#Freeturnup: Klibber eis Fred!

Der heutige Freispruch für den Rapper Turnup Tun war die einzig richtige Entscheidung, um die Meinungsfreiheit zu wahren. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, bleibt trotzdem ein Skandal – und wirft weitere Fragen auf.

(©Screenshot – Youtube)

Auch wenn in regelmäßigen Abständen internet-pöbelnde Rassist*innen vor luxemburgischen Gerichten zu Geldstrafen verdonnert werden, stellt sich im Fall Turnup Tun (bürgerlich Tun Tonnar und Sohn des Komponisten, Sängers, und Schauspielers Serge Tonnar) die Frage der Verhältnismäßigkeit. Rufen erstere oft zu kruder Gewalt gegen Ausländer*innen und Geflüchtete auf, so hat der Rapper in seinem Track „FCK LXB“ neben einigen gepfefferten und durchaus genre-üblichen Beleidigungen gegenüber Fred Keup, einem der Kläger, (Europakandidat der ADR und Gründer der rechtspopulistischen „Nee2015/Wee2050“ Bewegung) durchaus gute Argumente geliefert, wie: „Ass da keen, deen hei versteet, dass hie seng eegen Angscht verbreet“. Auch wenn Keup kein Gangsta-Rapper ist, der mit einem Diss-Track zurückschießen könnte, so muss er als öffentliche Person Kritik aushalten – egal ob in den Medien oder in Rapsongs.

Dass die Staatsanwaltschaft dies nicht in Betracht gezogen hat, ist das Hauptproblem. Sicher, die Anklage fußte nicht auf dem Delikt der „incitation à la haine“, sondern auf Beleidigung – trotzdem entsteht ein Parallelismus. Allein schon weil einer der Kläger, Dan Schmitz, ein mehrfach wegen Rassismus vorgestrafter Stammgast vor den Tribunalen ist. Da wird also der Klage eines vorbestraften Rassisten gegen einen Rapper stattgegeben, der ihn einen Rassisten nennt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Auch wenn Keup kein Gangsta-Rapper ist, so muss er als öffentliche Person Kritik aushalten.

Und auch im Falle eines Fred Keup, neben Joé Thein von den Konservativen, der einzige Politiker unter den Klägern, muss man erst mal tief Luft holen, um seine Argumentation zu verstehen. Denn in der Wahlbroschüre seiner Partei, wie auch in diversen Internet- und Fernsehauftritten, setzt sich Keup immer wieder für die Meinungsfreiheit ein. Wenn er dann Klage einreicht, wenn ein Rapper seine Meinungsfreiheit einsetzt, um ihn wegen seiner kruden politischen Ansichten anzuprangern, dann ist das die purste Hypokrisie. Und zeigt zudem wie Keup und seine Leute sich schon den Vorgehensweisen der AfD angenähert haben. Auch in Deutschland hagelt es Klagen sobald AfD-Politiker*innen ins Fadenkreuz geraten, werden Menschen mit Shitstorms bedroht, wenn sie es wagen die Inkonsequenzen der rechtspopulistischen Denkweise bloßzustellen. Und Turnup Tun ist nicht der einzige gegen den Keup geklagt hat: Die woxx hat Kenntnis von zumindest einer weiteren Klage gegen eine*n Aktivist*in.

Dass die Staatsanwaltschaft eine solche Scheinheiligkeit legitimiert und hingegen die Kunstfreiheit in Frage stellt, rückt sie in ein schlechtes Licht. Und zeigt wie wenig unsere Gesellschaft gegen Rechtspopulist*innen und ihre Methoden gewappnet ist. Wie dem auch sei, der Prozess geht in die nächste Runde: Joé Thein von den Konservativen hat heute angekündigt in Appell gehen zu wollen.

Und auch von der Künstler*innen-Seite wurde nachgefeuert. Nicht nur Turnup Tun veröffentlichte heute ein Video mit einer ellenlangen Liste von Unterstützer*innen, sondern auch das Künstlerkollektiv Richtung22 ist ins Rap-Business eingestiegen und veröffentlichte mit „Fécken ass keng Konscht“ einen Rundumschlag gegen alle Beteiligten (mit sehr passenden Jean-Claude Juncker-Zitaten). Auch der Rapper wird darin kritisiert, weil er sich als Opfer inszenierte, obwohl er als „fils de riche“ über die Mittel verfügte sich einen der teuersten Anwälte des Landes an die Seite zu stellen. Dies hat weniger mit Sozialneid zu tun als mit der berechtigten Frage, ob man in Luxemburg reich sein muss um seine Meinungsfreiheit genießen zu können.


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