50 JAHRE KASEMATTENTHEATER: Oase der Avantgarde

Vor rund 50 Jahren gründete Tun Deutsch das Kasemattentheater. Sein Anspruch, ein neues literarisches und avantgardistisches Theater mit einem Bildungsauftrag zu schaffen, hat noch heute Gültigkeit.

Wer gehört heute zum Establishment? Die jungen Wilden von einst …

„Theater braucht Brüche und Neuanfänge“, leitet Marc Limpach seinen Aufsatz in dem Buch zum fünfzigjährigen Bestehen des Kasemattentheaters ein. Das kleine Off-Theater in Bonneweg hat viele solcher Brüche erfahren, bis es sich als feste Größe in der Kulturszene etabliert hat. Und doch kann man nicht wirklich von einer „etablierten Institution“ sprechen, denn noch immer gilt das Kasemattentheater als Geheimtipp, bietet alternatives und avantgardistisches Theater mit außergewöhnlichen Inszenierungen und ist so dem Geist seines Gründers Tun Deutsch treu geblieben. Die beiden Gründer, der Schauspieler Deutsch und, gewissermaßen als Manager, Pierre Capesius haben einen reichen Fundus hinterlassen, ein regelrechtes Privatarchiv. Aus dessen Zeitungsartikeln, Pressemitteilungen, Verträgen, und nicht zuletzt sogar Kneipenrechnungen lassen sich die Etappen der Geschichte des Kasemattentheaters seit 1964 nachvollziehen. Limpach hat sich die Mühe gemacht, einzelne dieser Etappen sorgsam zu rekonstruieren. In seinem Text im Jubiläumsbuch gibt er einen Überblick über die Motivationen der Gründer und Mitwirkenden des Theaterensembles – von den Anfängen bis heute. Über markante Persönlichkeiten und Inszenierungen berichtet Christian Mosar.

Der elfte Dezember 1964 ist der Tag, an dem der Verein des Kasemattentheaters, das „Centre grand-ducal d’art dramatique a.s.b.l.“ von Tun Deutsch „und einigen Komplizen“, wie es verschwörerisch in Limpachs Aufsatz heißt, in das Handelsregister eingetragen wurde. „Das war der Urknall“, erinnert sich der schauspielerische Leiter des Kasemattentheaters, Germain Wagner. Die Abkehr von dem als autoritär geltenden Eugène Heinen, bei dem Deutsch Unterricht genommen hatte, und die Gründung seines eigenen Theaters stellten einen Neuanfang im Theaterleben Luxemburgs dar. „Vorher war es Brachland hier, es gab das heutige Kapuzinertheater als Stadttheater – bis Tun Deutsch mit seinem festen Willen, literarisches Theater zu machen, das durchbrach“, erzählt Wagner.

Die Abkehr von dem als autoritär geltenden Eugène Heinen, bei dem Deutsch Unterricht genommen hatte, und die Gründung seines eigenen Theaters stellten einen Neuanfang im Theaterleben Luxemburgs dar.

Nach einem Studium des Schauspiels in Düsseldorf, Nancy und Paris empfand Deutsch das Theater Heinens als verstaubt und nicht mehr zeitgemäß. Sein Traum zu Beginn der 1960er war, ein Ensemble zu gründen, das zeitgenössisches Theater und professionelles Schauspiel miteinander verbinden würde. Eben kein Boulevardtheater, sondern literarisches Theater hatte er im Sinn. So kehrte er seinem autoritären Mentor und seiner Gruppe „Les compagnons de la scène“ den Rücken und gründete kurz entschlossen das „Großherzogliche Zentrum für Schauspielkunst“ (CGA). Die erste Aufführung war ein Rezitationsabend, bei dem er selbst Gedichte vortrug. Den endgültigen Bruch mit Heinens Truppe markierten die Aufführungen am 4. und 9. April 1964 mit einem Poesieabend „De Villon à Prévert“. – Eine Alternative zum etablierten Theater war geschaffen.

