Kommunalpolitik an den Kriterien der Gemeinwohlökonomie messen: Wie die Gemeinde Mertzig dazu kam und was das Ergebnis ist. (Siehe unten die BegrĂŒndung fĂŒr eine nachtrĂ€gliche Artikel-Korrektur)

(Gemeinwohlbericht Mertzig 2020; Jason Goldschmit)
âIm gegenwĂ€rtigen Wirtschafts- system (âŠ) ist es fĂŒr Unternehmen von Vorteil, die sozialen und nachhaltigen Kriterien so zu vernachlĂ€ssigen, damit die Produkte oder Dienstleistungen am billigsten angeboten werden könnenâ, legt Stefano DâAgostino das Problem dar. Der CSV-Politiker und Erster Schöffe der Gemeinde Mertzig ist eine*r der Protagonist*innen eines kommunalen PrĂ€sentationsvideos zur Gemeinwohlökonomie. Die Lösung erlĂ€utert gleich darauf BĂŒrgermeister Mike PoirĂ© (DP): âDies kann jedoch dank der Gemeinwohl-Ăkonomie geĂ€ndert werden. (âŠ) Unternehmen, die zum Wohl unserer Gesellschaft beitragen, sollten belohnt und als erfolgreich angesehen werden.â
Das Video ist Teil eines Pressedossiers, das jetzt vermailt wurde, sich aber auf ein Ereignis von Dezember 2020 bezieht: die Vorstellung des 2019 begonnenen Gemeinwohlberichts. Dabei geht es um die Bewertung der Rolle, die eine Firma oder eine Institution spielt, anhand der Kriterien der Gemeinwohlökonomie. Diese wiederum geht zurĂŒck auf den österreichischen Autor und Theoretiker Christian Felber, der versucht, ökonomisches Handeln und ethische Ziele zu verbinden. Der Bewertungsprozess soll helfen, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln, ist mittlerweile aber auch einfach Teil des Audit- und Beratungswildwuchses, der weltweit alle möglichen Label verteilt. In Luxemburg hat 2014 erstmalig die Oikopolis-Gruppe (Bioprodukte und -lĂ€den) einen Gemeinwohlbericht erstellt und zertifizieren lassen. Nun hat sich Mertzig einer solchen Bewertung unterzogen â als erste Gemeinde in Luxemburg.
Die Gemeinde liegt in der westlichen Nordstad-Peripherie, wĂ€chst schnell und zieht junge, gut situierte Familien an. Die CSV ist, wie fast ĂŒberall im Nordbezirk, stĂ€rkste Partei, doch die DP erhĂ€lt ĂŒberdurchschnittlich viel Zuspruch und die GrĂŒnen befinden sich im AufwĂ€rtstrend. Die beiden ârechtenâ Parteien stellen das RĂŒckgrat der Liste, die 2017 triumphierte. Neben Mike PoirĂ© drĂŒckt vor allem Stefano DâAgostino der Erneuerung der Gemeindepolitik seinen Stempel auf. Auch wenn Gemeinwohl ein bisschen nach Sozialismus klingt: Felbers theoretische Basis stellt mittlerweile auch die Werte MenschenwĂŒrde, SolidaritĂ€t, ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische Mitbestimmung und Transparenz in den Vordergrund â damit können sich auch CSV- und DP-Politiker*innen anfreunden.

(Gemeinwohlbericht Mertzig 2020; Jason Goldschmit)
Kein Zweifel, die Gemeinde Mertzig hat in Sachen Gemeinwohl und Nachhaltigkeit so manches aufzuweisen. Der Gemeinwohlbericht erwĂ€hnt Initiativen wie Fairtrade-EinkĂ€ufe, Repair-CafĂ© sowie BĂŒcher- und Give-Box, fĂŒhrt an, dass die Gemeinde im Rahmen des Klimapakts das âGold-Auditâ bestanden hat. Doch es hilft alles nichts: Das arithmetische Ergebnis des Gemeinwohlberichts ist alles andere als gut. In keinem Bereich erreicht die Gemeinde mehr als 4 von 10 Punkten, meistens liegt sie bei 2 oder 3. Das Endergebnis steht nicht im Bericht; auch wird das â in absoluten Zahlen â schlechte Abschneiden nicht kontextualisiert. Im Video wird immerhin angemerkt, der Weg sei das Ziel.
Blick in den Spiegel
Wer Felbers AnsprĂŒche an ein gutes Wirtschaftssystem kennt, weiĂ, dass keine Spitzenergebnisse möglich sind. Oikopolis brachte immerhin ein Ergebnis von ĂŒber 600 von 1.000 Punkten zustande. FĂŒr ihr schwaches Ergebnis muss sich die Gemeinde Mertzig aber nicht schĂ€men: Als Pionierin hat sie den Blick in den Spiegel gewagt, in dem andere Gemeinden kaum besser aussehen wĂŒrden. Der Bericht kann als Aufforderung genutzt werden, auf UnzulĂ€nglichkeiten, die bisher ausgeblendet wurden, einzugehen. Und die schlechte Note ist eigentlich auch ein Armutszeugnis fĂŒr die Rahmenbedingungen: das System, in dem wir leben.
Korrektur (Juni 2022): In der ursprĂŒnglichen Fassung wurde das Mertziger Ergebnis als âDatzâ bezeichnet. Das trifft nicht zu, insofern die theoretische Bewertungsskala von -10 bis +10 reicht. Die Charakterisierung der Bewertung wurde im Artikel dementsprechend abgeĂ€ndert.

