Atomwaffen verstehen? (ii) Zweitschlag und Ersteinsatz

Wer einen Krieg führt, will ihn gewinnen. Die Aussichten dafür sind im nuklearen Zeitalter schlecht. Trotzdem wurden und werden Strategien für den Atomkrieg entwickelt.

Simulation eines US-Erstschlags gegen die Sowjetunion in den 1950ern.
(Warplan Dropshot Consim; Foto: lm)

Die Vorstellung, dass ein einziges Land Atomwaffen besitzt, und damit die ganze Welt erpressen kann, ist, je nach Gesichtspunkt, erschreckend oder beruhigend. Beruhigend nämlich für die Patriot*innen in diesem einen Land – es handelt sich um die USA in den ersten paar Jahren nach 1945. Erschreckend war für diese dann die Zündung der ersten sowjetischen Atombombe im August 1949 (siehe Teil 5 der woxx-Serie zu 75 Jahren Hiroshima).

Angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der die Sowjetunion damals ihre Interessen in Osteuropa durchsetzte, ist die Angst vor einem Angriff auf die USA verständlich. Doch auch wenn diese Sorge, wie wir heute wissen, weitgehend grundlos war, das Erschrecken war anderweitig gerechtfertigt: Die Androhung eines Nuklearschlags durch die USA, wie sie bis dahin möglich war, hatte an Wirkung verloren. Einen Atomangriff gegen russische Städte konnte die Sowjetunion nämlich nun mit einem Gegenangriff beantworten. Das Konzept des nuklearen Zweitschlags oder Vergeltungsschlags war geboren.

Mit MAD gegen den Atomkrieg?

Diese Fähigkeit ist zentral für das Gleichgewicht des Schreckens durch die „Mutually Assured Destruction“ (sinnigerweise MAD abgekürzt). Ein Land, das über die Zweitschlagfähigkeit verfügt, ist dadurch vor einem vernichtenden Atomangriff „geschützt“, dass es mit seinen übriggebliebenen Kernwaffen die Gegenseite mit in die Hölle nehmen kann. Beim nuklearen Rüstungswettlauf nach 1950 ging es zum großen Teil darum, diese Fähigkeit sicherzustellen – oder sie der Gegenseite zu entziehen.

Nach und nach beschafften sich beide Supermächte die Elemente der nuklearen Triade: luft-, land- und seegestützte strategische Systeme (siehe: „Von Mine bis MIRV“). Zur dreifachen Sicherheit kamen Versuche hinzu, die Systeme vor Angriffen zu schützen. So sollten Bomber sich jederzeit abflugbereit halten oder in der Luft befinden, und Unterseeboote mit Atomraketen auf See unterwegs sein. Landgestützte Raketen wurden in gepanzerte Silos gesteckt, oder mittels Rampen ständig in Bewegung gehalten – oder aber nach dem Prinzip „launch on warning“ sollten sie im Zweifelsfall einfach gestartet werden, bevor sie einem Angriff zum Opfer fallen könnten.

Auf Städte zielen ist friedlicher!

Dies ist die Kehrseite des MAD-Gleichgewichts: Statt den Frieden zu „garantieren“, indem man die Atomsprengköpfe auf die Städte der Gegenseite richtet, kann man sie auf deren Atomwaffen richten. Das mag „humaner“ erscheinen, steht aber für eine kriegerische Absicht. Das Fachjargon unterscheidet zwischen einem aggressiven, einem präventiven und einem präemptiven Erstschlag. Ein US-Angriff, um das „Reich des Bösen“ zu liquidieren, wäre aggressiv gewesen. Das Vorhaben, die Sowjetunion zu besiegen, bevor sie nuklear erstarken könnte, hätte als präventiv gegolten. Der Versuch, ihr zuvorzukommen wenn sie einen Angriff plant, wäre als präemptiv bezeichnet worden. Vorausgesetzt, nach dem Atomkrieg wäre noch jemand da gewesen, um eine Einordnung vorzunehmen.

Das Problem des Strebens nach dem Erstschlag: Die Gegenseite wird das Gleiche tun, und sich ernsthaft überlegen, ob nicht sie als Erste angreifen soll. Diese Spirale der Bedrohung kam ansatzweise Ende der 1950er in Bewegung (siehe Teil 5 der Serie), und vor allem Ende der 1970er: Damals verfügten beide Seiten über Raketen, die schnell und präzise gegnerische Waffen- und Kommunikationssysteme ausschalten konnten (siehe Teil 3: „Frieden dank Star Wars?“). Außerdem konnten die neuesten Mittelstreckenraketen sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden, was die Gefahr eines Atomkriegs „aus Versehen“ weiter erhöhte.

Kein Verzicht auf „first use“

Die Angst vor einem Erstschlag und das Risiko einer Flucht nach vorn sind mit dem Ende des Kalten Krieges nicht verschwunden. Ein Teil der Atommächte ist derzeit der Gefahr ausgesetzt, durch einen Erstschlag entwaffnet zu werden (siehe Teil 8 der Serie). Das gilt ausdrücklich nicht für die USA, die heute eine ähnlich dominante Position einnehmen wie in den ersten Jahrzehnten nach 1945.

Das bringt uns zum Ersteinsatz („first use“), einer Konstante der amerikanischen Nuklearstrategie. Anders als beim Erstschlag geht es nicht darum, sich einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen, sondern darum, einen Nachteil auszugleichen. Zumindest bis in die 1980er-Jahre wurde angenommen, sowjetische Panzerarmeen würden Europa überrollen und die Nato müsste sich dann mit Atomwaffen verteidigen. In der Sowjetunion war man sich zwar uneins, ob taktische Nuklearwaffen einen Vorteil brächten, man stellte sich aber darauf ein, den Krieg mit Atomwaffen zu führen.

Mittlerweile ist der Westen im konventionellen Bereich im Vorteil, und das Festhalten am „first use“ soll offiziell der Abschreckung vom Einsatz chemischer oder biologischer Massenvernichtungswaffen dienen. Die Unklarheit über einen Ersteinsatz soll aber wohl auch generell der Abschreckung dienen – sie treibt aber auch die nukleare Rüstungsspirale an.

 

Die Hiroshima-75-Serie in der woxx.


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