinen Porträts von Jugendlichen, die im Gefängnis in Freetown in Sierra Leone wegen geringer Vergehen lange Haftstrafen in miesesten Verhältnissen aussitzen müssen. Diese technisch beeindruckenden, wegen ihrer Glanzpunkte aber allzu steril wirkenden Bilder entstanden nach Arbeiten des spanischen Fotografen Fernando Moleres, der im letzten Jahr einen World Press Photo Award für seine Fotoserie erhielt.

Dazwischen hängen Tom Fabers und Jean-Claude Salvis Fotografien, die sich akzentuiert mit dem Verfall der kapitalistischen, globalisierten Gesellschaft auseinandersetzen, im Falle Salvis gerade in Luxemburg selbst. All das ist – abgesehen von Robi Gottlieb-Cahens Porträt – in erster Linie weniger kreativ als dokumentarisch.

Besonders erwähnenswert sind darüber hinaus die Fotografien Martine Pinnels oder die herausragenden Gemälde von Carine Kraus, die in ihrer fotorealistischen Unschärfe an Gerhard Richter erinnern. Oft wirken Titel, die Künstler ihren Arbeiten geben, als würden sie sich und ihre Werke so gering schätzen, dass sie ihren eigenen und den Wert ihrer Werke durch die von ihnen gewählten Titel ersetzen wollten. Je absurder desto philosophischer und demzufolge zwangsläufig besser. Kraus zeigt bei ihren Bildern mit dem Wechsel des Titels von „Chiens et Loups“ hin zu „entre chiens et loups“ ein Gespür, das allein sie schon abhebt.

Dennoch bleibt der nachhaltige Eindruck, dass Originalität und Innova-tion und damit die künstlerische Kreativität bei diesem Salon weitestgehend auf der Strecke bleiben. Eine Skulptur aus dem Schieferbaukasten und ein einsames Video können nicht genug sein, um in einem vom Internet und all seinen Möglichkeiten bestimmten Zeitalter zeitgenössische Kunst zu zeigen und zu prämieren. Kunst beschränkt sich nicht nur auf Druck, Malerei oder Fotografie. Kunst heißt über die vorhandenen Möglichkeiten hinauszuwachsen. Es stellt sich die Frage, wer da aufwachen muss. Wenn man sich die aktuelle – und immer noch veraltete – Internetseite des CAL ansieht, liegt die Antwort wohl auf der Hand.

Noch bis zum 2. Dezember im Carré Rotondes.


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