Kulturhauptstadt Novi Sad: Argwohn und Versöhnung

Neben Esch trägt auch das serbische Novi Sad dieses Jahr den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Novi Sad ist, wie Esch, von vielen Kulturen geprägt und, wie im Luxemburger Süden, zieht das Projekt auch in Serbien Kritik auf sich. Viele Kulturhauptstädte teilen diese Krankheit. Auf Symptomsuche in Novi Sad.

Der Künstler Nemanja Milenkovic ist Teil des Kollektivs „Šok Zadruga“, das die Teilnahme am Programm der Kulturhauptstadt zunächst ablehnte. (© Franziska Peschel)

Novi Sad war schon immer Kulturhauptstadt – zumindest für die Region Vojvodina rund um Novi Sad, für Serbien und früher für Jugoslawien. Das große Café Atina neben der Kirche am Hauptplatz steht genau dafür. Das „Atina“ (Athen) hieß einst „Moskau“, dann „Zagreb“. Auf die Kriege im Balkan folgte 1992 die letzte Umbenennung, doch noch heute verabreden sich die Leute in Novi Sad im „Zagreb“. Novi Sad hätte schon im vergangenen Jahr den Titel tragen sollen, doch wegen der Pandemie wurde das Kulturjahr um ein Jahr verschoben, sodass Europa in diesem Jahr drei Kulturhauptstädte hat. Corona hat dem Veranstaltungsteam Zeit geschenkt. Diesen Scherz machen viele in Novi Sad.

Über der Fußgängerzone kündigen ausgeblichene rote und blaue Banner Ausstellungen, Theaterstücke und Konzerte an, einige von ihnen mussten abgesagt werden. Unter den Bannern laufen so viele Beine hinweg, es scheint, als sei kein Mensch im Alter zwischen 16 und 70 zu Hause am frühen Abend, wenn die Sonne sich langsam zurückzieht. Im Stadtkern reiht sich ein Café an das nächste und alle sind voll. Das Besondere der Architektur, von der österreichisch-ungarischen Monarchie geprägt, sind die vielen Hinterhöfe. Sie sind Durchgänge und Abkürzungen zu den Parallelstraßen. Früher hatten Handwerker*innen ihre Werkstätten dort, heute sind die Höfe voller Restaurants und Bars und es gibt einige kleine Geschäfte und Galerien.

In einem dieser Höfe hat Šok Zadruga seine Galerie eingerichtet, das „Schock-Kollektiv“. Im Erdgeschoss empfangen die Gemälde und Geschichten von Aleksandra Mirimanov die Besucher*innen in einem hellen, kleinen Ausstellungsraum. Die Werke sind in der Kunsttherapie gemeinsam mit Patient*innen der Psy-
chiatrie entstanden und als Kritik an der psychischen Gesundheitsversorgung im Land zu verstehen. Eine Holztreppe führt in den ersten Stock, dort hängen die Wände voller Gemälde zum Verkauf. Auch die Werke von Nemanja Milenkovic hängen hier, kleine Aquarelle auf Papier in Rahmen. Sie zeigen das, „was vom Tier übrig bleibt, wenn man es geköpft hat“, erklärt er. Er stammt aus einer Familie von Jägern, das Bild des Kopfes mit Geweih als Trophäe hat sich in seine Netzhaut eingebrannt. Er und sein Bruder sind die ersten, die mit dieser Tradition gebrochen haben. Nemanja setzt sich für Tierrechte ein, auch in der Malerei. Die Gemälde sind etwa vier Jahre alt und kosten um die 50 Euro. Hier hängen nur bezahlbare Bilder, alles andere würde sich nicht lohnen. Sowieso kommt kaum jemand, um zu kaufen. Nemanja hatte Glück. Nachdem er vor zwei Jahren den Master an der Kunstakademie abgeschlossen hatte, bot seine Fakultät ihm eine Dozentenstelle an. Andere Mitglieder von Šok Zadruga leben allein von ihrer Kunst – dürftig.

