MUSIKTHEATER: Von Menschen und Maschinen

Virus Alarm im Wellness- Zentrum: Charles Muller über Computer, Kulturpessimismus und musikalische
Gefühlsausbrüche.

„Ich bin kein Dekonstruktivist“:
Charles Muller präsentiert Unbequemes auf die unterhaltsame Art.

Bei Charles Muller trägt der Platzhirsch ein Geweih. Der Darsteller wird in seiner Rolle zur Metapher. Einer von ihrem Freund abhängigen Frau wird ein Hundehalsband angelegt. Und ein verlassener Maler schenkt seiner großen Liebe zum Abschied ein Bild mit einem Paar Schuhe. Es geht um Zwischenmenschliches: Macht, Liebe und das Ende von beidem. „Kommunikation und ihre Parameter sind von jeher meine Themen gewesen“, sagt der Regisseur und Schauspieler Muller, der im Auftrag des TNL die Kammeroper „Virus Alert“ inszeniert. Wie es der Titel schon vermuten lässt steht aber nicht nur der Mensch im Mittelpunkt, sondern vor allem auch die Maschine und ihr wachsender Einfluss auf das tägliche Leben.

Wellness und Virtualität

Im Ursprung ist „Virus Alert“ als kritischer Blick auf das Computerzeitalter konzipiert. Das Auftragswerk der belgischen Komponistin Jacqueline Fontyn taucht ab in das Gewirr von Informationskriminalität und Chiphandel. Das allein aber war Charles Muller jedoch nicht aussagekräftig genug. Um der Aufführung eine größere Vielschichtigkeit zu verleihen, fügte der Regisseur dem Werk eine neu erdachte Rahmenhandlung hinzu, in der Konflikte nicht nur vor dem Bildschirm ausgetragen werden.

In Mullers Inszenierung mieten sich unter anderem ein ausgebrannter Manager und eine Künstlerin in ein Wellness-Zentrum ein. Zur Entspannung sollen sie dort eine Oper gestalten. „Im Verlauf der Aufführung verlassen wir bewusst die realistische Ebene, um in einem Traumspiel zu enden“, erklärt Charles Muller. Die beiden Erzählstränge vermischen sich, auch im Bewusstsein der Figuren. Immer wieder verlassen sie die erste Ebene, auf der komplizierte Beziehungsgeflechte gesponnen werden, um in ihre Opernrolle zu schlüpfen und damit auch in die Cyberwelt. Als sich die Situation zuspitzt, wird es für die Beteiligten immer schwieriger, zwischen ihrer Rolle und dem „richtigen“ Leben zu unterscheiden. Die tragische Liebesgeschichte, die als Rahmenhandlung dient, beginnt die eigentliche Aufführung der Kammeroper zu unterwandern.

„Ich bin kein Dekonstruktivist“, sagt Charles Muller. Bei allem komplexen Pendeln zwischen den verschiedenen Ebenen, soll „Virus Alert“ doch in erster Linie unterhalten. Grotesk muss nicht gleichbedeutend sein mit verstörend. Was nicht heißen soll, dass dem Publikum im TNL leichte Kost vorgesetzt wird. Das Endresultat entfernt sich von der klassischen Opernform: „Obwohl wir die Mittel der Oper benutzen, setzen wir sie in einen anderen Kontext.“

Die 1930 geborene Jacqueline Fontyn wollte mit ihrem Werk nicht nur eine künstlerische Herausforderung schaffen, sondern auch eine Botschaft vermitteln. „Wenn die Maschinen schweigen, finden die Menschen wieder zueinander“, fasst Charles Muller kurz die Grundphilosophie der Komponistin zusammen. Diesen Kulturpessimismus teilt der Regisseur jedoch nicht, zumindest nicht in dieser Form. Wenn der Computer oder die Spielkonsole zum Instrument der sozialen Isolation wird, dann sucht Charles Muller die Ursache bei dem Benutzer. „Virus Alert“ zeigt zwar einen Jugendlichen, der vor seiner X-Box vereinsamt, das aber vor allem aus dem Grund, weil die Erwachsenen zu sehr mit ihren eigenen Machtkämpfen beschäftigt sind, um die seelische Not des Teenagers zu bemerken.

