Multidisziplinäre Kunst
: Zeitreisen


Die Ausstellung „Geography of Time“ der Künstlerin Fiona Tan erkundet unsere Beziehungen zur Dimension der Zeit über die Vektoren des kollektiven und des individuellen Gedächtnisses – und hinterlässt starke Eindrücke.

1361expo2Ist es, um der Politik vor Augen zu führen, wie Sparmaßnahmen sich auf ein Museum auswirken, oder doch nur die Lust am Minimalismus? Wer das Mudam – das am vorvergangenen Wochenende gleich fünf neue Ausstellungen eröffnete – betritt, könnte meinen, das Haus stehe kurz vor dem Ruin: erster Stock verschlossen, in der Eingangshalle bloß zwei durchsichtige Glasskulpturen, die nicht an frühere Eyecatcher heranreichen, und auch sonst nicht viel los. Zum Glück gibt es das Untergeschoss und die Ausstellung „Geography of Time“ – die Kunst in Hülle und Fülle bietet.

Die Bild- und Videoarbeiten Fiona Tans – die 1966 in Indonesien geboren wurde, in Australien aufwuchs und in Amsterdam residiert – beschäftigen sich alle mit dem Thema der Biographie in der Zeit, also unserem Sein und dem, woran dieses sich festmacht – oder woran wir es festzumachen versuchen. Eine eindrucksvolle Bildercollage im Foyer des Untergeschosses eröffnet den Reigen: „Vox Populi“ – ein Projekt, das 2004 vom norwegischen Parlament in Auftrag gegeben wurde. Für dieses sammelte Tan über Jahre Fotos aus Archiven von Privatpersonen aus verschiedenen Städten und Ländern und stellte sie zu riesigen Kollektionen zusammen, die nun als wahre Bilderwolken ganze Wände bedecken. Das Mudam zeigt ihre gesammelten Eindrücke aus Tokyo (2007), London (2012) und Sydney (2006). Aus der Vielzahl der anonymen Porträts und Momentaufnahmen entsteht eine analoge Collage, mit der sich der Zuschauer zwar irgendwie identifizieren kann – über das Menschsein – in der er aber auch differenzieren und wählen muss, angesichts der schieren Masse und der unterschiedlichen Kulturen, die auf den Bildern vertreten sind.

Dieses Ineinanderfließen der Grenzen des Individuums, des Raums und der Zeitgeschichte wendet Fiona Tan auch auf sich selbst an, wie in der Videoarbeit „Nellie“ zu sehen ist. Hier verschmilzt ein junges Mädchen durch ihr Kleid mit dem Wandteppich eines kolonial geprägten Wohnhauses. Diese Zwischenwelt lässt viele Interpretationen zu. Zum einen könnte sie eine Anspielung auf die Kolonialzeit sein – die Wanddekoration stammt aus dem Hause der Familie van Loon in Amsterdam, die die Niederländisch-Ostindische Kompanie gründete – andererseits bringt Tan ihre eigene Kindheit in Indonesien ins Spiel, indem sie sich mit der Protagonistin des Films identifiziert, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Cornelia Van Rijn, einer unehelichen Tochter Rembrandts, aufweist. Ebenfalls auf Rembrandt bezogen ist die Arbeit „Provenance“, in der Tan sechs Personen aus ihrem direkten Umfeld porträtiert – mit der Videokamera, aber in der Ästhetik des 17. Jahrhunderts.

Familienbande, real oder imaginär, stehen auch im Zentrum der Arbeit „Dyptich“. Ihr Material sind Portraits von Zwillingspaaren, die die Künstlerin zwischen 2006 und 2011 auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland aufgenommen hat. Durch eine geschickte Verteilung auf zwei Räume, in denen die Projektionen zeitlich aufeinander abgestimmt sind, gelingt ihr es, eine Zeitreise darzustellen, die von Ähnlichkeiten und Unterschieden lebt.

Eher auf innere Reisen spielt die, ebenfalls auf Gotland gedrehte, Arbeit „Island“ an, in der „nicht kinogerechte“ Aufnahmen, wie Tan sie nennt, mit einer Off-Stimme unterlegt werden, die die Sehnsüchte und Gedanken einer einsamen Person formuliert. Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit dem Verlust des Gedächtnisses („A Lapse of Memory“) und mit der Konstruktion von Geschichte im Museum („Inventory“).

Alles in allem ist „Geography of Time“ eine hervorragende Werkschau, die den Besucher in die Welt dieser ausgesprochen tiefgründigen Künstlerin eintauchen lässt.

Im Mudam bis zum 18. August.

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