Das Kollektiv vereint junge visuelle Künstler*innen in Novi Sad. Šok Zadruga wurde 1992 gegründet aus dem Drang, der Kunst der reinen Ästhetik etwas entgegenzusetzen, mehr Ethik in die Kunstszene zu bringen. Alle zehn Jahre geben sie sich einen neuen Namen, eine neue Identität für das kommende Jahrzehnt. Zunächst wollte das Kollektiv, wie viele andere Kunstschaffende in Novi Sad, mit der Kulturhauptstadt nichts zu tun haben. „Seit mehr als einem Jahrzehnt sprechen wir über das Problem, dass es keinen Ort für zeitgenössische Kunst in Novi Sad gibt“, sagt Nemanja. Das „Museum für zeitgenössische Kunst Novi Sad“ ist im Gebäude des „Museums für zeitgenössische Kunst der Vojvodina“ untergebracht. Es gibt nicht genug Platz. „Nichts wurde unternommen, um der zeitgenössischen Kunst Raum zu geben.“ Die großen Museen in Novi Sad stellen Werke der letzten Jahrhunderte aus. Für Šok Zadruga war diese fehlende Rücksichtnahme einer der Gründe, zunächst nicht an der Kulturhauptstadt teilhaben zu wollen. Doch nun steht im Juli eine große Ausstellung über die 30-jährige Geschichte des Kollektivs im Museum für zeitgenössische Kunst der Vojvodina an.

Daran arbeiten die Köpfe von Nataša und Dalija zwischen Räucherstäbchen in der kleinen Küche unter den Dachschrägen im Obergeschoss. Etwa 60.000 Euro steuert die Kulturhauptstadt bei, damit können die Veranstalter*innen Materialkosten und sonstige Ausgaben decken, ihre eigene Arbeitszeit ist damit nicht bezahlt. Nemanja ist einer der Hoffnungsvollen im Kollektiv. „Die Gemeinde könnte die Kulturhauptstadt nutzen, um endlich etwas für die zeitgenössische Kunst zu tun und ein Gebäude für das Museum zu erschließen.“ Bisher ist davon keine Rede. Immerhin ist es für Nemanja Milenkovic und Šok Zadruga eine Gelegenheit, gesehen zu werden und ein Projekt zu verwirklichen, das ohne den Zuschuss nicht möglich wäre. Es hat einiges an Überredungskunst gekostet, das Kollektiv zur Teilnahme zu bewegen, noch immer sind einige Mitglieder dagegen. Denn die Kulturhauptstadt hatte einen denkbar schlechten Start.

Stanislav Drca, Mitbegründer des Kulturzentrums „Lab“, versuchte die junge und alternative Szene für die Kulturhauptstadt zu begeistern – trotz kritischer Haltung. (© Franziska Peschel)

Sackgasse Kulturhauptstadt?

Die ersten Anläufe unternahm unter anderem der ungarische Schriftsteller László Végel, der in Novi Sad lebt. Doch mit dem Regimewechsel, der 2012 die rechtspopulistische Fortschrittspartei SNS in die Regierung von Staat, Regionen und Gemeinden brachte, wurde die Idee im Keim erstickt. Die neue Regierung war anfangs gegen die Europäische Kulturhauptstadt. Als die Gemeinde die Idee doch wieder aufgriff, war von den Initiator*innen um László Végel keine Spur mehr. Ein Organisationsteam aus Museumsdirektor*innen, Denkmalschutzbeauftragten, Jurist*innen und Geisteswissenschaftler*innen sollte die Initiative voranbringen – Bürokrat*innen, die mit der Kultur der Stadt nicht verbunden seien, ihre Bedeutung nicht kennen würden, so sagen viele Gegner*innen. Für viele in der alternativen Szene von Novi Sad ist die Anfang April zum zweiten Mal wiedergewählte Regierung der Grund, nicht mitzumachen. Sie wollen nicht am Projekt einer Regierung teilnehmen, die sie nicht unterstützen.

In Novi Sad hat die alternative Szene eine lange Tradition. Sie brachte Künstler*innen wie Marina Abramovic hervor, die, in Belgrad geboren, in den 1970ern an der Kunstakademie in Novi Sad lehrte und dort ihre ersten Performances entwarf. Neben Belgrad und Zagreb war Novi Sad die Keimzelle der künstlerischen Untergrundbewegungen in Jugoslawien, die Avantgarde der 1970er, der Punk und New Wave der 1980er. Viele Musiker*innen, die in Jugoslawien Erfolg hatten, sind von der Szene in Novi Sad beeinflusst. Noch immer sind viele kleine Kulturzentren in der Stadt verteilt, jeden Abend spielen Bands in den Bars.

