Luxemburgs Kolonialvergangenheit: „Comment réparer les dommages faits par la colonisation ?“

Das Rundtischgespräch „Lëtzebuerg: e koloniale Staat?“ sorgte Anfang Juni unter anderem durch die darin vertretenen rassistischen Positionen für Diskussionsstoff. Doch wie sieht eine Debatte auf Augenhöhe zu diesem Thema aus? Und was haben Feminismus und Museen damit zu tun? Vier Aktivist*innen suchen und geben Antworten.

Antónia Ganeto, Sprecherin von Finkapé, stellt fest, dass die Debatte über Rassismus und Kolonialismus zum Trend wird, doch zu wenig über Methoden, Ziele und den Einfluss auf Menschen nachgedacht werde. (© Baye Gallo Saar)

Monique Faber, Moderatorin des Rundtischgesprächs „Lëtzebuerg: e koloniale Staat?“ stellte bei der Präsentation von Antónia Ganeto (Sprecherin von Finkapé), Alpha* (Mitglied von Richtung22) und Sandrine Gashonga (Mitbegründerin von Lëtz Rise Up) gleich zu Beginn deren Bezug zu Luxemburg klar – anders als bei den weißen Gästen wie dem Kooperationsminister Franz Fayot (LSAP), dem Abgeordneten Fernand Kartheiser (ADR) und Kevin Goergen (Universität Luxemburg): Rassismus zum Auftakt, der sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung vom Nationalmuseum für Geschichte und Kunst (MNHA), am 2. Juni, zog. Antónia Ganeto wurde in der Diskussion mehrmals übergangen, während Kartheiser ungestört rassistische Ansichten teilen durfte. Franz Fayot übte sich derweil in betretenem Schweigen und wich konkreten Fragen der Aktivistin Sandrine Gashonga zu wirtschaftlichen Abkommen nach kolonialistischem Schema aus. Als das Gespräch für Fragen aus dem Publikum geöffnet wurde, machte sich das Unbehagen der Zuschauer*innen bemerkbar: Kritik wurde laut, doch von den Organisator*innen mit dem Hinweis auf Ausdrucksfreiheit zurückgewiesen und die Veranstaltung schließlich beendet.

Michel Polfer, Direktor des MNHA, sowie Régis Moes, Kurator der laufenden Ausstellung „Le passé colonial du Luxembourg“, feierten sie dennoch als Erfolg – eine derart lebhafte Diskussion fände selten statt. Alpha empfand das als verstörend: „Ich fand es komisch, dass die Organisatoren die Debatte als Erfolg verbucht haben und im Anschluss noch einen gemeinsamen Umtrunk vorgeschlagen haben. Ich glaube, deswegen kam auch nichts nach – es gab kein Bewusstsein dafür, dass das alles nicht in Ordnung war.“ Wenn er davon spricht, dass nichts nachkam, meint er damit das Angebot einer Nachbesprechung oder eine Entschuldigung vonseiten der Organisator*innen für die problematische Veranstaltung. Stattdessen waren es manche der Aktivist*innen selbst, die in den Folgetagen öffentliche Stellungnahmen, Kommentare, Interviews publizierten.

Die Geschehnisse werfen zunächst die Frage nach der Debattenkultur auf: Wie sollte über Kolonialismus und Rassismus diskutiert werden? Für Antónia Ganeto bedarf es dabei klarer Definitionen und inhaltlicher Abgrenzungen. Das bedeutet für sie nicht, dass weiße Menschen kategorisch ausgeschlossen werden sollen. Sie findet es wichtig, dass etwa die Fragen, ob der luxemburgische Staat Verantwortung für den Kolonialismus trage und sich heute noch an Aktivitäten beteilige, die Schemata der Kolonialherrschaft oder kolonialer Denkweisen entsprechen, in durchmischten Gruppen besprochen werden: „Die Diskussion soll dazu führen, dass Menschen sensibilisiert werden und erkennen, dass Änderungen möglich sind.“

Sandrine Gashonga, Mitbegründerin von Lëtz Rise Up, kritisiert den Umgang der Nationalpolitik mit Kolonialismus und Rassismus. (© Sophie Amzat)

