Foire de l’éducation: „Endlich alles an einem Ort“

Mit zunehmender Diversifizierung der Bildungslandschaft wird auch die Entscheidungsfindung immer komplexer. Die Foire de l’éducation, die diese Woche zum ersten Mal stattfand, soll Abhilfe verschaffen. Die woxx hat sich vor Ort einen Eindruck verschafft.

Viel zu entdecken gabs diese Woche bei der ersten nationalen Bildungsmesse. (Fotos: woxx)

Es war ein eher ungewöhnliches Bild, das sich diese Woche beim Betreten der Luxexpo The Box auf dem Kirchberg bot: Autos, an denen herumgewerkelt wurde, Dach-Imitate, in welche Handwerker*innen Schieferplatten einhämmerten, und, in derselben Halle, ein nachgebauter Blumenladen. Wer sich zwischen Montag und Mittwoch auf die Foire de l’éducation begab, konnte nur beeindruckt sein von der Vielfalt der Berufe, die dort plastisch vorgestellt wurden.

Das auch deshalb, weil die Werbekampagne, mit welcher das Bildungsministerium die Veranstaltung in den vergangenen Wochen beworben hatte, recht abstrakt gehalten war. In einem der Spots ist ein Mädchen mit Zahnspange zu sehen, das mit ängstlichem Blick an einem riesigen Schulgebäude emporschaut. Wurde etwa die von der Polizei im Jahr 2013 initiierte Anti-Cannabis-Kampagne wiederbelebt? Darf man sich auf neue, ungewollt lustige Sprüche wie „Putain, ech fanne meng Klass net méi“ freuen? Leider nicht, denn im nächsten Moment schwenkt die Kamera nach links und zeigt ein Schaf. „Yeeeeeep“, blöckt es in die Kamera. Mit dem Thema Bildung hat das nur insofern zu tun, als dass „Yep“ das Akronym der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindenden „Youth, Education, Professions“-Messe ist. Mit der Cannabis-Kampagne hat dieser Spot nur etwas gemein: das Zurückgreifen auf Konventionen des Horrorfilms. Damit scheint Bildungsminister Claude Meisch (DP) augenzwinkernd anerkennen zu wollen, wie zermürbend es mittlerweile geworden ist, sich in der immer diverser werdenden Bildungslandschaft Luxemburgs zurechtzufinden. „Unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Kinder“, wie das immer wieder verlautbarte Ziel Meischs lautet, bedeutet nun mal nicht nur eine größere Auswahl, sondern auch eine komplexere Entscheidungsfindung.

Überblick verschaffen

In der Luxexpo selbst deutet wenig auf den Erfolg dieser ohne Zweifel kostspieligen Werbekampagne hin. Die Handwerker*innen arbeiten größtenteils, ohne dass ihnen dabei zugeschaut wird. Bei den Workshops und Ständen der einzelnen Institutionen ist ein wenig mehr los, doch insgesamt wirken die drei im Rahmen der Messe genutzten Hallen recht leer. Von der woxx am Dienstagnachmittag danach gefragt, wo er bei der Yep Verbesserungspotenzial sehe, zögert ein Familienvater nicht lange: „Meiner Meinung nach wurde die Messe nicht ausreichend beworben. Ich hatte erwartet, dass hier viel mehr los sei.“ Zwar genieße er es, sich wider Erwarten nicht durch Menschenmassen drücken zu müssen, er hoffe aber, dass die Messe bei ihren kommenden Ausgaben größeren Anklang finde.

Bei den Inforständen der einzelnen Lyzeen waren vor allem Eltern anzutreffen.

Obwohl sich die Messe vor allem an Grundschüler*innen richtet, die vor der Wahl eines Lyzeums stehen, sind die meisten der dort anwesenden Schüler*innen etwas älter. Auch für Schulabbrecher*innen, für Jugendliche, die sich neu orientieren wollen, oder auch solche, die vor der Wahl einer bestimmten Sparte oder Sektion stehen, kann die Yep interessant sein. Bei den einzelnen Ständen sieht man neben Schulklassen und kleinen Gruppen von Jugendlichen vor allem Mütter mit ihren Kindern, in einigen seltenen Fällen ist die ganze Familie zugegen. „Mega“, so bezeichnet eine Mutter die neue Messe auf Nachfrage der woxx. Der Impuls, sie sich anzuschauen, sei von ihrem Sohn, einem Fünftklässler, ausgegangen. „Er hat gehört, dass hier viel geboten wird, und wir wollten uns davon ein Bild machen. Leider haben wir nur eine Stunde Zeit, was eigentlich gar nicht ausreicht.“

