Mit Virtual Reality die Bienen retten

Was passiert, wenn alle Bestäuber aussterben? Wie ernähren wir uns dann und was passiert mit der Natur? Dieses Szenario zeigt ein neues Virtual Reality Projekt der Europäischen Kommission.

Quelle: aasarchitecture

Im Jahr 2050 brummen keine Insekten mehr durch die Luft, an den Bäumen wächst kein Obst und durch die fehlende Nahrung fliegen keine Vögel mehr am Himmel. Um sämtliche Bestäuber vor dem Aussterben zu retten, wurde der „Pollinator Park“, auf Deutsch: „Der Park der Bestäuber“ ins Leben gerufen. Das ist das Szenario, des gleichnamigen Onlineprojektes, dass die EU-Kommission letzte Woche gemeinsam mit ihrem Fortschrittberichtes zum Bestäuber-Aktionsplan vorgestellt hat.

„Pollinator Park“ funktioniert wie ein Videospiel. Mit dieser ungewöhnlichen Methode möchten die Kommission auf das Insektensterben, sowie deren mögliche Folgen auf lehrreiche, aber auch unterhaltsame Art aufmerksam machen und die Besucher*innen zum Handeln bewegen.

Emotionale und beruhigende Musik erklingt aus den Lautsprechern, während der Bildschirm den Blick auf einen Drohnenflug über einen futuristischen Gebäudekomplex frei gibt. Wie es zur Gründung des „Pollinator Parks“ kam, erfährt man durch einen Tagebucheintrag der leidenschaftlichen Gründerin Beatrice Kukac zu Beginn der Animation. Danach geht es los: Durch intuitive Bewegungen mit der Maus kann man sich umsehen, sich in dem lichtdurchfluteten Raum bewegen und diesen wechseln, ähnlich wie in einem Museum oder Zoo. Immer wieder geht man an Info-Punkten vorbei, an denen man kleine Aufgaben absolvieren kann, wie Blüten von Hand zu bestäuben, oder ein kurzes Video über Bestäuber und deren Lebensräume anschauen kann. Dazwischen lassen sich immer wieder neue Tagebucheinträge und Erzählungen von Beatrice freischalten.

Um den virtuellen Park so realistisch wie möglich darzustellen, wurde mit vielen verschiedenen Partner*innen zusammengearbeitet. So zum Beispiel mit dem französischen Architekten Vincent Callebeau. Dieser kreierte das virtuelle Gebäude des „Pollinator Parks“ nach realen Vorgaben und orientierte sich für den futuristischen Look an natürlichen Strukturen, wie dem Muster von Flügeln einer Fliege oder auch geographischen Strukturen wie dem Amazonas.

Sein Ziel war es, die Stadt mit der Natur zu verbinden und die Besucher*innen damit selbst anzuregen, Plätze in der Stadt zu kleinen Ökosystemen umzuwandeln. Denn auch kleine Dinge, wie ein Stück Grünfläche mit Blumen habe schon große Auswirkungen, betont auch Klimaaktivistin und Bienenzüchterin Nynke Blömer während der Eröffnungsshow des Projektes.

Quelle: aasarchitecture

Doch wie real ist die hier dargestellte Situation denn nun? Diese Frage wurde auch dem Direktor der Europäischen Umweltagentur (EEA), Hans Bruyninckx während der Talkshow zur Veröffentlichung des Projektes gestellt. Dieser Verglich das Ökosystem mit dem Stapelspiel Jenga. Mit jedem Klotz, der aus dem Turm herausgenommen wird, wird dieser instabiler. Dasselbe Prinzip gelte auch im Ökosystem: Mit jedem Bestäuber, der ausstirbt, gerät dieses zunehmend ins Wanken. Dies wird schließlich besonders große Auswirkungen auf die Nahrung haben, da die Beteiligung der Bestäuber an der Herstellung von pflanzlichen Lebensmitteln bis zu 40 Prozent beträgt.

Der Zugang zum Projekt ist kostenlos, es reicht der Besuch der eigens dafür einrichteten Webseite. Um es zu starten braucht man entweder eine VR-Brille von Occulus oder Google Chrome, Microsoft Edge oder Firefox als Webbrowser. Auf dem Smartphone oder Tablet läuft die Simulation leider nicht, da für das Abspielen eine hohe Grafikleistung benötigt wird.

Durch das Projekt gewählte Format der Virtual Reality soll es laut der Autorin und Kreativ-Direktorin Yasmin van de Werf länger im Gedächtnis bleiben, da man das Szenario so persönlicher erlebe. Das mag zwar stimmen, jedoch ist es dadurch, dass die Technologie hinter den VR-Brillen noch sehr neu ist, bislang eher eine Seltenheit, dass man eine VR-Brille zuhause hat. Die Webversion am Computer ist oft sehr langsam oder hängt, was an der Grafikleistung der Animation liegt. Dieses Problem tritt daher besonders häufig bei älteren Geräten oder sehr leichten Laptops auf.

„Pollinator Park“ richtet sich an Menschen jeden Alters. Da keine Konfrontationen in der Handlung vorgesehen ist eignet es sich auch für Kinder. Dazu braucht es nicht unbedingt Gaming-Erfahrung. Alle Bewegungen sind sehr intuitiv und werden vorher genau erklärt. Um den ganzen Park zu durchlaufen, benötigt man ungefähr 30 bis 40 Minuten. Beim Start des Spiels kann man zwischen fünf europäischen Sprachen wählen (Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Niederländisch).

Insgesamt ist das Projekt gelungen. Die Liebe zum Detail macht sich vor allem bei der Inneneinrichtung des Parks und in der Auswahl der Lehrvideos bemerkbar. Auch die Aufgaben wurden gut, aber dennoch einfach gestaltet, so dass sich auch Menschen, die sonst keine Computerspiele spielen, daran erfreuen und es nicht anstrengend wird. Ein Punkt, der in dem europäischen Projekt jedoch gänzlich außer Acht gelassen wurde, sind Landwirtschaft und chemische Konzerne, die prozentual am meisten dazu beitragen, dass der Lebensraum der Bestäuber zerstört wird. Durch die Handlungen, die in der Animation dargestellt werden, wird dem Besucher suggeriert, dass er allein durch das Bepflanzen von Grünstreifen und dem Verzicht auf Plastik zum Erhalt des Ökosystems beitragen kann. Dabei braucht es eigentlich Gesetze und Handlungen von Politik und Wirtschaft, welche die Zerstörung, beispielsweise durch chemische Produkte, einschränkt. Auch die benötigte hohe Grafikleistung, ist trotz aller Vorteile ein Nachteil, da genau das die Anzahl der Besucher*innen verringern könnte. Die Besuche im „Pollinator Park“ sind nämlich durch zu teures Equipment, eine hängende oder zu langsame Simulation beeinträchtigt.

Das ist problematisch, denn letztendlich kommt es dann doch auf die Besucher*innen an, die sich die Welt des Pollinator Parks auch ansehen und anschließend selbst handeln.  Denn allein wird der „Pollinator Park“ zur jetzigen Zeit keine Bestäuber retten können.


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