Regeln und Trends

Ganeto nennt die Einladung von Fernand Kartheiser dennoch riskant. Wer auf eine solche Begegnung bestehe, müsse garantieren, dass „populistischen oder rassistischen Äußerungen“ kein freier Raum gegeben und nicht „über die Menschlichkeit von Personen“ debattiert werde. Sowohl Ganeto als auch Richtung22 und Sandrine Gashonga teilen die Ansicht, dass die Moderation und die Struktur der Veranstaltung einen respektvollen und produktiven Austausch verhinderten. Ganeto geht im Austausch mit der woxx weiter: „Es ist Trend, über Rassismus zu reden, doch über Methoden, Objektive und den Einfluss auf betroffene oder nicht betroffene Menschen wird nicht genug reflektiert.“ Sie erzählt von den Tagen und Wochen nach der Veranstaltung, in denen zig Anfragen bei ihr eingegangen sind, um ein weiteres Rundtischgespräch zum Thema zu veranstalten. „Die Menschen kommen nicht zu uns und fragen, wie es uns geht. Sie wollen nur, dass wir abliefern. Wir sagen jedes Mal ab, weil wir Angst haben – zurecht – dass die Organisatoren nicht erkennen, was das für einen Einfluss auf uns haben könnte. Jede weitere Aktion darf nicht übers Knie gebrochen werden“, kommentiert sie die Anfragen.

Ähnliches lässt sich über Kritik an der Themensetzung sagen. Die Sozialwissenschaftlerin Claire Schadeck veröffentlichte kurz nach dem Rundtischgespräch einen Kommentar auf der Internetseite der woxx. Sie solidarisierte sich darin mit den rassifizierten Gesprächsteilnehmer*innen und kritisierte, dass es trotz anwesender Afro-Feminist*innen keinen Raum für eine feministische Analyse der kolonialen Vergangenheit Luxemburgs gegeben habe. Ein Umstand, der den afro-feministischen Aktivistinnen auf Nachfrage in diesem Zusammenhang nicht relevant erscheint. „Hierzu kann eine andere Konferenz organisiert werden – alles zu seiner Zeit“, reagiert Ganeto auf die Anmerkung. „Es ist idealistisch, vielleicht sogar naiv, diesen Aspekt immer überall einbringen zu wollen, denn das Thema Kolonialismus ist extrem komplex.“ Für Gashonga ist eine Anmerkung wie die von Schadeck hingegen ein Beispiel für die Bevormundung von Afro-Feminist*innen, die sie unerträglich findet: „Je ressens ça comme si elle nous disait ce qu’on devrait faire, et pour moi c’est encore une fois une infantilisation. En tant que femmes racisées féministes, on ressent ça tout le temps, et c’est insupportable pour nous. On est capables de prendre nos décisions toutes seules et de décider ce qui est bon ou pas. Nous dire ce qu’il aurait fallu dire, c’est la reproduction d’une pensée coloniale.“

Weiße, bürgerliche Mainstream-Feminist*innen hätten sich über Jahrhunderte hinweg geweigert, das Thema selbst zu artikulieren. Sie seien blind für die Realität rassifizierter Personen gewesen, hätten Schwarze und rassifizierte Frauen, deren Erfahrungen, aus ihrer politischen Agenda ausgeschlossen. „Nous, si on avait fait une analyse genrée de la colonisation, on aurait dit comment les femmes blanches ont aussi soutenu la colonisation. Les féministes blanches ne se sont pas complètement soulevées contre la colonisation“, ergänzt Gashonga. „Dans le temps de l’esclavage, il y avait des femmes qui étaient propriétaires d’esclaves. On sait qu’il existe un certain féminisme qui est un outil du patriarcat plutôt qu’un outil de libération de la femme.“

In Luxemburg sei es, so Gashonga, jedoch schwer, offen darüber zu sprechen. Dabei sei das wichtig, um Beziehungen auf Augenhöhe zu führen. „On a peur de froisser, d’être exclues de certains cercles – ce qui nous est arrivé –, mais on sent que c’est notre devoir de parler à cœur ouvert. Si on ne le fait pas, on ne va pas faire avancer les choses“, sagt sie. „Il y a beaucoup de résistance et de blocages par rapport à ça. Les gens ne veulent pas être considérés comme de mauvaises personnes. Ce n’est pas ce qu’on dit. Ces attitudes sont les résultats du privilège blanc de plusieurs siècles et des relations entre les races.“

2021 hängte das Künstler*innenkollektiv Richtung22 Straßenschilder ab, die an Kolonialverbrecher erinnern und stellte sie unter dem Titel „Mémoire coloniale luxembourgeoise“ im Kunstforum Casino aus. (© Richtung22)

Spiel auf Zeit?

