Covid-19 und Ökologie: Das wahre Virus

Sind wir Menschen ein Virus, das den Planeten bedroht, und Covid-19 die Rache der Natur? Solche Ideen sind nicht nur unsinnig, sondern richtig gefährlich.

Illu: Covert

In vielen Ländern der Welt bestehen derzeit Ausgangsverbote, die wirtschaftliche Aktivität wird auf ein Minimum zurückgefahren. Das hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die natürliche Umwelt. An Orten, an denen die Luft durch Autoauspuffe und Fabrikschlote stark verschmutzt war, hat sich die Luftqualität verbessert. Aus Llandudno in Wales sind Fotos von wilden Ziegen zu sehen, die munter durch die menschenleeren Straßen spazieren. Die angeblichen Delfine in den Kanälen Venedigs waren eine Falschmeldung, die dennoch enthusiastisch geteilt wurde – das Wasser ist angesichts des ausbleibenden Bootverkehrs in der Lagune jedoch klarer geworden. All diese Ereignisse verleiten nicht wenige Menschen zu merkwürdigen Gedanken: Ist Covid-19 ein „Weckruf“ der Natur? Holt sie sich zurück, was wir ihr genommen haben? Ist die Menschheit letztendlich das „wahre Virus“?

Die Natur schlägt nicht zurück, sie würfelt nur ständig.

Mal abgesehen davon, dass die abgedroschene Phrase mit dem „wahren Virus“ aus dem Film „The Matrix“ geklaut ist: Solche Gedankengänge sind Quatsch. Wer eine Pandemie und zehntausende Tote braucht, um zu begreifen, dass die Menschheit die Umwelt nachhaltig beeinträchtigt, hat die letzten Jahrzehnte in einem beneidenswert gutem Schlaf verbracht. Immerhin befinden wir uns nach Einschätzung vieler Wissenschaftler*innen im Anthropozän, der geologischen Epoche, die durch den Menschen markiert wird. Wie antagonistisch wir mit unserem Planeten und den Lebewesen, mit denen wir ihn uns teilen, umgehen, ist längst bekannt.

Die Idee, dass wir Menschen das „wahre Virus“ sind und die Natur sich durch Covid-19 ihren Raum zurücknimmt, ist nicht nur falsch, sie ist auch mehr als gefährlich. Obwohl die Menschen, die ihn verbreiten, sich vermutlich um unsere natürliche Umwelt sorgen, liegt diesem Gedanken paradoxerweise ein äußerst anthropozentrisches Weltbild zugrunde: Die Menschheit und die Natur als sich bekämpfende Gegenspielerinnen, die nichts miteinander zu tun haben. Dabei verhält sich die Sache ganz anders.

Das Virus ist überhaupt nur deswegen gefährlich für uns, weil wir aus den gleichen Grundbausteinen bestehen, von dem gleichen Planeten stammen und uns parallel zueinander entwickelt haben. Die Menschheit ist genauso Teil der Natur wie Pandabären, Tannenbäume und halt auch Coronaviren. Dass wir eine Pandemie erleben, ist keine Strafe für unser ausbeuterisches Verhalten gegenüber der Umwelt, sondern das zufällige Ergebnis des komplexen Zusammenspiels von Evolution, menschlichem Verhalten und der kapitalistischen Globalisierung. Die Natur schlägt nicht zurück, sie würfelt nur ständig.

Covid-19 als Gegenschlag oder gar reinigendes Ereignis zu sehen, macht den Weg für menschenverachtende Ideologien frei. Die Tiefenökologie, die trotz aller Kritik einige bedenkenswerte Ansätze für ökologische Bewegungen brachte, hat eine Reduzierung der Weltbevölkerung propagiert. Auch hier wurde die Menschheit oft als Krankheit für den Planeten bezeichnet. Der vielfach überstrapazierte Begriff Ökofaschismus ist hier einmal treffend: Für das Wohl der Natur sterben sollen stets alte, kranke, schwache, arme Menschen – und jene aus dem globalen Süden.

Wir wären gut beraten, die Klima- und Biodiversitätskrisen mit der gleichen Entschlossenheit anzupacken, wie wir gerade gegen Covid-19 vorgehen. Auch wenn die ersten Marktradikalen bereits wieder Blutopfer für die Wirtschaft fordern: Die Menschheit zeigt gerade kollektiv, dass sie dazu fähig ist, sich schnell anzupassen, Lösungen zu finden und mit Einschränkungen umzugehen. Aktuell werden beispielsweise Videokonferenzen notgedrungen zum Standard – etwas, was auch nach der Krise durchaus so weitergeführt werden sollte. Die Krise darf ruhig zum Nach- und Umdenken genutzt werden: Über menschliches Handeln, nicht aber über angebliche Strafen der Natur.


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