Seit einigen Tagen wird in Luxemburg über ein Verbot von Social Media für Jugendliche diskutiert. Dabei sind viele Argumente nicht wasserdicht – und ein Verbot würde die eigentlichen Probleme nicht lösen.

Es ist nachvollziehbar, Jugendliche vor gefährlichen Plattformen schützen zu wollen. Die Begründungen für ein totales Nutzungsverbot sind allerdings zweifelhaft. (Foto: Cesar Augusto Ramirez Vallejo/Pixabay)
Die DP-CSV-Regierung ist fest gewillt, ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche unter 15 oder 16 Jahren durchzusetzen. Justizministerin Elisabeth Margue (CSV) tourte diese Woche mit der Idee durch die Medien, das Parlament diskutierte sie am Mittwoch. Begründet wird der Vorstoß mit dem Wunsch, Jugendliche vor gefährlichen Inhalten und vor Plattformen zu schützen, die sich negativ auf ihre mentale Gesundheit auswirken. So wünschenswert dieses Ziel auch ist, so wenig stichhaltig ist die Argumentation oft.
Besonders problematisch ist der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Sucht“. Eine solche existiert in den meisten Fällen nicht. Eine Studie der University of Southern California kam zum Schluss, dass lediglich zwei Prozent der Bevölkerung als Social-Media-suchtgefährdet gelten. Das soll keine Entwarnung sein: Es gibt viel problematisches Verhalten rund um Social Media – der ständige Diskurs über „Social-Media-Sucht“ sei jedoch gefährlich für die mentale Gesundheit der Betroffenen, stigmatisiere Jugendliche und fördere die falschen Lösungsansätze. Wer eine schlechte oder ungewollte Gewohnheit hat, könne diese ändern – wenn er*sie das richtige Verständnis und die richtigen Werkzeuge dafür habe, so die Forscher*innen.
Während in der Chamber die meisten Redner*innen den schlechten Einfluss sozialer Medien auf die mentale Gesundheit Jugendlicher als unumstößliches Faktum darstellten, ist sich die Wissenschaft auch hier nicht so sicher: Eine Meta-Review-Studie, die insgesamt über 700 Studien analysierte, kam zum Schluss, dass Ursache und Wirkung bisher nicht eindeutig geklärt sind. Werden Jugendliche depressiv, weil sie viel Social Media benutzen, oder benutzen depressive Jugendliche verstärkt Social Media? Viele Studien seien zudem ungenau, weil sie nur die Bildschirmzeit betrachten, nicht aber die konkreten Inhalte, mit denen Jugendliche konfrontiert sind.
Die Lösung kann kein Social Media-Verbot, sondern nur eine starke Regulierung sein.

Jugendlichen den Zugang zu Social Media zu verbieten wird die zugrunde liegenden Probleme nicht lösen. (Foto: Sankalp Mudaliar/Unsplash)
Unbestreitbar ist aber auch: Social Media kann bestimmte Tendenzen verstärken. Wer ohnehin gefährdet ist, eine Essstörung zu entwickeln, kann durch den Konsum entsprechender Videos auf „Tiktok“ darin bestärkt werden. Bevor Australien Social Media für Jugendlich verbot, gab es auch dort rege Diskussionen. Wissenschaftler*innen mahnten dabei, dass sich für verschiedene Gruppen – zum Beispiel LGBTIQA-Jugendliche – durchaus positive Effekte beobachten ließen. Die Entstigmatisierung psychischer Probleme ist ein weiteres Beispiel – ganz abgesehen davon, dass soziale Netzwerke trotz aller Probleme einen Raum für Kommunikation und persönliche Entfaltung bieten.
Das heißt keineswegs, dass überhaupt keine Gefahren bestehen oder die Politik Eltern und Jugendliche alleine lassen sollte. Einerseits betreffen die negativen Seiten nicht nur Minderjährige, andererseits lassen sich viele der angesprochenen Probleme mit einem Social-Media-Verbot überhaupt nicht lösen. Cybermobbing kann auch in Messengerdiensten, Chats von Online-Games oder „zur Not“ per E-Mail durchgeführt werden. Die Lösung kann daher kein Verbot, sondern nur eine starke Regulierung sein.
Social-Media-Betreiber sollten gezwungen werden, ihre Algorithmen offenzulegen und transparent zu machen, wie sie auswählen, welche Inhalte Nutzer*innen zu sehen bekommen. Ihnen sollte eine strenge Pflicht zur Moderation problematischer Inhalte auferlegt werden. Dies wäre technisch längst möglich – wie der schnelle Umgang mit Urheberrechtsverstößen zeigt. Auch Influencer*innen, die redaktionelle Inhalte und Werbung bewusst vermischen, müssen ebenfalls dazu gebracht werden, minimale Standards einzuhalten. Nicht zuletzt könnten auch nicht-kommerzielle Netzwerke wie das „Fediverse“, in denen nicht Algorithmen und Werbeinteressen die Inhalte steuern, gezielt gefördert werden.
Eine starke Regulierung wäre eine wesentlich bessere Lösung. Im Gegensatz zu einem Verbot, würde sie allen Social-Media-Nutzer*innen zugutekommen. Vielleicht würde das auch jenen zwölf Abgeordneten, die immer noch einen Account auf Elon Musks Hass- und Pädopornografie-Plattform „X“ haben, helfen, sich von ihren schlechten Gewohnheiten zu lösen.