„Ok, habe ich gesagt, holen wir ein Bier und reden darüber.“

In der Bewerbung um die Kulturhauptstadt ist davon wenig zu lesen. Den ersten Entwurf für die Kulturhauptstadt sandte die Europäische Kommission mit einer Reihe von Anmerkungen zurück, die Hauptkritik: Die Anbindung zur lokalen Szene fehle. Die Gemeinde wechselte das Team aus, setzte an die Spitze Nemanja Milenkovic – die Namensübereinstimmung ist Zufall –, einen der Organisator*innen des größten Musikfestivals der Region, „Exit“, und begann den Dialog. Eine Stimme für alle Akteur*innen im Kultursektor hatte es in Novi Sad lange nicht gegeben. Zum ersten Mal richtete die Gemeinde über die Stiftung der Kulturhauptstadt die Frage an die Szene: Was braucht ihr? Doch als Novi Sad die Zusage erhielt, waren die Fronten nach jahrelangem Ringen um Teilhabe verhärtet. Viele fühlen sich übergangen, einige sind skeptisch, wohin das ganze Geld fließt. Und alternative Bewegungen halten ihrem Wesen nach alles Institutionelle gern auf Abstand. Bei einigen fand der Dialog Anklang, andere blieben abgewandt.

© Pixabay

Nemanja hat sich mit der Kulturhauptstadt versöhnt, wie auch einige weitere Mitglieder des Kollektivs. Andere sind nicht zu versöhnen. Dass Šok Zadruga und viele andere der jungen und alternativen Kunstszene nun doch mitmachen, schreibt sich Stanislav Drca auf die Fahne. Er hat vor fünf Jahren das Kulturzentrum „Lab“ gegründet und ist gut vernetzt unter jungen Kunstschaffenden. Die Stiftung bot ihm und einigen anderen in ähnlichen Positionen Jobs an. Sie sollten vermitteln. „Sie kamen zu uns und fragten, was ist das Problem mit der Kulturhauptstadt?“, erzählt Stanislav. „Ok, habe ich gesagt, holen wir ein Bier und reden darüber.“ Stanislav Drca sitzt auf einem der Stühle im Wintergarten des „Lab“, es ist Sonntagnachmittag, also Zeit für ein Bier, findet er, auch für ein zweites und drittes und einige Rakia zwischendurch. „Wir selbst waren große Kritiker, aber wenn ich das ein bisschen beeinflussen kann und in die Richtung lenken kann, die ich für richtig halte, ist das gut. Novi Sad hat eine lebendige Kulturgeschichte und das muss man würdigen. Da ich selbst aus der Szene komme, kenne ich die Bedürfnisse und Probleme. Also habe ich angefangen, diese Leute der unabhängigen Szene zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, und das zu betreuen, sodass niemand übergangen wird oder sich übergangen fühlt.“

2017 hat Drca gemeinsam mit seinem Freund Luka Prstojevica das „Lab“ begründet. Beide kamen gerade von der Kunstakademie, Prstojevicas Mutter ersteigerte bei einer Auktion das seit 30 Jahren leerstehende Haus, eines der wenigen modernistischen Gebäude in Novi Sad, in einer Nachbarschaft 15 Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt, drei Stockwerke mit Garten, dort wachsen Tomaten. Im Sommer finden hier Konzerte statt, Matineen, um die Nachbar*innen nicht allzu sehr zu stören. Ein heller Wintergarten, ein Raum mit Bar, ein Tonstudio im Keller, im Obergeschoss ein Appartement für Artists in Residence, eine große Terrasse. „Lab“ soll ein Ort sein, an dem junge Künstler*innen sich ausprobieren können. Fast jeden Abend findet ein Event statt. Die beiden Initiatoren geben jungen Leuten eine Bühne, ohne viel bürokratischen Aufwand. Auf der Bühne macht ein junges Elektroduo gerade Soundcheck. Besonders die Bürokratie habe viele junge Künstler*innen abgeschreckt, ein Projekt für die Kulturhauptstadt einzureichen, erzählen viele Akteur*innen. „Der Bedarf für so einen Open Space ist da, fast jeden Tag haben wir Events. Es gibt zwar jetzt die Kulturstationen und einige andere Veranstaltungsorte der Gemeinde, aber das ist immer mit viel Papierkram verbunden, den junge Generationen fürchten. Trotzdem haben sie viel zu zeigen und brauchen das Feedback vom Publikum.“ Nach dem langwierigen Anlauf, den der Dialog mit der Szene brauchte, scheint dieser nur in eine Richtung zu funktionieren. Viele Kulturschaffende finden nicht genug Unterstützung, um die bürokratischen Hürden zu meistern, und versuchen somit gar nicht erst, ihren Platz in der Kulturhauptstadt einzunehmen.


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