Denn geboten wurde Aufrüttelndes. Gespielt wurde in den Anfängen vor allem die Klassiker des absurden Theaters: Eugène Ionesco und Samuel Beckett. Schnell hieß es, dass dieser Tun Deutsch „neumodisches Theater“ spiele. Tatsächlich schwebte dem Gründer des Kasemattentheaters ein modernes, avantgardistisches Theater mit neuen Autoren vor, das die Chance böte, ein neues Publikum in die Spielstätten zu ziehen. Der pädagogische Anspruch, Theater als Medium der Vermittlung von Bildung zu betreiben, aber auch eine Erziehung zum Theater selbst, waren ebenfalls Teil seiner Vision, die sich bis heute gehalten hat. Nach wie vor begreift sich das Kasemattentheater als kreative Plattform für junge Theaterschaffende.

Mit den Ionesco-Dramen „La Leçon“ und „La jeune fille à marier“ entstanden im Sommer 1965 erste Inszenierungen in den Festungsanlagen der Stadt, den Kasematten, im Bockfelsen. Zugleich wurde damit ein regelmäßiges Theatersommerfestival geschaffen – und schon bald etablierte sich der neue Name „Kasemattentheater“ im allgemeinen Sprachgebrauch und wurde auch von der Presse zitiert.

Tatsächlich schwebte dem Gründer des Kasemattentheaters ein modernes, avantgardistisches Theater mit neuen Autoren vor, das die Chance böte, ein neues Publikum in die Spielstätten zu ziehen.

Ein Ortswechsel wurde wieder nötig, als die Bockkasematten saniert werden mussten. So zog die Truppe in den Tramschapp, einen Teil des stillgelegten Straßenbahndepots auf Limpertsberg. „Auch ein romantischer Ort, so recht für ein Off-Theater geeignet“, schrieb, in einem kleinen Band zum dreißigsten Geburtstag des Theaters Haidy Jacobi, die Schauspielerin, die von allen die längste Zeit über im Kasemattentheater spielte, auch Regie führte und zeitweise die künstlerische Leitung innehatte. Galt das Ambiente der Kasematten zunächst als besonders romantisch, so wurde es mit der Zeit zunehmend als „feucht-kalt, unbequeme Stühle, etc.“ kritisiert, wie Jacobi berichtete. Im März 1998 überließ die Stadt Luxemburg dem Ensemble schließlich eine ehemalige Lagerhalle als feste Spielstätte. Der Saal wurde nach dem Gründer Tun Deutsch benannt, der bereits 1977, nur 45 Jahre alt, verstorben war.

Seit seinen Anfängen war das Kasemattentheater von der Aufbruchstimmung seiner Gründer geprägt: neue Inszenierungsstile, eine andere, partizipative Probenerfahrung, innovative Spielstätte(n) und vor allem das Engagement für zeitgenössische Autoren waren seine Besonderheit. Denn hier, da war sich Gründer Tun Deutsch sicher, galt es eine Lücke zu füllen, und der urige Ort, die Kasematten, waren das beste Symbol dieses neuen Stils.

Bis zur Gründung des Ensembles konnten Luxemburger sich nur im Ausland zu Schauspielern ausbilden lassen. Viele von denen, die später das Kasemattentheater prägen sollten, hatten dies auch getan. Sie schnupperten die Luft und vor allem den Alltagstress an den großen Schauspielhäusern und kamen geerdet und voller Ideen zurück. So auch Joseph Noerden und Georges Ourt, die das Kasemattentheater in den 1960er Jahren künstlerisch prägten. Die Schauspieler der zweiten Generation nach Tun Deutsch, Eugène Heinen, Marc Olinger und Philippe Noesen, bestehend aus jungen Wilden wie André Jung, Josiane Peiffer, Steve Karier, Germain Wagner, Frank Hoffmann und Frank Feitler, zählen heute zum „Who-is-who“ der Luxemburger Theaterszene. Einige von ihnen machten im Ausland beachtliche Karrieren. Die ersten Auftritte André Jungs, von dem es heißt, er sei Tun Deutschs liebster Schüler gewesen, im Kasemattentheater in „Mann ist Mann“ (1974) und „Trommeln in der Nacht“ (1981) gelten als legendär. Nach seinem Studium in Stuttgart bekam Jung zahlreiche Engagements an deutschen Bühnen. 1981 und 2002 wurde er von der Zeitschrift „Theater heute“ zum Schauspieler der Jahres gekürt, 2003 erhielt er die Goldene Maske in Zürich.

