Der letzte linke Kleingärtner, Teil 39: Die Deutschen und ihr Wolf

Der Wolf ist und bleibt ein Aufreger-Thema und veranlasst den letzten linken Kleingärtner zur Betrachtung deutscher Verhaltensweisen. Jede Ähnlichkeit mit Menschen in Luxemburg ist daher rein zufällig und vom Autor nicht gewollt.

Über die Präsenz des Wolfes wird viel gestritten: Im woxx-Team mag man ihn vor allem, wenn er aus der Flasche kommt. (Foto: Dirk Van Esbroeck/Wikimedia/CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0)

Die Deutschen sind komisch, etwa beim Umgang mit der lieben Natur. Selbstverständlich soll sie unberührt sein. Weil sie dann schöner ist. So fühlen es viele Menschen in Deutschland. Und merken nicht, welchen Stuss sie reden.

Die meisten Menschen wollen auch glückliche Hühner, die freien Auslauf haben. Und glückliche Kühe, die auf der Weide grasen. So weit, so gut. Nur wollen viele dieser Menschen auch, dass Wölfe frei herumlaufen können. Im Freien, versteht sich, sonst wäre es ja kein freies Herumlaufen.

Nun muss man wirklich nicht Agrarwissenschaft studiert haben, um zu begreifen, dass Kühe oder Schafe auf der Weide und Wölfe in der Umgebung echt nicht zueinander passen. Zwar gibt es durchaus Gründe, die eigene Wolfsparanoia nicht Überhand nehmen zu lassen und also auch nicht zu fordern, sie wahllos zu schießen – irgendwie hat jedes Tier seinen Platz. Wenn man ihre Bejagung aber grundsätzlich ablehnt, dann sollte man so ehrlich sein und für die ganzjährige Stallhaltung von Kühen und anderem Viehzeug eintreten. Wer aber umgekehrt für die Weidehaltung von Kühen, Schafen und Ziegen ist, müsste auch mit dem Jagen und Schießen von Wölfen einverstanden sein.

Aber für die Konsequenzen ihrer Anwandlungen haben die Deutschen nun mal keinen Sinn. Wer nichts mit Landwirtschaft und Tierhaltung am Hut hat oder in Bauern ohnehin nur suspekte Gestalten sieht, die die schöne Natur kaputt machen, will sich ungestört an den Bildern von freilaufenden Wölfen laben. Ganz besonders schlaue Ökos weisen darauf hin, dass die Bauern für gerissene Kühe und Schafe entschädigt werden und dass es Zuschüsse für den Zaunbau gibt. Das ist richtig, hebt aber die widerstreitenden Interessen zwischen Kühen und Schafen auf der Weide und freilaufenden Wölfen, beides gesellschaftlich gewollt, nicht auf. Zudem ist es als Öko immer einfach, von anderen – von Bauern sowieso – zu verlangen, sich mit ihren regionalen Umweltbehörden herumzuschlagen, seitenlang Formulare auszufüllen, um eine kleine Entschädigung zu bekommen. Die Ökos nehmen keinem Bauern diese Arbeit ab. Wohlgemerkt, Bauern bekommen den Materialwert ersetzt, nicht die vielfach teurere Arbeitszeit.

Doch „die Natur“ hat es den Deutschen halt angetan. Städter wollen sie am Wochenende mit den Kindern in wenigen Minuten erreichen. Menschen in ländlichen Regionen wollen das ebenso. Blöd nur, dass es in Deutschland genau genommen gar keine Natur gibt, zumindest keine unberührte. Wir leben in diesem Teil Europas in einer vielfach bearbeiteten Kulturlandschaft und nicht in einer Naturlandschaft. Der Gegensatz zwischen positiv besetzter, angeblich unberührter Natur und negativ besetzter Kulturlandschaft sitzt tief drin im deutschen Gemüt. Zu einer gestalteten Kulturlandschaft gehört eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber, ob und wie Landwirtschaft betrieben wird. Der romantische Unfug von heiler, unberührter Natur befeuert auch die durchgeknallte Vorstellung von den „anderen Kulturen“, die entweder gleich als vermeintliche „Naturvölker“ halluziniert oder zumindest kulturrelativistisch idealisiert werden.

Die Deutschen und die Natur – nein, sie sind kein kongeniales Paar und produzieren jede Menge unverrottbaren, zur Düngung ungeeigneten Mist. Das kann sich kein anständiger Kleingärtner antun, weil es abartig stinkt. Daraus wird nichts Gutes. Ich bleibe dabei: Die Deutschen sind komisch.

Und was geht im Garten ab? Die Pläne sind fertig, das Gartenwerkzeug ist startklar. Auch der Zweitaktmäher könnte schon losheulen, muss sich aber noch bis März gedulden. Wenn einem als Kleingärtner das erste Mal wieder der fein dosierte Gestank von Zweitaktgemisch in der Nase beißt, weiß man, dass es Frühling ist. Ich muss mich also in Geduld üben.

Stattdessen schreibe ich diese Kolumne. Und weil der Garten, abgesehen vom erntebereiten Grünkohl, aktuell nichts Grünes hergibt, habe ich mir letztes Wochenende zwei Fußballtestspiele auf Kunstrasen angesehen. Hauptsache grün. Das wäre auch eine Idee für mehr Grünzeug in meinem Garten: Ich rolle einen grünen Kunstrasenteppich aus und bin damit ganzjährig im grünen Bereich. Der grüne Rollteppich aus recycelten Plastikflaschen würde sich voll nachhaltig auf den Boden legen und dort alles Eigenleben vernichten.

So stelle ich mir das auch in der deutschen Politik vor, wenn das grüne Zeugs sich über die Gesellschaft ausbreitet und uns allen mit identitätspolitischem Blendwerk ein gutes Gefühl verschafft. Derweil geht die Welt zugrunde, weil es hinter den Kulissen genauso weitergeht. Hauptsache Grün und die Wölfe laufen durchs Bild.

Drei Praxistipps:

1. Lass keine Wölfe auf die Weide.
2. Beschäftige dich auch im 
Winter mit Grünzeug, und sei es der Kunstrasen auf dem Fußballplatz.
3. Lass das mit der „Naturvölkerei“ und dem Kulturrelativismus sein. Vielfalt ernährt die 
(geistige) Welt.


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