Am kommenden Dienstag finden in den USA die „midterms“ statt. Die woxx sprach mit dem Historiker Jeffrey Herf über Perspektiven für die Zeit danach, den Zustand der beiden politischen Lager und Trumps Bruch mit den Prinzipien US-amerikanischer Außenpolitik.

Jeffrey Herf ist Historiker und emeritierter Professor an der Universität Maryland. (Foto: Sonya Michel)
woxx: Vor zehn Jahren haben wir in dieser Zeitung ein längeres Gespräch über Donald Trumps anstehende erste Amtszeit als US-Präsident geführt. Sie hofften damals, das System der gegenseitigen Kontrolle der Staatsgewalten werde ihn daran hindern, seine politischen Vorstellungen radikal umzusetzen. Außerdem werde er feststellen, dass es etwas grundlegend anderes ist, Präsident zu sein, als ein Familienunternehmen zu führen. Wie beurteilen Sie rückblickend diese Erwartungen?
Ich habe seine Fähigkeit unterschätzt, das Präsidentenamt zur persönlichen Bereicherung zu nutzen. Das Ausmaß der Korruption übertrifft alles, was ich in meinem Leben erlebt habe, und vermutlich auch alles in der modernen US-amerikanischen Geschichte. Zudem hat vor zehn Jahren John McCain noch gelebt (Mitglied der Repu-blikanischen Partei und von 1987 bis zu seinem Tod 2018 für den Bundesstaat Arizona im Senat; Anm. d. Red.). Sein Tod war eines der wichtigsten politischen Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts in den USA. McCain, der in Nordvietnam im Gefängnis gesessen hatte und dort gefoltert worden war, hat sich von Trump nicht einschüchtern lassen. Solange er lebte, gab es unter den republikanischen Senatoren einen mutigen Menschen, der Trump die Stirn bot. Gleich nach McCains Tod begann dessen enger Freund und politischer Weggefährte, Lindsey Graham (Mitglied der Republikanischen Partei und von 2003 bis zu seinem Tod im Juli 2026 für den Bundesstaat South Carolina im Senat; Anm. d. Red.), sich um Donald Trumps Gunst zu bemühen. Das war ein Anzeichen dafür, dass die Republikaner im Senat Trump nicht entgegentreten werden.
Was sich bewahrheiten sollte …
Ja. Ebenfalls ein Einschnitt war es, als Mitch McConnell (für den Bundesstaat Kentucky im Senat und dort von 2007 bis Januar 2025 Fraktionsvorsitzender der Republikanischen Partei; Anm. d. Red.) sich im Januar 2021 weigerte, nach dem Sturm auf das Capitol auch nur zu versuchen, die nötigen zehn republikanischen Senatoren dafür zu gewinnen, die Demokraten bei einer nachträglichen Amtsenthebung Trumps zu unterstützen. Das wäre das Ende von dessen politischer Karriere gewesen. Warum die republikanischen Senatoren so handelten, werden Historiker untersuchen müssen. Bekamen sie Morddrohungen? Waren sie einfach feige? Stimmten sie mit Trump überein?
Wurde auch die Resistenzkraft rechtsstaatlicher Prinzipien überschätzt? Es bedarf schließlich auch der Richter*innen, die diese geltend machen.
Das ist auch eine Frage der Geschwindigkeit. Die Gerichte wägen sorgfältig ab; um in einem konkreten Fall zu einer Entscheidung zu kommen, muss man sich gründlich einarbeiten. Die Gerichte arbeiten langsam, und so sollte es auch sein. Trump hingegen geht in halsbrecherischem Tempo vor. Bislang gibt es aber genügend Richter, die ihm entgegentreten.
Nun stehen die „midterms“, die Zwischenwahlen, an. Es gab bereits zu Beginn des Jahres Befürchtungen, dass Trump diese zu behindern oder gar zu unterbinden versucht. Das war dann wohl doch übertrieben …
Ich liege nachts jedenfalls nicht wach vor Sorge, dass er das Militär einsetzen könnte, um Wähler einzuschüchtern. Aber indem er Tag für Tag behauptet, die Präsidentschaftswahl 2020 sei manipuliert worden, bereitet er die Republikaner darauf vor, im Fall einer erneuten Wahlniederlage diese Behauptung zu wiederholen. Zum Wesenskern einer Demokratie gehört, dass diejenigen, die Wahlen verlieren, ihre Niederlage bereitwillig akzeptieren und anerkennen. Sie bauen dann darauf, in Zukunft eine neue Chance zu bekommen. Das ist entscheidend für das friedliche Austragen politischer Konflikte. Wenn man eine Wahlniederlage nicht eingesteht, sondern behauptet, man sei betrogen worden, bringt das Fanatiker dazu, zu Gewalt zu greifen.