Das Rundtischgespräch hielt jedoch nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Politik den Spiegel vor. Eins wurde deutlich: Wer zu dem Thema am lautesten brüllt, ist der rechte Flügel. Vonseiten der anderen Parteien fehlt es an Entschlossenheit. Kooperationsminister Franz Fayot wirkte bei der Diskussion teilweise abwesend, widersprach Kartheiser punktuell und nur lustlos. Er schloss sich dem ADR-Politiker an einer Stelle sogar an, als er zugab, er halte eine offizielle Entschuldigung des Staates für jegliche Form der Beteiligung an Kolonialverbrechen für problematisch. Fayots Neutralität hat Sandrine Gashonga mehr interessiert als Kartheisers Beiträge: „Pour moi, c’est ce discours-là qui est problématique, parce qu’il ne se positionne pas, parce qu’il ne va pas directement dans le sens de chercher dans le passé colonial.“

Sie steht auch der Studie zur kolonialistischen Vergangenheit Luxemburgs (Colux), die derzeit unter anderem vom Doktoranden Kevin Goergen an der Universität Luxemburg durchgeführt wird, kritisch gegenüber. Die Regierung, die sie in Auftrag gab, verschaffe sich damit Zeit, obwohl sie gleich handeln könne. Sie befürchtet, dass auf die Ergebnisse nichts folgen wird, und zieht Parallelen zur im März 2022 veröffentlichten Studie „Rassismus und ethnische Diskriminierung in Luxemburg“ von Liser und Cefis, die 2020 von der Regierung angekündigt wurde. Antónia Ganeto offenbarte der woxx übrigens, dass diese Studie Finkapé trotz Mitarbeit erst im Juli – und das auch erst nach Kritik ihrerseits – offiziell vorgestellt werde, also vier Monate später als der Presse. „Wir haben als Finkapé darauf hingewiesen, dass nur weiße Männer an der Studie beteiligt waren und haben Alternativen vorgeschlagen“, sagt sie. „Das zeigt, wie der Hase läuft. Es kann schließlich niemand in diesem Kreis behaupten, Finkapé nicht zu kennen.“

Gashonga bemängelt derweil vor allem den Umgang mit den Studien-
ergebnissen. „Ils ont remis à plus tard, et que se passe-t-il aujourd’hui ? On a une ministre qui dit qu’on n’aura pas de plan d’action contre le racisme, alors que les résultats sont là“, betont sie. „Si dans trois, quatre, cinq ans on nous dit « On ne va rien faire », je ne pense pas que l’étude sur le passé colonial du Luxembourg sera positive.“ Für Gashonga decken all diese Umstände zwei Tatsachen auf: einen Mangel an rassifizierten Personen in der Nationalpolitik sowie die Feststellung, dass die Frage nach Luxemburgs kolonialer Vergangenheit sensibel ist, weil sie die Fundamente unserer Gesellschaft hinterfrage. „Aller chercher vers le passé colonial du Luxembourg, c’est aussi voir comment la richesse qui est présente aujourd’hui a des racines assez sombres, dont on s’est rendu compte quand on a préparé les visites guidées“, führt sie diesen Gedanken im Gespräch mit der woxx weiter aus. „Plus on recher-
chait, plus on se rendait compte qu’il y a des choses qu’on voit dans la vie quotidienne, surtout au niveau des entreprises, de la politique, qui sont issues de ce passé. Elles sont basées sur le sang des Congolais-es.“ Lëtz Rise Up und Richtung22 bieten seit 2021 Stadtführungen mit Fokus auf Luxemburgs koloniale Vergangenheit in Luxemburg-Stadt an.

