Laufzeitverlängerung von Cattenom: Kritisch zur Kernkraft

von | 19.09.2024

Die Luxemburger Regierung sieht eine mögliche Verlängerung der Laufzeit des Kernkraftwerks Cattenom kritisch. Damit folgt sie einem internationalen Trend.

(Foto: CC BY 3.0 Felix König/Wikimedia )

Am 11. September publizierte die hiesige Regierung eine Stellungnahme der Luxemburger „Division de la Radioprotection“ (DRP), die sich mit der geplanten Laufzeitverlängerung der französischen Kraftwerke mit 1.300 MWe („Megawatt electric“) Leistung auseinandersetzt. Vier dieser Kraftwerkeblöcke stehen in Cattenom, zwischen 2027 und 2033 werden sie alle vierzig Jahre in Betrieb sein und sind damit eigentlich am Ende ihrer vorgesehenen Laufzeit angelangt. Wie alle Reaktoren dieses Typs sollen sie daher aufgerüstet werden, um ihre Sicherheit zu verbessern. Dadurch will die Betreiberfirma EDF erreichen, dass diese Kernkraftwerke mindestens weitere zehn Jahre Strom produzieren.

Die DRP, die dem Gesundheitsministerium untersteht, untersucht in ihrem kurzen Bericht die geplanten Sicherheitsmaßnahmen. Grundsätzlich erkennt man „die vielen positiven Aspekte der vorgeschlagenen Sicherheitsverbesserung“ an, einige Punkte verdienten laut der Strahlenschutzbehörde jedoch mehr Aufmerksamkeit. Dazu gehören die Belüftungs- und Filteranlagen. Hier schlägt die DRP vor, leistungsfähigere Filter auf dem neusten Stand der Technik einzusetzen. Damit könne die Freisetzung von radioaktivem Jod verringert werden.

Die DRP bemängelt auch, dass das Sicherheitskonzept für die verbesserten 1.300 MWe-Reaktoren nicht auf die Gefahr eines versehentlichen oder absichtlichen Flugzeugabsturzes eingeht. Zwar ist geplant, die Reaktoren zu „bunkerisieren“ und sie somit widerstandsfähiger zu machen, eine spezielle „Flugzeughülle“ ist jedoch nicht vorgesehen. Ähnlich lautet die Kritik auch bei der Verstärkung des Reaktorbodens: Es sei nicht klar, ob diese im Fall einer Kernschmelze ausreiche, um das radioaktive Material davon abzuhalten, in das Erdreich einzudringen. Im Bericht der DRP werden zudem fehlende Informationen moniert: Zwar seien neue Kühlquellen und zusätzliche Notstromaggregate installiert worden, doch es gäbe keine Informationen darüber, inwiefern diese die „ursprünglichen Konstruktionsmängel“ ausgleichen könnten.

Der Bericht der DRP vergleicht die vorgeschlagenen Sicherheitsmaßnahmen immer wieder mit dem Kernkraftwerkstyp „Evolutionary Power Reactor“ (EPR), welcher als sehr sicher gilt, da in ihn die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte eingeflossen sind. Der deutsche Reaktorsicherheitsexperte Manfred Mertins hat für Greenpeace ebenfalls einen Bericht über die Sicherheit der zu modernisierenden Reaktoren verfasst. Er bedient sich desselben Vergleichs. Gegenüber dem ausführlichen Bericht von Mertins wirken die knappen drei Seiten der DRP eher blass.

Blasser Bericht

Womöglich fällt die Studie ja deshalb so wortkarg aus, weil die CSV-DP-Regierung „zurückhaltend“ gegenüber Frankreichs Kernkraftplänen bleiben und sich mit detaillierter Kritik daher zurückhalten wollte. Sowohl Energieminister Lex Delles (DP) als auch Premierminister Luc Frieden (CSV) hatten in den letzten Monaten immer wieder betont, man wolle sich nicht in die Energiepolitik anderer Länder einmischen.

Das tat man dann aber doch. In der Pressemitteilung, die den Bericht der DRP begleitete, fordert die Regierung eine Schließung der Kernkraftwerke Cattenom, Thiange und Doel. (Die letzten beiden befinden sich wohlgemerkt in Belgien und sind keine 1.300 MWe-Reaktoren.) Damit versucht man einem internationalen Trend entgegenzuwirken. Die Laufzeit von Kernkraftwerken wird tendenziell nämlich immer länger, wie der neueste „World Nuclear Status Report“, der am Donnerstag dieser Woche veröffentlicht wurde, bestätigt. Im Schnitt sind Kraftwerke heute 32 Jahre alt, über ein Viertel ist sogar bereits seit über 40 Jahren in Betrieb. Nach wie vor ist keine Renaissance der Kernkraft am Horizont sichtbar, sondern das Gegenteil. Um weiterhin so viel Strom wie bisher durch Kernkraft zu erzeugen, müssten bis 2030 zusätzliche 65 Reaktoren gebaut werden. Ein Szenario, das die Autor*innen des Statusberichtes als „hochgradig unrealistisch“ beschreiben.

Seit 2019 begannen 35 Bauprojekte für Kernkraftwerke, alle von China und Russland. Die Bauzeit der wenigen Kernkraftwerke, die derzeit von anderen Ländern errichtet werden, verzögert sich immer weiter. Der Bericht zeigt auch, dass es bisher keine erfolgreichen Projekte für kleine, modulare Kernkraftwerke gibt, obwohl diese immer wieder von Politiker*innen wie etwa Emanuel Macron als zukunftsweisend beschrieben werden. Das erhöht den Druck, alte Kraftwerke wie Cattenom weiterhin zu betreiben – und damit auch den auf die Luxemburger Regierung, die Position gegenüber Frankreich nicht nur in Pressemitteilungen, sondern auch in bilateralen Gesprächen zu verteidigen.

 

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