Die Schauspieler der zweiten Generation nach Tun Deutsch bestehend aus den jungen Wilden zählen heute zum „Who-is-who“ der Luxemburger Theaterszene.

Germain Wagner, seit Herbst 2007 künstlerischer Leiter des Kasemattentheaters, stand erstmals 1978 in „Frankenstein“ auf der Bühne des kleinen Off-Theaters. Nach einem Studium an der Stuttgarter Schauspielschule debutierte er 1981 gemeinsam mit André Jung in „Trommeln in der Nacht“. Nach Engagements in Zürich, Freiburg, Hannover, Oberhausen und München, ist er seit 2002 freier Schauspieler.

Mit Frank Hoffmann und Frank Feitler hielt das Regie-Theater auch in Luxemburg Einzug, beziehungsweise gewann es deutlich an Profil. Hoffmann, ebenfalls Schüler Deutschs, inszenierte nach seinem Studium (der Germanistik, Romanistik und Philosophie) in Heidelberg 1981 „Trommeln in der Nacht“ am Kasemattentheater. Im Jahr darauf folgte Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“. Mit dem Schillerfragment „Demetrius“ (mit Steve Karier in der Hauptrolle) gelang Hoffmann und Feitler der internationale Durchbruch. Feitler kehrte nach Engagements in Basel und Hamburg als Dramaturg 1990 nach Luxemburg zurück und wurde im Mai 2001 Intendant des städtischen Theaters. Hoffmann gründete 1996 das Thèâtre National du Luxembourg (TNL) und wurde 2004 für zwei Jahre Interimsleiter, dann künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele Recklinghausen. So kann man das Kasemattentheater durchaus als Kaderschmiede bezeichnen. Doch die Engagements der Schauspieler an ausländischen, vorwiegend deutschen Bühnen stellen das kleine Theater zugleich vor ein Dilemma: Als luxemburgische Theatergruppe verfügt es zwar über eine große Reserve an in Luxemburg bekannten Berufsschauspielern, doch sind diese zum Teil noch durch Verträge an ausländische Bühnen gebunden und stehen daher nur gelegentlich für die Produktionen des Kasemattentheaters zur Verfügung.

So wie das absurde Theater Ionescos in den Anfängen den Nerv der Zeit traf, so schaffte das Theater es trotz stetig wechselnder Leitungen immer wieder, mit neuen zeitgenössischen Inszenierungen zu überraschen. Im Jubiläums-Buch findet sich so auch eine chronologische Übersicht über die Produktionen.

Mit Frank Hoffmann und Frank Feitler hielt das Regie-Theater auch in Luxemburg Einzug und gewann deutlich an Profil.

Seit Germain Wagner mit Marc Limpach als Dramaturg 2008/2009 die Programmation übernommen hat, präsentiert das Theater jährlich ein komplettes Spielzeitprogramm, und noch immer weht ein frischer Wind. Neben den Tucholsky-Lesungen, die in den letzten Jahren immer wieder neu aufgenommen wurden und die der Tradition der Theaterkonzeption Tun Deutschs verhaftet bleiben, überrascht das Duo mit Inszenierungen von AutorInnen wie Sarah Kane oder Yasmina Reza, die den linken Zeitgeist widerspiegeln und zugleich den Nerv der Zeit treffen. Mit „Kult“ – einer Inszenierung von Anne Simon in der Spielzeit 2009/2010 – wurden auf der Bühne des Kasemattentheaters die Inszenierungsgesetze von Internet-Communities infrage gestellt und die optimale Selbstvermarktungsstrategien von Social Media kritisch durchleuchtet. So spielten die Schauspielerinnen in transparenten Kästen. „Ein anarchistischer Bankier“ von Fernando Pessoa, gelesen von Germain Wagner und der Land-Redakteurin Michèle Sinner, war ein weiteres Highlight der letzten Jahre. Die satirische Erzählung Pessoas mündet in die Erkenntnis, dass der wahre Anarchist zwangsläufig Bankier werden muss. Mit „U5“ von Pol Sachs wurde ein Stück Berlin nach Luxemburg geholt. Die Produktion erinnert entfernt an das berühmte Musical „Linie 1“ des Grips-Theaters. Mit Stücken von Guy Helminger und Pol Cruchten kamen in den letzten Jahren aber auch Luxemburger Autoren immer wieder zum Zug. Cruchtens Inszenierung von Theo van Goghs „Das Interview“ mit Fabienne Elaine Hollwege und Steve Karier erfuhr ein euphorisches Presse-Echo. Das zwei-Figuren-Stück „Gift“ von Lot Vekemanns mit Désirée Notbusch und Germain Wagner in den Hauptrollen war schließlich ein noch größerer Erfolg. Ähnliches gilt für „Exit“, das im vergangenen Jahr im Kasemattentheater als deutschsprachige Erstaufführung gespielt wurde. „Mein Essen mit André“, das in der Brasserie Guillaume in diesem Jahr wiederaufgeführt wurde, und die jüngste Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ zeugen schließlich von der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stefan Maurer, der in der Jubiläums-Publikation aus seiner Außenperspektive einen „Fremdblick“ auf seine Regie-Arbeit in Luxemburg wirft.