„Ein Raum geistiger Freiheit“

Als „Kammeroper für Jugendliche“ wird „Virus Alert“ angepriesen und natürlich wird die Thematik in erster Linie jüngere Leute ansprechen. Ein wirkliches Zielpublikum gibt es für Charles Muller jedoch nicht. Nur so viel ist sicher: „Mit herkömmlichen Hörgewohnheiten kommt man nicht weit“. Nicht nur der Regisseur erlaubt sich in seiner Inszenierung das Spiel mit den Konventionen. Auch die Komponistin versucht bewusst, die traditionellen Formen der Oper aufzulösen. Es gibt kein eigentliches Leitmotiv, die Identifikation mit den Figuren funktioniert vor allem durch Klangfarben. „Virus Alert“ verlangt von seinem Publikum, dass es sich assoziativ mit den Klängen auseinander setzt, das Gehörte ist interpretierbar.

Die musikalische Leitung übernahm Camille Kerger, der Fontyn auch den Auftrag für die Oper erteilte. Außergewöhnlich ist die eigentliche musikalische Umsetzung. Auf der Bühne stehen neben Profisängern und Halbprofis auch Amateure. „Diese Vielfalt unter einen ästhetischen Hut zu bringen ist nicht ganz einfach“, erklärt Charles Muller, fügt jedoch hinzu: „Ich liebe meinen Chor für ihren Idealismus. Die Sänger haben wenig Bühnenerfahrung, aber dafür ein umso größeres Herz.“

Besonders für Luxemburg ist eine derartige Konstellation nicht ungewöhnlich. Charles Muller arbeitet seit langem als Schauspieler und Regisseur im deutschsprachigen Ausland und weiß deshalb um die Unterschiede zwischen einem Land mit einer langen Theatertradition und Luxemburg, wo die Szene erst jetzt wirklich zum Leben erwacht. „Im Moment ist Luxemburg spannender als Deutschland“, sagt Muller, „es passiert sehr viel und es ist schön, ein Teil davon sein zu dürfen.“

Charles Muller war bereits früh ein Teil der luxemburgischen Theaterlandschaft, wenn auch anfangs eher im kleinen Rahmen. Alles begann im Limpertsberger Scoutentheater, wo der heute 41-Jährige erste Bühnenerfahrungen sammelte. Geprägt hat ihn auch Tun Deutsch, „eine beeindruckende Persönlichkeit.“ Später stand Muller dann selbst im Kasemattentheater auf der Bühne. Cambridge, Stuttgart, Heidelberg und Basel sind nur einige der Stationen in der Karriere des vielseitigen Luxemburgers. Ob als Darsteller oder als Dozent war er sowohl im Inland und Ausland aktiv. Daneben ging er noch seiner zweiten Leidenschaft nach, dem Fechten. 1982 wurde er luxemburgischer Florettmeister. 1984 begann Muller seine Regietätigkeit mit Anton Tschechows „Der Bär“. 2003 inszenierte er zuletzt sehr erfolgreich „Norway, Today“ von Igor Bauersima im Kapuzinertheater. Für Muller ist Theater vor allem eine Möglichkeit, das Leben immer wieder auf verschiedene Arten zu interpretieren. „Ein 40-Stunden-Job wäre nichts für mich. Ich genieße es immer wieder, neuen Menschen zu begegnen.“ Die Kunst bezeichnet er als „Raum geistiger Freiheit“.

Und in diesem Raum inszeniert Charles Muller mit Vorliebe emotionale Vexierspiele. Während es bei Jacqueline Fontyn die wahren Gefühle sind, die den Menschen von der Diktatur der Maschinen befreien, zeigt Muller wie gefährlich diese Gefühle werden können, wenn sich die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verwischen.


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