Europawahlen: Rechte profitieren weiter vom Credo der Alternativlosigkeit

von | 15.02.2024

Laut Umfragen wird die populistische und autoritĂ€re Rechte bei den Europawahlen jeden vierten Sitz im Europaparlament erringen. Doch auch das Zentrum rĂŒckt immer weiter nach rechts. Über einen 2014 begonnenen Trend.

Der Platz links im Bild bleibt frei: Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor OrbĂĄn und Marine Le Pen vom französischen „Rassemblement National“ – zwei AushĂ€ngeschilder der europĂ€ischen autoritĂ€ren Rechten. (Foto: EPA-EFE/MARCIN OBARA POLAND OUT)

Schon wieder eine Umfrage, die einen massiven Stimmzuwachs rechtsextremer Parteien bei den Europawahlen im Juni prognostiziert: Am vergangenen Montag veröffentlichte das Nachrichtenmagazin „Politico“ die Ergebnisse einer im Januar durchgefĂŒhrten Telefonumfrage, wonach dies in vier der fĂŒnf beteiligten LĂ€nder zu erwarten ist – in Italien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Lediglich in Polen ergibt sich ein etwas anderes Bild.

In Frankreich wĂŒrde der „Rassemblement National“ dieser Vorhersage nach ein Drittel aller Stimmen einfahren, wĂ€hrend Éric Zemmours „ReconquĂȘte“ sechs Prozent erhielte. Das von PrĂ€sident Emmanuel Macron gegrĂŒndete ParteienbĂŒndnis „Ensemble“ wĂŒrde 14 Prozent der Stimmen erhalten. In Deutschland wĂŒrde die „Alternative fĂŒr Deutschland“ (AfD) im Vergleich zu den Europawahlen von 2019 von 11 auf 17 Prozent der Stimmen klettern.

Zu den GrĂŒnden fĂŒr ihr Votum befragt, gab der Großteil der Befragten an, die Situation im eigenen Land sei dafĂŒr ausschlaggebend. Nirgends war die europĂ€ische Ebene den Befragten wichtiger als in Deutschland, und auch da nannten nur 15 Prozent die EU-Politik als Grund fĂŒr ihre Entscheidung. In Frankreich, Deutschland, Italien und Polen sind die erdrĂŒckenden Lebenshaltungskosten das maßgebliche Thema, in den Niederlanden ist es die Wohnungskrise. Als zweitwichtigstes Problem nannten die Menschen in Italien und Polen die Gesundheitsversorgung; in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden die Migrationspolitik.

Bereits Ende Januar hatte der „European Council on Foreign Relations“ (ECFR) eine Prognose veröffentlicht, aus der sich ein Ă€hnliches Bild ergibt. Demnach werden in allen oben genannten LĂ€ndern außer Deutschland antieuropĂ€isch orientierte populistische Parteien als Siegerinnen aus den Wahlen zum Europaparlament hervorgehen. Das selbe gilt fĂŒr Österreich, Belgien, die Tschechische Republik sowie die Slowakei. Das könne fĂŒr kĂŒnftige europapolitische Entscheidungen einen „scharfen Rechtsruck” bedeuten, so der Thinktank. Dies gelte insbesondere fĂŒr umweltpolitische Vorhaben wie den „European Green Deal“.

Zwar wird die „EuropĂ€ische Volkspartei“ (EVP) der Studie zufolge die stĂ€rkste politische Gruppe im EuropĂ€ischen Parlament bleiben. Doch die großen Gewinnerinnen werden die Parteien der populistischen Rechten. Mit 59 Sitzen bislang die zweitkleinste Fraktion, könnte „IdentitĂ€t und Demokratie“ (ID) auf 99 Sitze kommen. Damit wĂ€re die am weitesten rechts stehende Fraktion die drittstĂ€rkste Kraft im EU-Parlament, nach der EVP und der Fraktion der „Progressiven Allianz der Sozialdemokraten“ (S&D). In ID sind neben dem „Rassemblement National“ und der AfD unter anderem auch Gert Wilders‘ „Partei fĂŒr die Freiheit“ (PVV; derzeit ohne Sitz im EU-Parlament), die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) und der belgische „Vlaams Belang“ organisiert.

Der Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer (EKR), die bislang 68 Sitze innehat, wird ein Zuwachs von 18 Sitzen vorausgesagt. In ihr sind Parteien wie die ehemalige polnische Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) zusammengeschlossen.

Buhlen um OrbĂĄn

Beide Gruppen bemĂŒhen sich derzeit, Ungarns Fidesz an Bord zu bekommen. Die Partei des ungarischen MinisterprĂ€sidenten Viktor OrbĂĄn hatte die EVP 2021 verlassen, nachdem sie zuvor wegen der VerstĂ¶ĂŸe gegen die Rechtsstaatlichkeit nahezu zwei Jahre suspendiert gewesen war. Wer von den beiden Fidesz fĂŒr sich gewinnen kann, wird vermutlich zur drittgrĂ¶ĂŸten Gruppe im EU-Parlament avancieren, da die ungarische Partei laut der ECFR-Prognose weitere 14 Sitze mit sich bringt.