Dass die Messe erst so spät im Schuljahr stattfindet, kann wohl nur pandemiebedingt sein. Für diejenigen, die sich für die kommende Rentrée orientieren wollen, kommt sie recht kurzfristig, die Einschreibephase der Lyzeen läuft bereits. So sind denn auch nicht wenige Eltern anzutreffen, deren Kinder zurzeit den Zyklus 4.1. besuchen und demnach erst 2024 in den Secondaire wechseln. „Das ermöglicht es uns, die Sache gelassen anzugehen. Das letzte Grundschuljahr wird intensiver, da bleibt wahrscheinlich weniger Zeit, um auf Schulsuche zu gehen“, kommentieren die Eltern eines Fünftklässlers ihren Besuch. „Es ging uns darum, uns einen allgemeinen Überblick zu verschaffen und die Angebote der einzelnen Schulen miteinander zu vergleichen.“ Die Begeisterung der anderen Befragten teilen sie jedoch nicht. Im Gegensatz zu einer Porte ouverte an einer Schule, bleibe bei der Messe alles weniger greifbar. „Ein Kind in der fünften Klasse kann damit einfach nicht sehr viel anfangen. Da ist es schon sehr viel beeindruckender ein Schulgebäude zu betreten.“ Eine weitere Mutter zweier Grundschüler*innen sieht das genau umgekehrt: „Wir laufen von Porte ouverte zu Porte ouverte. Hier haben wir endlich alles an einem Ort.“ Was sie besonders begrüßt, ist die Möglichkeit, sich innerhalb eines Nachmittags gleich über mehrere Lyzeen zu informieren. Einen Kritikpunkt hat sie aber auch: Die Schrift auf dem Lageplan sei dermaßen klein, dass sie sie nicht entziffern könne.

Vielleicht ein Job in der Gastronomie? Auch das Cocktailmixen will gelernt sein.

Spezifische Fragen

Etwas anders geartet ist die Kritik eines Mannes, mit dem wir ins Gespräch kommen. „Es ist bedauerlich, dass die verschiedenen Vorträge nicht stärker beworben wurden, sie wurden fast gar nicht besucht“, so seine Einschätzung. Eine dieser Veranstaltungen fand am Dienstagnachmittag statt: Claude Meisch präsentierte zusammen mit Jos Britz, dem Direktor des ECG, Isabelle Frank, der Präsidentin der Tourismussparte der École d’hôtellerie et de tourisme du Luxembourg, Tom Delles, dem Direktor des Lycée technique agricole und Tom Müller, Vize-Direktor des Service de la formation professionnelle, die „nouvelles offres de l’enseignement secondaire et de la formation professionnelle“. Dazu gehören neben einem Diplôme d’aptitude professionelle (DAP) Education und einem DAP Electro-Technologies auch ein Diplôme de technicien (DT) im Bereich Tourismus und Education sowie ein DT im Garten- und Landschaftsbau. Neu ab kommendem Herbst ist zudem die Sektion N im Secondaire classique: Entrepreneurariat, Finance, Marketing. Die vor dem Podium aufgestellten Stühle waren in der Tat nur spärlich besetzt. Irgendwie auch nachvollziehbar, wenn dort nichts anderes als auch online leicht auffindbare Informationen vorgetragen werden.

Bei den Menschen, mit denen wir reden, sind solche, die ohne spezifische Fragen gekommen sind, in der Unterzahl. Die meisten haben bereits eine Vorauswahl der Lyzeen getroffen, die Ansprechpersonen an den Ständen sollen helfen, letzte Details zu klären. „Ich bin einerseits hier, weil ich spezifische Fragen zum Sportslycée habe, das meine Tochter ab September besuchen wird. Andererseits wollen wir uns auch einen Überblick über technische Berufe und die dazu erforderlichen Bildungswege verschaffen“, erklärt uns eine Mutter, die vor einem Atelier des Sportslycée steht. „Bisher hatte ich keinen Schimmer, wie ich mich anlegen sollte, um ein Maximum an Informationen zu bekommen. Hier ist alles an einem Ort vereint, das ist interessant.“

Wer also Zeit sparen möchte, gleichzeitig aber den direkten Austausch schätzt, für den ist die Messe eine willkommene Ergänzung zu den Portes-ouvertes und online abrufbaren Informationen. Gleichzeitig haben sicherlich nicht alle Erziehungsberechtigten die Möglichkeit, unter der Woche einen ganzen Nachmittag auf einer Messe zu verbringen. Mit zunehmender Diversität der Schüler*innenschaft und Bildungslandschaft wird die Herausforderung, einen möglichst inklusiven Informationszugang zu gewährleisten, in den kommenden Jahren wohl noch stark anwachsen.


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