Foto: Pexels

Elite am längeren Hebel

Gashonga erinnert sich aber auch an ihre Zeit bei Déi Lénk, wo sie 2019 noch aktiv war. Damals hatte sie sich in einer parlamentarischen Anfrage an Integrationsministerin Corinne Cahen nach der „Décennie des personnes afro-descendantes“ erkundigt. Die UNO hatte 2014 alle Mitgliedsstaaten dazu aufgerufen, Menschen afrikanischer Abstammung als „groupe dont les droits humains doivent être promus et protégés“ anzuerkennen und strukturellem Rassismus auf allen Ebenen entgegenzuwirken. Luxemburg hat sich bis heute nicht dazu bekannt. Wer in solchen Momenten bei Corinne Cahen nachhake, erhalte immer ähnliche Antworten, sagt Gashonga: „C’est dire qu’on doit traiter tout le monde de la même façon. Il n’y a aucune équité dans cette réponse, parce que les personnes d’ascendance africaine sont parmi les plus vulnérables en Europe, mais aussi au Luxembourg.“

Der Weg von der Politik zurück zum Museum bietet sich an dieser Stelle an: Welche Verantwortung tragen Kulturinstitutionen in der Debatte über Kolonialismus und Rassismus? Wie handhaben sie sozial und politisch relevante Themen? Für Alpha ist eine Ausstellung wie „Le passé colonial du Luxembourg“ ein Schritt in die richtige Richtung, doch merkt er an: „Museen führen ihre Selbstkritik nicht bis zum Ende.“ Manchmal sei die Form, in der sie Inhalte vermittelten, problematisch – wie etwa spaltende Rundtischgespräche. „Oder die Tatsache, dass das Naturmusée Luxemburger als „Entdecker“ von exotischen Pflanzen angibt; aus Kolonien importierte Gesteine als neu entdeckte Luxemburger Sensation feiert, oder einem Botaniker eine unkritische Ausstellung widmet, der direkt an Ausbeutungsmechanismen in Kolonien mitgewirkt hat“, führt er weitere Beispiele aus. „Ist es wichtiger, luxemburgische Figuren aus der Vergangenheit zu finden, um eine Nationalgeschichte zu spinnen, oder Fakten kritisch darzustellen? Als Museum sollte man um Letzteres bemüht sein.“

Für Ada*, ebenfalls Mitglied von Richtung22 und dort auch an den Projekten zur Aufarbeitung der luxemburgischen Kolonialvergangenheit beteiligt, ist das auf strukturelle Probleme zurückzuführen. „Ich glaube, dass in Luxemburg selten rassifizierte Menschen im Bewerber*innenpool sind. Das ist nicht nur bei Ausstellungen über Kolonialismus und Rassismus problematisch, sondern auch wenn man beispielsweise eine Ausstellung über den Barock macht: Auch in der Kunstgeschichte gibt es zahlreiche rassistische Elemente, die es aufzuarbeiten gilt. Diese ganzen Strukturen müssen neu aufgebaut werden.“ Ada und Alpha sind sich einig, dass die luxemburgische Kunst- und Kulturszene sich generell zu wenig mit diesen Perspektiven, mit Rassismus und Kolonialismus beschäftigt. „Wahrscheinlich auch, weil es strukturelle Hindernisse gibt, die es rassifizierten Künstler*innen erschweren, ihre Arbeiten zu zeigen oder in großen kulturellen Institutionen vertreten zu sein. Es ist eine Szene einer privilegierten Elite“, analysiert Alpha. „Das ist natürlich keine Ausrede dafür, dass diese Themen nicht behandelt werden. Wenn wir die Themen ansprechen, sprechen wir nicht aus der Sicht der Personen, die diesen Themen alltäglich begegnen. Wenn Richtung22 über Kolonialismus redet, dann im Hinblick auf die Verantwortung des Staates und nicht über den Alltag in den Kolonien, zum Beispiel.“

Es gibt demnach viele Fragen, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen stellen, wenn man über die koloniale Vergangenheit eines Landes spricht. Eine davon ist auch die Handhabung von Denkmälern, die Kolonialverbrecher*innen würdigen. Derzeit ruft Lëtz Rise Up zum Abriss eines Monuments in Bascharage auf: Es ehrt den Ingenieur Nicola Cito, der von 1889 bis 1892 den Bau einer Zugstrecke im Kongo leitete. Dabei kamen tausende koloniale Zwangsarbeiter ums Leben. Für Sandrine Gashonga stehen am Ende diese drei Fragen im Mittelpunkt des Diskurses: „Comment faire en sorte que le public connaisse cette histoire ? Comment réparer les dommages faits par la colonisation ? Et comment renforcer les communautés impactées par ce passé ?“

* Die Mitglieder des Künstler*innen-
kollektivs Richtung22 haben die woxx darum gebeten, in diesem Artikel nur ihre Vornamen zu verwenden.

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