(Foto: EPA-EFE/TIAGO PETINGA)

OrbĂĄn selbst gab zuletzt zu verstehen, dass er sich auf die EKR orientiert und hat Anfang Februar gegenĂŒber den italienischen Tageszeitungen „La Repubblica“ und „La Stampa“ einen Beitritt nach den EU-Wahlen in Aussicht gestellt. Italiens MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni, deren „Fratelli d’Italia“ ebenfalls im EKR sind, hatte sich zuletzt als dynamisches Duo mit ihrem ungarischen Amtskollegen prĂ€sentiert und dessen Verzicht auf eine weitere Blockade der Ukraine-Hilfen auf ihren Einfluss zurĂŒckgefĂŒhrt. Sie hofft, ihn auf diese Weise an ihre Fraktion im EU-Parlament anbinden zu können und sich als große Strippenzieherin zu prĂ€sentieren. Dennoch bleibt OrbĂĄns grundsĂ€tzlich russlandfreundliche Haltung ein Grund, weshalb auch die ID sich noch Hoffnungen auf die Sitze macht, die er mit sich bringen wĂŒrde, da man in der Ukraine-Frage einer Meinung ist.

Gunnar Beck von der AfD, der stellvertretender Vorsitzender der ID-Gruppe ist, hĂ€lt es nicht einmal fĂŒr ausgeschlossen, dass sich die beiden Gruppen am Ende in einer Fraktion zusammenfinden. „Mit der EKR haben wir ja schon erhebliche inhaltliche Übereinstimmungen“, so Beck im Interview mit dem europapolitischen Nachrichtenportal „Euractiv“: „Im Grunde gibt es nur einen Bereich, nĂ€mlich die Außenpolitik – insbesondere der Ukraine-Krieg – wo die Zusammenarbeit etwas schwieriger ist.“

Wer auch immer OrbĂĄn und Co. schließlich fĂŒr sich gewinnen wird: Gemeinsam werden ID und EKR nach den Wahlen ĂŒber ein Viertel der Sitze im Parlament verfĂŒgen, sofern sich die Prognosen bewahrheiten. Das wird die ĂŒblichen themengebundenen Abstimmungskoalitionen gehörig durcheinander wirbeln und Auswirkungen nicht nur auf Themen wie Umweltpolitik und Migration haben, wo die Rechte weitere Restriktionen fordert und den einzelnen Mitgliedsstaaten diesbezĂŒglich auch mehr Freiraum gewĂ€hren will. „Nach Juni 2024 wird es fĂŒr die Abgeordneten der Mitte und der linken Mitte (
) wahrscheinlich schwieriger sein, sich gegen die fortgesetzte Aushöhlung der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der bĂŒrgerlichen Freiheiten in Ungarn und jedem anderen Mitgliedstaat, der sich in diese Richtung bewegen könnte, zu wehren“, so die Autor*innen der ECFR-Studie.

Dahinter steht eine fundamentalere Entwicklung, die mit dem Wahlergebnis im Juni vermutlich nur ihre Fortsetzung finden wird. Bereits nach den Europawahlen von 2019 hatte der niederlĂ€ndische Politikwissenschaftler Cas Mudde in einem Aufsatz fĂŒr das „Journal of Democracy“ analysiert, das Erstarken der populistischen radikalen Rechten sei „nur der sichtbarste Aspekt eines grundlegenderen Wandels in der europĂ€ischen Politik – eines Wandels, zu dem auch eine Verschiebung der WĂ€hlerprioritĂ€ten, eine deutliche VerĂ€nderung der Programme der etablierten Parteien und der wachsende Einfluss des ungarischen MinisterprĂ€sidenten und Förderers der ‚illiberalen Demokratie‘ Viktor OrbĂĄn gehören“.

Grundlegender Wandel

Diese Entwicklung hat laut dem Wissenschaftler mit den Europawahlen 2014 ihren Anfang genommen. Damals habe der Aufstieg des Populismus im weiteren Sinne begonnen, angeheizt durch die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 und die nachfolgende Große Rezession. Das FlĂŒchtlingsaufkommen im Jahr 2015 und die islamistisch motivierten TerroranschlĂ€ge in BrĂŒssel, Berlin, Paris und London im selben Jahr und den Jahren danach hĂ€tten fĂŒr die rechtspopulistischen Parteien dann einen „perfekten Sturm“ ergeben. Dazu hĂ€tten auch die Medien beigetragen. Statt die FlĂŒchtlingssituation nĂŒchtern als politische Aufgabe darzustellen, die es zu bewĂ€ltigen gelte, habe man bereitwillig von einer „Krise“ und damit von einer außer Kontrolle geratenen Situation gesprochen. Das habe die Menschen empfĂ€nglicher fĂŒr populistische und autoritĂ€re Rhetorik gemacht. Auch OrbĂĄns Aufstieg zum migrationspolitischen Widersacher in der EU habe damals begonnen.

