75 Jahre Atomwaffen (3): Frieden dank Star Wars?

Bevor der Kalte Krieg zu Ende ging, war die Gefahr eines Atomkriegs besonders groß. Technologische Vorteile wie das Star-Wars-Programm oder eine bessere Treffgenauigkeit sollten den Westen schützen, doch sie wirkten destabilisierend.

Bei einem Gegenschlag während einer nuklearen Attacke kommt es auf jede Minute an. (Pour la Science 1987)

Friedensbewegungen erstarken in kriegerischen Zeiten. Die letzte große Friedensbewegung im Westen entstand in den 1980er-Jahren, also kurz bevor der Kalte Krieg in das vermeintliche „Ende der Geschichte“ mündete. Treibende Kraft war die Angst vor den immer zahlreicheren und immer effektiveren Kernwaffen sowie dem konfrontativen Auftreten insbesondere des US-Präsidenten Ronald Reagan. Kein Wunder, dass die meisten Menschen 1989 erleichtert waren, auch wenn die „Friedensdividende“ nur vorübergehend war und die Gefahr eines Atomkrieges mittlerweile wieder größer geworden ist (Teil 2 der Serie: „Kann nichts schaden“).

Wie wir heute wissen, war das damalige Klischee von Reagan als draufgängerischem Nuklear-Cowboy verfehlt, die Warnungen vor einem möglichen Atomkrieg dagegen berechtigt. In Deutschland veränderte der Entschluss des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, die US-Aufrüstung zu unterstützen, die politische Landschaft nachhaltig: Die Grünen konnten sich als vierte Partei etablieren und die SPD distanzierte sich später von Schmidt und schwenkte auf eine linkere Linie ein. In Luxemburg wurden die pazifistischen Motive von der Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung aufgegriffen – letztere richtete sich gegen die AKW in Remerschen (geplant) und Cattenom (gebaut). Kaum vorstellbar, dass in jener Zeit Stimmen bis in die LSAP hinein einen Austritt aus der Nato forderten – damals nur ein regionales Verteidigungsbündnis – wohingegen heute selbst Déi Gréng glühende Anhänger*innen des aggressiv als Weltpolizei auftretenden Bündnisses sind.

Doppelbeschluss gegen Massenbewegung

1979 hatte die Nato beschlossen, als Antwort auf die neuen sowjetischen Mittelstreckenraketen, entsprechende Waffensysteme in Europa zu stationieren, es sei denn, die Sowjetunion ziehe ihre Raketen zurück („Doppelbeschluss“). Das führte Anfang der 1980er zu riesigen Demonstrationen in Europa und den USA, ab 1983 trotzdem zur Stationierung der US-Raketen und 1987 überraschenderweise zur Unterzeichnung des Vertrags über die „Intermediate Nuclear Forces“ (INF, siehe Erklärungen in „Von Mine bis MIRV“). Durch diesen Vertrag – 2019 wieder von den USA aufgekündigt – verpflichteten sich beide Seiten zum Abbau aller landgestützten Mittelstreckenraketen. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung Stabilität nach einem Jahrzehnt sich aufschaukelnder nuklearer Bedrohungen.

Die Angst vor der enormen Anzahl von Atomsprengköpfen war verständlich: eine Sprengkraft von 15.000 Megatonnen, Hiroshima um eine Million Mal übertreffend, genug, die Menschheit mehrfach auszulöschen. Doch über die Quantität hinaus war die qualitative Natur der Waffen für den Grad der Bedrohung entscheidend. Insbesondere die neuen Mittelstreckenraketen, um die es in den 1980ern ging, waren wegen ihrer Präzision und ihrer kurzen Vorwarnzeit besonders destabilisierend (siehe Erklärungen in „Zweitschlag und Ersteinsatz“).

Spirale von Angst und „Nachrüstung“

Die USA suchten nach Wegen, ihren Vorsprung im Bereich der Kernwaffen wiederzuerlangen, die Sowjetunion empfand dies als Bedrohung. Technische Neuerungen wirkten destabilisierend: neben der Präzision der Raketen, die Mehrfachsprengköpfe (Multiple Independent Reentry Vehicles) und vor allem die Möglichkeit von Raketenabwehrsystemen (Anti Ballistic Missiles, ABM – siehe „Von Mine bis MIRV“).

Reagan hatte die „Strategic Defense Initiative“ (SDI, auch als „Star Wars“ bezeichnet) eingeleitet, die mittels laserbewaffneter Satelliten sowjetische Raketen abfangen sollte – und damit eine amerikanische nukleare Dominanz wiederherstellen sollte. Möglich, dass seine Regierung wirklich an dieses überkomplizierte System glaubte, aber vielleicht ging es auch einfach darum, einen Wettlauf anzuzetteln, um die Sowjetunion „totzurüsten“. Jedenfalls begann Mitte der 1970er das System der „Mutually Assured Destruction“ (MAD), verbunden mit einem konstruktiven diplomatischen Dialog, zu bröckeln (Entstehung, Stärken und Schwächen der MAD in Teil 4: „Hat jemand Chruschtschows Handynummer?“).

Apokalypse aus Versehen

Was damals nur in Kinosälen zu sehen war (der Film „War Games“), hat die Forschung nach 1989 bestätigt: In der angespannten Atmosphäre um 1980 hätte es mehr als einmal zu einem „versehentlichen“ Atomkrieg kommen können. Ende 1979 detektierte das US-Luftverteidigungskommando einen sowjetischen Erstschlag mit 250 Raketen, der binnen Minuten eine Entscheidung des Präsidenten erforderte, um die Nuklearbomber zu starten, bevor diese beim Angriff zerstört würden. Es stellte sich zum Glück kurz drauf heraus, dass die Meldung auf einer irrtümlich geladenen Computersimulation eines Angriffs beruhte.

Ende 1983 schließlich fasste die sowjetische Seite zweimal einen Vergeltungsschlag ins Auge: Im September war es ein Satelliten-Fehlalarm, der eine Wolkenspiegelung als Raketenangriff identifizierte, wohingegen im November eine Kommandostabsübung der Nato als Angriffsvorbereitung interpretiert wurde. In allen Fällen war es die Angst, durch einen Überraschungsschlag in den Nachteil zu gelangen, die beinahe einen Atomkrieg ausgelöst hätte. Seit 1999, als es im Kosovo beinahe zu einer direkten Konfrontation russischer und amerikanischer Einheiten gekommen wäre, sind solche Szenarien wieder denkbar. Denn trotz seines aggressiven Gebarens ist sich Russland seiner konventionellen und nuklearen Unterlegenheit bewusst – und könnte versucht sein, seine Atomwaffen einzusetzen, bevor sie durch einen vermeintlichen Präventivschlag zerstört würden (mehr dazu in Teil 7 der Serie).

Die Hiroshima-75-Serie in der woxx


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