Was erwarten Sie von dem Ergebnis der Zwischenwahlen?
Wenn die Demokraten im Repräsentantenhaus deutlich an Einfluss gewinnen und zudem den Senat zurückerobern, wird das einen erheblichen Unterschied machen. In zwei Jahren wird Trump aus dem Amt scheiden. Gegen Ende seiner Amtszeit verliert jeder Präsident an Macht, hat dann aber auch nichts mehr zu verlieren. Niemand weiß, was Trump tun wird. Interessant wird der Wettbewerb zwischen Vizepräsident J. D. Vance und Außenminister Marco Rubio. Vance vertritt wie Trump eine rassistisch geprägte Vision von der Zukunft der Vereinigten Staaten und beruft sich auf die Vorstellung, die USA seien ein christliches Land. Das ist eine Abkehr von der Verfassung. Ich glaube allerdings nicht, dass Vance das Charisma oder das politische Geschick besitzt, um große Begeisterung unter den Wählern auszulösen. Was nach Trump aus dem Trumpismus wird, wirft die Frage auf, wie wichtig einzelne Führungspersönlichkeiten sind. Ansonsten gibt es mit Blick auf die Zwischenwahlen bislang keinen politischen Impuls, der mich begeistert.
Von der Demokratischen Partei erhoffen Sie sich also auch nicht viel?
Eine gemäßigte Demokratische Partei wäre etwas Wunderbares. Es ist wichtig, den verschiedenen Fehlentwicklungen unter der Trump-Regierung ein Ende zu setzen. Die Demokratische Partei steht durchaus für die Moderne, für die Verteidigung der modernen Wissenschaft und für eine unabhängige Justiz. Sie steht auch für eine ausgewogenere Haltung zur Einwanderung. Aber da gibt es noch eine andere Seite: Ich bin mein Leben lang Demokrat gewesen, aber die Demokratische Partei hat mich in den vergangenen Jahren sehr enttäuscht. Als Historiker, der vor allem zum nationalsozialistischen Deutschland, zum Holocaust und zu Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geforscht hat, habe ich einen sehr spezifischen Blick auf politische Entwicklungen. Seit der Iran begonnen hat, nach Atomwaffen zu streben, ist es mein zentrales Anliegen, als Historiker im Rahmen meiner Möglichkeiten vor einem zweiten Holocaust zu warnen. Es erschien mir immer etwas absurd, so viel Zeit damit zu verbringen, über den Holocaust und Deutschlands Sturz in die Barbarei zu schreiben, und zugleich davon auszugehen, so etwas könne nie wieder geschehen.
Was folgt für Sie aus dieser Überlegung?
Ich fand es enttäuschend, dass die demokratischen Senatoren im Frühjahr 2026 geschlossen dagegen stimmten, gegen das Regime im Iran in den Krieg zu ziehen. Angesichts ihres überwältigenden Votums gegen einen Krieg mit dem Iran könnte man zu dem Schluss kommen, dass ein künftiger demokratischer Präsident sich weigern würde, militärische Gewalt einzusetzen, um den Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern. Stattdessen würde er, wie schon unter Obama und Biden, auf diplomatische Gesten vertrauen, die Iran nicht davon abgehalten haben, in den Besitz der Bombe zu gelangen, oder argumentieren, der Iran lasse sich vom tatsächlichen Einsatz der Bombe abschrecken. Die bittere Ironie dieses gegenwärtigen Kriegs besteht darin, dass ausgerechnet Trump, der unsere Bündnisse ruiniert, der erste Präsident ist, der bereit war, Gewalt einzusetzen, um ein Ziel zu erreichen, das auch alle seine jüngsten Vorgänger teilten: die Islamische Republik Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern.
