China: Wahn lässt sich nicht eindämmen

Das Institut für Virologie in Wuhan wurde in Zusammenarbeit mit Frankreich gebaut und von den USA finanziell unterstützt, die dort tätigen Forscher genießen eine hohe wissenschaftliche Reputation. Doch derlei Fakten werden mühelos in Verschwörungserzählungen eingebaut, wonach das Institut für die Covid-19-Pandemie verantwortlich ist.

Im Zentrum der Verschwörungserzählungen um die Entstehung der Corona-Pandemie: das Wuhan Institute of Virology (WIV), hier in einer Aufnahme vom 23. Februar 2017. (Foto: EPA-EFE/Shepherd Hou China out)

Eine gängige Verschwörungserzählung über den Ausbruch der Covid-19-Pandemie sieht ein Biolabor als Tatort und skrupellose Wissenschaftler als Täter: Diese handeln im Auftrag einer Organisation, die die globale Kontrolle anstrebt. Gesteuert wird sie von einem der reichsten Männer der Welt und mächtigen Pharmakonzernen. Sie wollen die Weltbevölkerung impfen und dabei sagenhafte Gewinne machen. Nationale Regierungen und internationale Einrichtungen unterstützen den teuflischen Plan, weil sie auf Berater und Medien hören, die von der Organisation bereits kontrolliert werden.

Beflügelte gestern noch der angeblich geplante „große Austausch“ der Bevölkerung gegen Flüchtlinge wirre Phantasien, ist es heute die Wuhan-Connection.

In gewissem Sinne gibt es die allerdings tatsächlich, wie die italienische Zeitung „Il Manifesto“, die „Asia Times“ aus Hongkong, die „Washington Post“ und andere Medien beschrieben haben, und sie ist nicht einmal besonders geheimnisvoll. Die angeblichen „mad scientists“ vom Wuhaner Institut für Virologie (WIV) unterhalten vielfältige internationale Beziehungen. Ihr für die Untersuchung gefährlicher Viren ausgerüstetes Hochsicherheitslabor wurde in Zusammenarbeit mit Frankreich entwickelt und gebaut.

Zur Fertigstellung des Baus entsandte die französische Regierung am 31. Januar 2015 eine Regierungsdelegation nach Wuhan. Chinesen und Franzosen betonten die gemeinsame Verantwortung bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und versprachen eine weitere enge Kooperation. Zwei Jahre später reiste der damalige französische Premierminister Bernard Cazeneuve an, um an einer Einweihungsfeier für das Labor der höchsten Sicherheitsstufe P4 teilzunehmen; weltweit gibt es keine 30 Labore dieser Art.

Eine ganze Reihe chinesischer Virologen hat eine Ausbildung in Paris, Lyon oder Montpellier erhalten, darunter Shi Zhengli, die sich mit der Erforschung der Virenstämme in Fledermäusen internationale Reputation erwarb. Shi und der WIV-Institutsleiter Yuan Zhiming wurden 2016 mit französischen Orden geehrt. Doch die Hoffnungen auf eine intensive Kooperation scheinen sich nicht erfüllt zu haben, obwohl noch 2017 ein bilaterales Abkommen zwischen Frankreich und China die Lieferung französischer Labortechnologie besiegelte. Die darin vorgesehenen 50 französischen Forscher traten ihren Dienst allerdings nie an, die französische Pharmaholding Mérieux zog sich aus dem Projekt zurück.

Donald Trump hämmert der US-amerikanischen Öffentlichkeit derzeit ein, Covid-19 sei der schlimmste Angriff aller Zeiten auf die USA.

Inzwischen traten auch US-amerikanische Geldgeber auf den Plan. So unterhält das Galveston-Labor der Universität von Texas eigenen Angaben zufolge seit 2013 gute Beziehungen mit dem WIV. Man habe die chinesischen Kollegen für die sichere Arbeit im neuen Labor ausgebildet; solche Trainingsmaßnahmen seien bis 2016 vom Pentagon finanziert worden. Zwischen den beiden Laboren gab es bis vor kurzem einen regen Austausch.

