Auf Netflix: The Queen’s Gambit

Die Miniserie „The Queen’s Gambit” verdient das Lob aus den Medien und aus den sozialen Netzwerken. Die Argumente törnen aus feministischer Sicht jedoch ab.

Beth Harmon (rechts) setzt ihre männlichen Kontrahenten reihenweise schachmatt und gilt schon in jungen Jahren als Wunderkind des Schachs. (Bildquelle: chess24.com/Screenshot: YouTube/Netflix)

Schach ist mehr als Pullunder mit Rautenmuster. Das beweist die neue Netflix-Miniserie „The Queen’s Gambit“ von Scott Frank, die im Oktober veröffentlicht wurde. In den sozialen Netzwerken wird die Serie als Meisterwerk und beste Produktion des Jahres gefeiert. Nach diversen Medienberichten steht sie ganz oben auf der Liste der beliebtesten Netflix-Serien aller Zeiten. Die Lorbeeren sind berechtigt. Nur stoßen einem aus feministischer Sicht einige Aspekte sauer auf – beim Zuschauen und beim Scrollen durch YouTubes Kommentarspalte.

Die Geschichte der Miniserie geht auf den gleichnamigen Roman von Walter Tevis aus dem Jahr 1983 zurück. Die neunjährige Halbwaise Beth Harmon, gespielt von Isla Johnston, kommt Ende der 1950er-Jahre nach dem Tod ihrer alleinerziehenden leiblichen Mutter ins Waisenheim. Während sie im dunklen, chaotischen Keller Tafelschwämme ausklopft, beobachtet sie den wortkargen Hausmeister Mister Shaibel (Bill Camp) beim Schachspielen gegen sich selbst. Nach neugierigen Nachfragen und Betteln darf Beth gegen ihn antreten und ihre unbändige Leidenschaft für Schach ist entfacht.

Franks Beth ist eine Figur, die einen erschaudern lässt: aus Mitleid, aus Respekt, aus Angst vor ihrem scheinbar abgebrühten und kalten Dasein. Auf dem Schachbrett entpuppt sich Beth schnell als unschlagbares Genie. Abseits der Wettbewerbsräume leidet sie seit Kindertagen an einer Tablettensucht. Die erwachsene Beth (Anya Taylor-Joy) verfällt später zudem dem Alkohol, kämpft gegen Selbstzweifel und Bindungsängste, kommt nicht mit den Verhältnissen in ihrer zerbrochenen Adoptivfamilie klar. Wer hinter Beth deswegen ein Häufchen Elend vermutet, hat weit gefehlt. Zwar verherrlicht Frank ihr Leiden nicht, doch reduziert er Beth nicht darauf. Er zeichnet sie so vielschichtig, dass ein wahres Bewusstsein für die Figur entsteht. Dabei zwingt Frank Beth immer wieder in die Knie und lässt sie fast an sich selbst zu Grunde gehen. Das Schachspiel und die Gemeinschaft rund um den Denksport spornen sie aber dazu an, sich nie völlig zu verlieren und bei großen Weltturnieren, unter anderem in der UdSSR, anzutreten.

Diese Gemeinschaft, die Beth immer wieder unter die Arme greift und mit der Zeit zu einer Art Ersatzfamilie wird, ist rein männlich. Bis auf Beths Adoptivmutter Mrs. Alma (Marielle Heller) und ihre engste Vertraute aus dem Waisenheim Jolene (Moses Ingram) sind auch die Schlüsselfiguren in Beths Leben Männer. Das ist an sich kein Problem, würden die nicht wiederholt versuchen, ihr die Welt und insbesondere Schach zu erklären. Stichwort „Mansplaining“. Ständig taucht ein neuer Kerl auf, den sie beim Schach abgezogen hat, und will ihr neue Techniken beibringen – unter dem Vorwand, dass die sowjetischen Meister auch untereinander kooperieren würden. Mit zwei von ihnen landet Beth im Bett. Beide werden zu Beths engen Freunden, versuchen sie aber auch als Lebenspartnerin für sich zu gewinnen.

Das dürfte manchen der Kommentator*innen, die sich unter dem Trailer zur Serie austauschen, gefallen. Gleich mehrere schreiben dort sinngemäß nämlich Dinge wie „Zum Glück ist die Serie nicht so feministisch, wie es im Trailer scheint“ oder „Ich hätte die Serie fast nicht geschaut, weil ich dachte, das ist wieder so ein Empowerment-Ding“. Andere haben vor der Veröffentlichung gemeckert, dass in einer Serie über Schach ausgerechnet eine Frau als Genie dargestellt werde, wenn es doch in der Realität keine derart herausragende weibliche Spielerin gebe. Es ermüdet, dass Feminismus hier als Ausschlusskriterium für Serien oder Filme genannt wird. Fast so als gäbe es zu viel Empowerment auf der Leinwand, auf der Frauen jahrzehntelang nur hübsches Beiwerk waren.

„The Queen’s Gambit“ lässt die antifeministischen Kommentator*innen jedenfalls ruhig schlafen, denn selbst wenn eine Frau die Hauptrolle übernimmt, so ist die Serie weit davon entfernt, ein feministisches Statement zu sein. Wenn Beth sich vom Kind mit kupferfarbenem Topfschnitt zur gut gekleideten jungen Frau entwickelt, interessieren sich die männlichen Schachspieler zunächst mehr für ihr Aussehen als für ihre Fertigkeiten auf dem Schachbrett – und Beth fühlt sich geschmeichelt. Sie wird durch das erwähnte „Mansplaining“ sowie durch die Sexualisierung ihres Körpers nur bedingt als mit den Männern gleichgestellt porträtiert.

Beth selbst sagt an einer Stelle, dass sie nicht in die Geschichte des Schachs eingehen will, weil sie eine Frau ist, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten. Es gibt Szenen, in denen hervorgehoben wird, dass sie die erste und einzige Frau ist, die diese und jene Legende geschlagen hat, aber wirklich relevant für die Erzählung erscheint das nicht. Was die besagten Kommentator*innen demnach begrüßen, kann aus feministischer Perspektive als Minuspunkt einer sehenswerten Serie ausgemacht werden. Es hätte herausgearbeitet werden können, dass Beth sich ihrer Rolle als Vorreiterin bewusst ist oder dass sie ihren Ruhm nutzt um Frauen in der Schachszene zu unterstützten statt sich von Männern coachen zu lassen und ihr Dasein als Frau als unwichtiges Detail abzutun.

Trotz feministischer Flaute zieht „The Queen’s Gambit“ einen dennoch in seinen Bann. Es ist keine dieser Serien, die auf leichte Emotionen abzielt. Es gibt weder wilde Sex- noch schockierende Mordszenen. Selbst die beliebten Schachspieler haben was von unaufgeregten Nerds, sind eher zurückhaltend und loyale Kerle. Der Cast ist glaubwürdig. Die sieben Episoden sind am Ende schneller vorbei, als einem lieb ist und als Beths Schachspiele dauern. Ach, und keine Angst: Die Serie macht aus eigener Erfahrung auch Spaß, wenn man keine Ahnung von Königen und Bauern auf karierten Spielfeldern hat.

Auf Netflix.

Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.