Bis jetzt sieht es nicht so aus, als ob dieses Ziel wirklich erreicht worden wäre …
Der Krieg wurde schlecht geführt. Manches, was in dessen Verlauf geschah, hätte man vorhersehen können und müssen. Vor allem jedoch: Hätte Trump das transatlantische Bündnis und die Allianz mit den arabischen Staaten gestärkt, die wegen des Iran sehr besorgt waren; hätte er zudem den wirtschaftlichen und politischen Druck gebündelt und sich dem russischen Präsidenten Wladimir Putin klar entgegengestellt und ihn für seine Unterstützung Irans angeprangert, dann wäre der Krieg vielleicht besser verlaufen. Trump hätte deutlich machen müssen, dass der Überlebenskampf Israels und jener der Ukraine, der Kampf gegen den Iran und der gegen Russland, ein und derselbe Kampf gegen Diktatur und Barbarei ist. Stattdessen hat er auf jede erdenkliche Weise alle gegen sich aufgebracht, die unsere politischen Werte am meisten teilen und nette Dinge über Diktatoren gesagt. Danach zieht er in den Krieg. Wie dumm kann man sein?
Wie entwickelt sich die Haltung der Demokratischen Partei zu Israel?
Als Liberaler, jüdischer Unterstützer Israels und Historiker des Antisemitismus bin ich über den linken Flügel der Demokratischen Partei sehr besorgt. Während Trump alles dafür tut, um das Bündnis der USA mit Europa zu zerstören, wird der linke Flügel der Demokratischen Partei nichts unversucht lassen, um die engen Beziehungen zu Israel zu kappen. Die treibende Kraft innerhalb der Partei liegt inzwischen bei dieser Fraktion. Das beunruhigt mich sehr, denn heute gehört die Feindschaft gegen den Staat Israel und seine bloße Existenz zum Kern dessen, was es angeblich bedeutet, progressiv und links zu sein – und das nicht nur in den Vereinigten Staaten. Deshalb hoffe ich, dass Gadi Eizenkot (ehemaliger Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, seine neu gegründete Partei trägt den Namen „Yashar“; Anm. d. Red.) die israelischen Wahlen gewinnt und die zionistische Mitte dieser rechten Koalition ein Ende setzt. Das würde auch in Europa und den Vereinigten Staaten helfen. Aber die amerikanisch-jüdische Gemeinschaft ist besorgt: nicht nur wegen des Trumpismus, sondern inzwischen auch wegen Politikern wie New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani und seiner Haltung zu Israel. Sollte auch Abdul el-Sayed, der mit ähnlichen Positionen zu Israel wie Mamdani in Michigan für den Senat kandidiert, gewählt werden und sich dieser Trend in der Demokratischen Partei fortsetzen, werden Menschen wie ich sich politisch heimatlos fühlen.
Es gibt aber auch rechte Antisemiten wie Nick Fuentes und Tucker Carlson, die beträchtlichen Einfluss auf Teile der Maga-Bewegung und in die Republikanische Partei hinein haben.
Die alten Hassvorstellungen verschwinden nicht. Wenn ich gelegentlich etwas von Fuentes mitbekomme oder lese, was Tucker Carlson zu sagen hat, begegnet mir dieser uralte antijüdische Hass. Er lauert noch immer in der westlichen Kultur. Bei den Islamisten ist das noch viel offensichtlicher. Eines möchte ich jedenfalls vermitteln: Die Besorgnis der jüdischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten ist groß. Leider wird die Erkenntnis, dass der Islamismus einer konterrevolutionären Tradition entstammt, in den USA nicht von vielen amerikanischen Liberalen öffentlich geteilt. Dabei ist es so offensichtlich, dass der Islamismus einen Angriff auf die Werte und Errungenschaften der Französischen Revolution und auf die Moderne darstellt und sogar antikommunistisch ist. Hinzu kommt, was er über Juden, Frauen, Schwule und die Demokratie zu sagen hat. Dennoch teilen in den Vereinigten Staaten nur wenige die Überzeugung, dass der Kampf gegen den Islamismus ein linkes und liberales Anliegen ist. Ich möchte nicht vereinfachen, aber in gewisser Weise ist die westliche Linke in diesen Fragen reaktionär geworden. Was sich links und progressiv nennt, weigert sich, den reaktionären Charakter der Islamisten zu thematisieren – schon vor dem 7. Oktober und auch danach. Kritisch nachzufragen, wofür die Hamas, der Iran, wofür Putin steht – das ist wahrer Antifaschismus.