Mit Stücken von Guy Helminger und Pol Cruchten kamen in den letzten Jahren auch Luxemburger Autoren immer wieder zum Zug.

Dabei schwankt die Auslastung des kleinen Theaters zwischen 70-80 Prozent, berichtet der künstlerische Leiter. „50 Jahre Kasemattentheater bedeutet, ständig um die Finanzierung bemüht sein. Es heißt Überzeugungsarbeit leisten, auskommen mit bescheidenen Budgets, haushalten, überleben neben finanziellen Großmogulen (…)“, schreibt die Präsidentin des Kasemattentheaters Germaine Goetzinger in ihrem Vorwort. Wird das kleine Theater unter den Sparmaßnahmen der Regierung also bluten? „Wir sind ein extrem armes Theater“, konstatiert Wagner. Man liege jetzt bei 124.000 Euro für eine Spielzeit. Rund 80.000 Euro erhalte man vom Ministerium, 29.000 Euro von der Stadt, und der „Fonds Culturel National Luxembourg“ (Focuna) beteilige sich über eine Konvention mit 25.000 Euro, die nun aber auf 15.000 Euro reduziert worden seien. „Wenn es zu Kürzungen kommt, dann gibt es uns nicht mehr – so einfach ist das“, konstatiert Germain Wagner trocken, der einen Mangel an Gespür seitens des Kulturministeriums befürchtet. Schon vor zwanzig Jahren schien ungewiss, ob das Theater „überhaupt erhalten bleibt“, wie Jacobi damals schrieb. Wie real die Gefahr diesmal ist, wird sich zeigen.

Es bedarf dieser Nische, in der das kleine Off-Theater noch immer avantgardistisches Theater macht, in unserer schnelllebigen Zeit.

So muss sich das Kasemattentheater um seine Existenz sorgen, obwohl es nicht erst nach 50 Jahren seinen Platz gefunden hat. Rund 2.815 „Freunde“ oder wohl eher „Fans“ zählt es auf Facebook. Verglichen mit den großen Häusern führt es zwar ein Nischendasein, doch bedarf es dieser Nische, in der in dem kleinen Off-Theater noch immer avantgardistisches Theater gemacht wird, in unserer schnelllebigen Zeit, in der der Finanzplatz bröckelt und die Gesellschaft von Konkurrenzdenken und Profitstreben getrieben ist, mehr denn je. Denn abseits des etablierten Theaterbetriebs schafft das Kasemattentheater noch immer das, was Gründer Tun Deutsch vorschwebte: Es leistet Bildungsarbeit, trägt zur Politisierung jüngerer Generationen bei und hält mit seinen Produktionen der wohlhabenden Hauptstadt wie unserer gesamten Gesellschaft den Spiegel vor. Damit erfüllt es eine emanzipatorische Funktion, wie kaum eine der etablierten Kulturinstitutionen. Keine Frage – ohne die kleine Bühne in Bonneweg stünde die Luxemburger Kulturszene ärmer da!

Das Buch „50 Jahre Kasemattemtheater (1964-2014)“, herausgegeben vom Centre grand-ducal d’art dramatique asbl ist im Druckverlag Kettler erschienen und kostet 30 Euro.


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