Damit war das Feld bereitet fĂŒr den Erfolg der populistischen und extremen Rechten bei nationalen und auch bei den Europawahlen 2019. Zuvor sei auch medial eine Stimmung aufgebaut worden, als stĂŒnde ein KrĂ€ftemessen epischen Ausmaßes zwischen einer erstarkten Rechten und einem umkĂ€mpften Establishment bevor. Mudde erinnert jedoch daran, dass der Durchmarsch rechter Parteien lĂ€ngst nicht so vollstĂ€ndig war wie prognostiziert. So hĂ€tten der „Rassemblement National“ und die FPÖ bei der genannten EU-Wahl Prozente eingebĂŒĂŸt und Wilders’ PVV gar alle vier Sitze im Europaparlament verloren.

Den wichtigsten Aspekt sieht Mudde jedoch im Rechtsruck der etablierten rechten Parteien. Deren „fehlgeleitete Strategie“, die rechtsextremen und populistischen Parteien zu kopieren, habe den lĂ€ngst wieder abgeflauten Anstieg der Asylbewerberzahlen ĂŒberdauert. Die WĂ€hlerschaft jedoch habe sich hĂ€ufig lieber fĂŒrs Original anstatt fĂŒr die Kopie entschieden. Dies gilt umso mehr bei den Europawahlen. Zwar ist das Europaparlament das gesetzgebende Organ, doch hĂ€ngt die Exekutive – die EuropĂ€ische Kommission und wichtiger noch: der Rat der EuropĂ€ischen Union – vorrangig von den in den jeweiligen Mitgliedsstaaten verfolgten Politiken ab. Der Einfluss des gewĂ€hlten Gremiums ist also sehr reduziert. Solche Wahlen „zweiter Ordnung“, wie Mudde sie bezeichnet, werden erfahrungsgemĂ€ĂŸ besonders gern fĂŒr den Protest per Wahlzettel genutzt.

Zweierlei Extremismus

Allen migrationspolitischen Debatten zum Trotz wurden jedoch auch in Umfragen vor den EU-Wahlen 2019 sozioökonomische Themen wie Arbeitslosigkeit, steigende Lebenshaltungskosten und öffentliche Gesundheitsversorgung als drĂ€ngendste Probleme genannt – Themen also, wie sie auch bei der jĂŒngsten ECFR-Studie angefĂŒhrt worden sind. Das verweist auf einen weiteren wichtigen Punkt des von Mudde beschriebenen grundlegenden Wandels: das Aufbegehren gegen eine Politik, die ihren WĂ€hler*innen kaum noch eine echte Wahlmöglichkeiten bietet. Das Credo der pragmatischen ZwĂ€nge und der wirtschaftspolitischen Alternativlosigkeit, das seit Jahrzehnten nicht nur die Politik in der EU, sondern auch vieler nationaler Regierungen dominiert, wurde von dem Rechtsphilosophen Johan van der Walt im Interview mit dieser Zeitung als „ordo-liberaler Extremismus“ bezeichnet. Dieser sei „wesentlich technokratisch, denn er propagiert die Einrichtung eines wohlfunktionierenden Marktes, und jenseits dessen soll man keine Fragen stellen“ (woxx 1357).

Ganz in diesem Sinne hat Cas Mudde den Aufstieg der populistischen Rechten als „illiberal-demokratische Kritik an einem undemokratischen Liberalismus“ interpretiert. Dieser Aufstieg wird wohl weiter andauern, auch dank Regierungen wie der französischen, die darauf baut, egal was sie macht, am Ende doch wiedergewĂ€hlt zu werden, weil die Mehrzahl der WĂ€hler*innen letztlich jede Kröte schlucken wird, um den Einzug von Marine Le Pen in den ÉlysĂ©e-Palast zu verhindern.

Allerdings wĂ€re es ein Trugschluss zu glauben, die meisten derer, die rechts wĂ€hlen, seien Grunde ihres Herzens demokratisch gesinnt. Eine im vergangenen Jahr ebenfalls im „Journal of Democracy“ erschienene Studie zeigt, dass ein nicht unerheblicher Teil der WĂ€hler*innen rechtsextremer und autoritĂ€rer Parteien grundsĂ€tzlich bereit ist, demokratische Prinzipien ĂŒber Bord zu werfen, wenn eine jeweilige Partei ihre Interessen zu vertreten verspricht. „Die Ablehnung der illiberalen Rechten gegenĂŒber der Demokratie beschrĂ€nkt sich nicht auf ihre liberalen Komponenten, sondern ist allumfassend“, heißt es dort. In ganz Europa reprĂ€sentierten WĂ€hler*innen, die mit der extremen Rechten sympathisieren, ein noch weitgehend „ungenutztes autoritĂ€res Potenzial“ (woxx 1720).

Nun könnte man sich natĂŒrlich damit beruhigen, Entwicklungen wie der Regierungswechsel in Polen wĂŒrden zeigen, dass es auch einen Weg zurĂŒck von ganz rechts ins Zentrum gibt. Doch lĂ€sst sich etwa an der EU-Klima- und der Asylpolitik ablesen: Das Zentrum ist schon weit nach rechts gerĂŒckt.

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