Kehren wir bei der Erwähnung von Putin noch einmal zur US-Außenpolitik zurück. Wie erklären Sie sich Trumps Hinwendung zu ihm?
Der tiefere Grund ist, dass er dessen Autoritarismus und kulturellen Konservatismus teilt. Natürlich gehört auch die isolationistische Tradition zu den USA. Aber was wir gerade erleben, ist eine grundlegende Absage an das, was wir seit der Amtszeit von Präsident Franklin D. Roosevelt bis Joe Biden unter Amerikas Rolle in der Weltpolitik verstanden haben. Es ist eine Rückkehr zur Verherrlichung der Großmachtpolitik. Trump führt uns in eine Welt, in der es eine eurasisch-russische, eine chinesische und eine amerikanische Einflusssphäre geben soll. Zu Trumps Umfeld gehören Menschen, die viel Zeit in Viktor Orbáns Budapest verbracht haben und zu Anhängern des russischen Geopolitik-Ideologen Alexander Dugin geworden sind. Das steht völlig im Widerspruch zur US-amerikanischen Außenpolitik seit den 1940er-Jahren. Aus historischer Sicht ist der Bruch mit acht Jahrzehnten Außenpolitik, der mittlerweile in Trumps mehr oder weniger ausdrücklichen Unterstützung für Putin gipfelt, schockierend. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten gegen die Ukraine Partei für Russland ergreift, ist das ein wahrhaft historischer Augenblick. Ein unglaublich beschämender, schändlicher Augenblick. Aber er war durchaus vorhersehbar, als Trump zum ersten Mal „America First“ sagte. Seine Sehnsucht nach „Deals“ mit Putin bringt den Geist zum Ausdruck, der von Anfang an in dieser Parole steckte.
Ist durch Trumps Verhalten Putins mit der Invasion der Ukraine verbundene Strategie aufgegangen? Als Präsident eines Landes, das auf dem Weltmarkt kaum konkurrenzfähig ist, wollte Putin diesen Mangel durch militärische Macht ausgleichen. Dafür muss man seine Gegner nicht besiegen. Es genügt, die Weltwirtschaft und ihre Lieferketten zu stören, um die führenden Mächte empfindlich zu treffen.
Putin hat außerdem verstanden, dass er beim Führen eines Kriegs einen enormen Vorteil daraus zieht, Diktator zu sein. Kein demokratisch gewählter Politiker könnte viereinhalb Jahre lang einen Krieg mit derart hohen Verlusten führen. Die Zahl der getöteten russischen Soldaten geht in die Hunderttausende. Kein demokratisches System könnte das verkraften. Der einzige Druck, der ihn dazu bringen könnte, den Krieg zu beenden, besteht in dem, was die Ukraine militärisch ausrichten kann, und im wirtschaftlichen Druck der Vereinigten Staaten und Westeuropas. Trump gibt diesen Druck auf und hilft Putin. Das erinnert tatsächlich an das Münchner Abkommen von 1938. Sollte es tatsächlich zu der derzeit diskutierten Konferenz zur Beendigung des Ukraine-Kriegs zwischen Trump, Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping ohne ukrainische Beteiligung kommen, werde ich einer von vielen Historikern sein, die darauf hinweisen, dass der Ukraine nunmehr droht, was damals der Tschechoslowakei auf der Münchner Konferenz widerfuhr: Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland entschieden darüber, was mit dem Land geschehen sollte.
Wie stark ist der Rückhalt für eine solche Politik in den USA?
Ich glaube, es gibt in den Vereinigten Staaten eine politische Mitte, die mit dieser Politik nicht einverstanden ist, aber jetzt ist sie nicht stark genug. Sie wird derzeit weder nur vom schrumpfenden gemäßigten Flügel der Repu- blikanischen Partei und vom gemäßigten Flügel der Demokratischen Partei vertreten. Dazu gehören auch viele unabhängige Wähler. Ich glaube, deren Haltung entspricht noch immer der Mehrheitsstimmung in den Vereinigten Staaten. Aber sie findet derzeit keinen ausreichend wirksamen politischen Ausdruck.

