Corona-Epidemie: Macht’s wie China!

von | 30.03.2020

Ein PlĂ€doyer fĂŒr sinnvolle Maßnahmen, kontinentale Zusammenarbeit und „Sozialismus“.

Apotheke in Busan, SĂŒdkorea.
(Wikimedia; Busan Metropolitan City; KOGL license type I)

Was können die betroffenen LĂ€nder in Europa und Amerika von Chinas Umgang mit der Corona-Epidemie lernen? Mit dieser Frage ist nicht gemeint, welche Vorteile ein autoritĂ€res System fĂŒr die effiziente EindĂ€mmung der Krankheit bieten könnte. Der Verzicht auf Demokratie und Rechtsstaat steht in den meisten LĂ€ndern zum GlĂŒck nicht auf der Tagesordnung. Außerdem ist auch in puncto Effizienz unklar, ob die Nachteile des Autoritarismus die Vorteile nicht aufwiegen – man erinnere sich an die Versuche der politischen Instanzen, am Anfang den Ausbruch der Krankheit zu vertuschen. Ob diese Krise der Welt wohl erspart geblieben wĂ€re, wenn China demokratisch funktionieren wĂŒrde?

Relokalisierung: Gréngewald zu Klopapier?

In China gab es, anders als hierzulande, im Großen und Ganzen genug Masken, SchutzanzĂŒge und Tests – weil diese Produkte zum Teil dort hergestellt werden. Die Idee, wichtige ProduktionsablĂ€ufe im medizinischen und in anderen Bereichen wieder nach Europa „zurĂŒckzuholen“, macht derzeit die Runde. Der Ansatz ist nicht falsch, könnte jedoch Nebenwirkungen haben. Zum Beispiel wenn man ĂŒber EinfuhrbeschrĂ€nkungen und Patente die hiesigen Konzerne „schĂŒtzt“: Ohne die fernöstliche Konkurrenz ergeben sich ganz neue Möglichkeiten fĂŒr Preiserhöhungen, die auf Kosten der Allgemeinheit gehen. GrundsĂ€tzlich ist es nicht sinnvoll, alles lokal herstellen zu wollen. Wenn man das fĂŒr medizinisches Material tun will, warum dann nicht auch gleich Reisanbau im Alzettetal oder Klopapier aus dem GrĂ©ngewald fordern?

Einen Überblick ĂŒber wirklich sinnvolle Anregungen, die der Blick nach Osten liefert, findet man im BBC-Beitrag „What could the West learn from Asia?“. Dazu zĂ€hlt der massive RĂŒckgriff auf Tests. Anders als hierzulande werden in den hochentwickelten ostasiatischen LĂ€ndern Personen mit Symptomen getestet, auch wenn sie keine Hospitalisierung benötigen. Chinas Nachbarn haben frĂŒhzeitig strenge Einreisekontrolle eingefĂŒhrt. DafĂŒr ist es im Westen nun zu spĂ€t. FĂŒr die RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t, wenn die Neuansteckungen in einem Land stark zurĂŒckgegangen sind, ist dies aber eine wichtige Maßnahme, wie sie ja jetzt auch China ergriffen hat.

Tests, Masken und Überwachung

Auch andere Maßnahmen, die die EindĂ€mmung oder den Ausstieg aus der QuarantĂ€ne begleiten, sollten im Westen ins Auge gefasst werden. In Ostasien gibt es an den EingĂ€ngen zu Einkaufszentren und LĂ€den Kontrollen mit Fiebermessungen und Namenslisten. Die umstrittene Überwachung durch diese Listen, durch Handyortung oder KameraĂŒberwachung, dient dazu, im Falle eines Ausbruchs alle potenziell Betroffenen zu benachrichtigen. Und natĂŒrlich erhöht sie den Druck, die individuell verordneten QuarantĂ€nen einzuhalten. Schließlich der Maskenzwang: Lange genug hat man im Westen den Menschen erklĂ€rt, die Masken taugten nichts zum Selbstschutz – was weitgehend stimmt. Sind genĂŒgend verfĂŒgbar, helfen sie, anfĂ€llige Mitmenschen zu schĂŒtzen. Auch im Westen könnte man die Masken kontingentieren und dann verlangen, dass alle Personen außerhalb der eigenen Wohnung eine tragen.

Aber ist die BekĂ€mpfung der Corona-Epidemie in Ostasien wirklich so erfolgreich gewesen? Die ganze Welt blickt nach China, denn die Lockerung der Maßnahmen kann auch als Experiment interpretiert werden. GrundsĂ€tzlich kann, den Masken zum Trotz, das Virus sich jetzt unbemerkt ĂŒber stille TrĂ€ger verbreiten. Die Regierung in Beijing scheint davon auszugehen, dass solche infizierten Personen ohne Symptome nur sehr schwach ansteckend sind – die Expert*innen sind sich in dieser Frage nicht einig.

Was ist in Italien und Spanien anders als in China?

Ganz allgemein gibt es starke Zweifel an den offiziellen Zahlen aus China, wie zum Beispiel der Guardian berichtet. Das Misstrauen gegenĂŒber der Regierung stellt auch eine Lektion dar: Wer lĂŒgt und dissidente Stimmen unterdrĂŒckt, dem wird grundsĂ€tzlich misstraut. Anders als in der stark repressiven Volksrepublik können sich Regierungen im Westen so eine massive Welle des  Misstrauen gar nicht leisten. Doch bei allem Zweifel an den Zahlen, Fakt ist, dass die Corona-Epidemie in China eingedĂ€mmt werden konnte, bei relativ wenig Todesopfern.

Hygienetipps der WHO zum FrĂŒhjahrsfest.

Warum hat dort funktioniert, was in Italien oder Spanien nicht gelingt? Weil der Stadt Wuhan, der Provinz Hubei, ein ganzes Land, so mĂ€chtig wie ein Kontinent, zu Hilfe gekommen ist. In China war eine Provinz erkrankt und die 22 anderen haben geholfen, sie „gesund zu pflegen“. In Europa hat jedes Land fĂŒr sich erst einmal autonom und im (vermeintlich) besten eigenen Interesse Entscheidungen getroffen. Mittlerweile wurden immerhin Kranke aus Frankreich nach Luxemburg und in andere weniger betroffene LĂ€nder verlegt. Doch eine wahrhaft europĂ€ische, sinnvoll koordinierte medizinische Antwort ist ausgeblieben.

Erstaunlich auch, dass es in den europĂ€ischen LĂ€ndern, sogar im zentralistischen Frankreich, gedauert hat, bis die Kranken aus den am meisten betroffenen Regionen in andere, weniger betroffene, verlegt wurden. Möglich, dass dies eine Folge der Politik der „Autonomisierung“ der lokalen medizinischen Versorgung ist – eine Politik, die mehr Wert auf Wirtschaftlichkeit als auf das Allgemeinwohl legte. Die neoliberale Parole, wir könnten uns keinen Wohlfahrtsstaat mehr leisten, wird jedenfalls mit dieser Krise LĂŒgen gestraft. Im Gegenteil: Komplexe Gesellschaften wie unsere können sich die Rentabilisierung und Privatisierung der Sozialsysteme der vergangenen Jahrzehnte nicht leisten. Die „unsichtbare Hand des Marktes“ ist eine schlechte Garantin fĂŒr das Allgemeinwohl. Benötigt wird, was in den USA Bernie Sanders Gegner*innen als „Sozialismus“ bezeichnen: eine vorausschauende, solidarische Gesundheitpolitik.

 

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