Lenbachhaus: „Cow dung was the best material to address the political“

Das Lenbachhaus in München zeigt die erste museale Einzelausstellung der Künstlerin Sheela Gowda. Ein ausstellungsbegleitendes Videoporträt Gowdas gibt Einblicke in ihr Schaffen: Es geht um Kuhmist, Teerfässer – und um die Politisierung der Kuh.

Die Künstlerin Sheela Gowda nimmt einen im Dokufilm „Shedding Light – Ein Porträt der Künstlerin Sheela Gowda“ mit in ihr Atelier in Indien. (© Fortis Green Film+Medien)

Stellen Sie sich vor, Sie bereiten zwei Jahre lang die erste Einzelausstellung einer international renommierten Künstlerin vor und dann bricht eine Pandemie aus. Genau damit wurde das Lenbachhaus konfrontiert – und eröffnete die Ausstellung „It.. Matters“ zu Sheela Gowda Ende März deswegen erst mal online auf seiner Website. Die Schau selbst ist dort nicht einsehbar, dafür aber spannendes Begleitmaterial. In ihren Eröffnungsreden auf Youtube preisen Matthias Mühling, Museumsdirektor, und Eva Huttenlauch, Kuratorin der Ausstellung, Gowda – die irgendwas zwischen Malerin, Bildhauerin und Installationskünstlerin ist – als eine der wichtigsten Künstler*innen der Gegenwart. Was Gowdas Schaffen besonders macht, offenbart sich in der ausstellungsbegleitenden Doku „Shedding Light – Ein Porträt der Künstlerin Sheela Gowda“, die online abrufbar ist.

„Where do you get cow dung in Germany?“, fragt Gowda die Kuratorin Huttenlauch in ihrem Atelier in Bengaluru, Indien. „In Bavaria“, antwortet Huttenlauch. Beide lachen. Gowda zeigt Huttenlauch gerade Malereien, in die sie Kuhmist eingearbeitet hat. Kuhmist, den sie per Hand zusammengepresst und in Kunstwerken verwendet hat. Dass das Material abstoßend wirken kann, erfuhr Gowda auf die harte Tour. Während die Kamera sie beim Durchstöbern alter Fotos einfängt, erzählt sie von ihren ersten Erfolgen als Künstlerin, an die sie nach der Verwendung des Kuhmists zunächst nicht anknüpfen konnte. Es dauerte zehn Jahre bis sie wieder für Ausstellungen gebucht wurde. Das war in den 1990er-Jahren. Eine Zeit, in der es starke Unruhen in Indien gab, wie die Kunsthistorikerin Zehra Jumabhoy in der Doku erklärt.

Gowdas Werk habe sich damals von figürlicher Malerei zu Installationen gewandelt, „die einen anspringen, und in den Raum des Betrachters eindringen“. Auf diese Weise hätten Gowda sowie andere Künstler*innen versucht, ihrem Protest gegen die identitäre Politik Indiens Ausdruck zu verleihen. „Cow dung was the best material to address the political“, sagt Gowda dazu in der Doku. Heute werde die Rolle der Kuh als Sinnbild konservativer Politik und Traditionen in Indien politisiert, ergänzt Jumabhoy: Die rechtskonservative Regierung glaube an eine Hindu-Nation und treibe gleichzeitig die Ultra-Globalisierung voran. Dies sei besonders für all jene bedrückend, die in keines der Narrative passten – Mitglieder der niederen Kasten, Muslim*innen oder Landwirt*innen. Letztere würden massenweise wegsterben oder Suizid begehen. Kuhmist ist demnach politisch. „Inzwischen sind von einflussreichen politischen Kreisen stillschweigend unterstützte Lynchmorde und Gewalt gegen Gruppierungen, die angeblich die Heiligkeit der Kuh missachten, Normalität geworden“, steht dazu im online abrufbaren Ausstellungstext zu Gowdas Arbeit „Where Cows Walk“, die sie exklusiv für die Schau in München angefertigt hat. Grundsätzlich sind die Materialien, die Gowda benutzt – unter anderem Teerfässer oder Haare – weit mehr als das, was sie zu sein scheinen. Sie löst sie aus ihrem ursprünglichen Kontext und verleiht ihnen durch die künstlerische Inszenierung einen tieferen Sinn.

Kuhdung ist in Gowdas Arbeiten ein politisches Statement und Ausdruck einer Regierungskritik, wie etwa in der Installation „Untitled (Cow Dung)“. (© Lenbachhaus, Simone Gänsheimer/ © Sheela Gowda)

Ein Beispiel hierfür ist auch die Rauminstallation „Darkroom“ (2006), deren Aufbau das Videoporträt der Künstlerin dokumentiert. Was zunächst wie eine Ansammlung dreckiger Teerfässer und Metallplatten wirkt, ist in Wahrheit Gowdas künstlerische Interpretation der Stadtvergrößerung und der prekären Lebensbedingungen der Bauarbeiter*innen. Gowda baute in „Darkroom“ die temporären Behausungen der Wanderarbeiter*innen und Tagelöhner*innen nach, um auf ihre misslichen Lebensbedingungen aufmerksam zu machen. Auch wenn die perforierte Deckenplatte der Installation einen Sternenhimmel suggeriert, ist die Realität der Arbeiter*innen alles andere als poetisch.

Als Zuschauer*in der Doku schlendert man gemeinsam mit Gowda über den Markt, durch die staubigen, lauten Straßen ihrer Heimatstadt. Dabei schaut man ihr über die Schulter, wenn sie die Materialien für ihre Kunstwerke bei lokalen Anbieter*innen erwirbt. Sieht, wie intensiv sie sich mit den Stadtbewohner*innen auseinandersetzt, folgt ihrem Auge für Details und bewundert, wie sie aus ihnen Inspiration schöpft. Die Zuschauer*innen bekommen ein Gefühl für das, was Gowda berührt: die Menschen, die Kunst des Alltags, die Ästhetik gewöhnlicher Materialien. Expert*innen aus der Kunstszene vermitteln in kurzen Interviews Hintergrundwissen zu Gowdas Werk, das zugegebenermaßen ohne Interpretationsschlüssel in seiner Gänze teilweise schwer erfahrbar ist. Es ist schade, dass „It..Matters“ keine Online-Ausstellung ist, doch liefern die auf der Website des Lenbachhauses verfügbaren Materialien genug Stoff, um einen Einblick in Gowdas Schaffen zu erhalten.

Weitere Online-Angebote zu Sheela Gowdas Schaffen: https://www.tate.org.uk/art/artists/sheela-gowda-18148 und https://www.guggenheim.org/map-artist/sheela-gowda.

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