Anthony Fauci, der Leiter des US-amerikanischen „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ (NIAID), hatte 7,4 Millionen US-Dollar für das WIV bewilligt, bevor er zum Coronaberater von US-Präsident Donald Trump avancierte. Im April wurde die Unterstützung ohne Angabe triftiger Gründe eingestellt. Realisiert wurde die Zusammenarbeit mit dem Labor in Wuhan von der in New York City ansässigen „Eco Health Alliance“, die von der „Washington Post“ als Non-Profit-Organisation bezeichnet wird. Nach Auskunft des Präsidenten der Alliance, Peter Daszak, habe man Shi Zhenglis Arbeiten gefördert und zum Teil persönlich daran teilgenommen. Mit separierten Fledermausviren habe das WIV einige biotechnische Experimente unternommen, um deren Fähigkeit zu erforschen, Menschen zu infizieren.

Daszak teilt die unter Wissenschaftlern weitgehend anerkannte Auffassung, wonach Sars-CoV-2 auf natürliche Weise entstanden ist, als ein Virus von Fledermäusen auf Menschen übersprang, möglicherweise über einen Zwischenwirt. Jahr für Jahr würden sich in Südostasien Millionen Menschen mit diversen, in der Regel harmlosen Coronaviren infizieren, so Daszak. „Sie jagen Fledermäuse, essen Fledermäuse, verwenden Fledermauskot für die chinesische Medizin und legen ihn in ihren Gemüsegärten ab, jeden Tag.“ Er hält den Verdacht, ein Hochsicherheitslabor sei der Ursprung der Pandemie gewesen, für absurd.

Gleichwohl sind die genannten gentechnischen Versuche riskant, wie auch Daszak einräumt, was in den USA die Behörden aufschreckte. Proben und Rückstände solcher Experimente wurden gelegentlich auf dem Postweg verschickt oder an ungesicherten Orten gelagert. Daher beschloss die US-Regierung Barack Obamas im Oktober 2014, die Finanzierung sogenannter „gain-of-function“-Experimente aus Bundesmitteln für drei Jahre einzufrieren. Versuche zur künstlichen Aktivierung von Virenmutationen sollten erst dann wieder gefördert werden, wenn die damit verbundenen Risiken untersucht und verbindliche Verfahren beschlossen wären. 2017 wurde diese Anordnung wieder aufgehoben.

Reißerische Artikel machen aus dem Finanzierungsstopp in den USA ein Verbot, das von Fauci umgangen worden sei, indem er die fraglichen Experimente nach China „auslagerte“. Die „Eco Health Alliance“ habe in Wuhan fortgesetzt, was in den USA nicht mehr möglich gewesen sei. Und hinter der NGO stehe Bill Gates – weil sie von einem Experten seiner Stiftung beraten wird. Diese zweifelhaften Indizien genügen Verschwörungsgläubigen für ihr neues Meme: „Bill kills“.

Das vermeintliche Impfsyndikat habe demnach mit dem Einsatz weniger Millionen US-Dollar – Peanuts in den Bilanzen von Pharmakonzernen oder in den Budgets von Staaten – einen weltweiten Schaden von mehreren Billionen angerichtet. Derart steile Thesen hätten wohl kaum eine Chance auf größere Verbreitung, würden sie nicht vom US-Präsidenten persönlich aufgegriffen. Donald Trump hämmert der US-amerikanischen Öffentlichkeit derzeit einen Superlativ ein: Covid-19 sei der schlimmste Angriff aller Zeiten auf die Vereinigten Staaten. In China sucht er den Sündenbock, um wegen der katastrophalen Pandemiefolgen in den USA vom eigenen Versagen abzulenken. Trumps Wahlkampfstrategie scheint dementsprechend vorzusehen, das Wuhaner Institut permanent zu verdächtigen. Die „New York Times“ berichtete jüngst, Trumps engster Beraterstab habe die US-Geheimdienste unter Druck gesetzt. Nachdem diese mehrfach mitgeteilt hatten, es gebe keinen Beweis für eine Schuld des WIV am Ausbruch der Pandemie, sollten sie nun endlich schockierende Enthüllungen liefern, so der Artikel.

Damit torpediert Trump mutwillig die internationalen Ansätze zur Erforschung und Bekämpfung der Pandemie. Der Virologe Fauci könnte zum Sündenbock werden, sein Austausch mit chinesischen Kollegen zur Kons-
piration mit dem Feind, die Weltgesundheitsorganisation zum verlängerten Arm Chinas.

Detlef zum Winkel ist Physiker und Publizist. E beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Atompolitik.

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