Netzkultur und Humor: Marcs Meme-Meuterei

Luxemburgische Meme-Seiten sind ins Visier der Piratepartei geraten. Bei Internetkultur versteht die Netzpartei nämlich keinen Spaß.

Die Piratepartei ist des öfteren Zielscheibe von luxemburgischen Meme-Seiten. Der Abgeordnete Marc Goergen geht juristisch gegen diese politische Satire vor. (Bilder: memes.which.are.stolen/Give Us A Brain Lëtzebuerg)

Lange Zeit als harmlose Witzeleien belächelt, haben Internet-Memes sich in den letzten Jahren als ernst zu nehmender Bestandteil politischer Diskussionen herauskristallisiert. Besonders deutlich führte das etwa die US-Präsidentschaftswahl 2016 vor Augen, als die Alt-Right das beliebte Meme „Pepe the Frog“ für das Propagieren ihres menschenfeindlichen Gedankenguts instrumentalisierte. Auch wenn Studien sich letztendlich uneinig darüber sind, wie viel Einfluss Internetphänomene dieser Art insgesamt auf den Ausgang der Wahl ausübten, so zogen sie dennoch große mediale Aufmerksamkeit auf sich – und sorgten dafür, dass auch linke Aktivist*innen und Politiker*innen in den darauffolgenden Jahren vermehrt auf Memes zurückgriffen, um ihre Ansichten zu verbreiten.

Auch in Luxemburg ist dies längst der Fall. Vor allem auf Instagram (und in geringerem Maße auf Facebook) finden sich unzählige Seiten wie etwa „lentzenboieg.memes“, „Memes bis zum Weltraumkommunismus“ oder „lenks.versifft“, die in ihren Memes dezidiert linke Ideen mit absurdem Humor vermengen und sich in den Kommentarspalten in politische Diskussionen stürzen.

Ausgerechnet der einst so auf Netzpolitik fokussierten Piratepartei – die nach wie vor in ihrem aktuellen Parteiprogramm vor „Bestrebungen, das freie Internet zu limitieren und zensieren“ warnt –, scheint diese von Gen Zs und Millennials vorangetriebene Entwicklung des öffentlichen Diskurses nun aber ein Dorn im Auge zu sein. Das zeigt das rezente Vorgehen des Abgeordneten Marc Goergen gegen die beiden Meme-Seiten „memes.which.are.stolen“ (MWAS) und „Give Us A Brain Lëtzebuerg“ (GUAB).

„Politiker als Profilbilder von Meme-Seiten sind nichts Ungewöhnliches“

Bei MWAS nahm alles seinen Anfang mit einem Meme über Goergen. „Ich befasse mich in meinen Memes hauptsächlich mit der immer größer werdenden rechten Szene in Luxemburg“, erklärt der Betreiber der Seite der woxx per Chat, „aber manchmal geht es mir auch einfach darum, auf kreative Art und Weise öffentliche Personen auf die Schippe zu nehmen.“ In besagtem Meme ist hierbei eine Szene aus dem Musikvideo zu „Chu an der Hood“ des luxemburgischen Rappers Bazooka Brooze zu sehen, die mit der abgeänderten, aber nach wie vor zum Rhythmus passenden Songzeile „Wien fëmmt owes sain Chu an da Hood? Baut en lang, Goergen Marc“ untertitelt wurde. Darunter finden sich zwei Bilder des Abgeordneten, die deutlich sichtbar bearbeitet wurden. Im ersten – das MWAS auch als Profilbild benutzt hat – wurden einem Wahlkampfporträt des Politikers rote Augen verpasst, während ihm im zweiten ein überdimensionierter Joint aus dem Mund ragt.

Gemessen am Standard von anderen Memes, in denen luxemburgische Politiker*innen persifliert werden, ist MWAS’ Beitrag noch vergleichsweise harmlos. Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Memes erhielt MWAS jedoch plötzlich eine Nachricht von Instagram, dass das Bild gegen deren Gemeinschaftsrichtlinien verstieße und wegen „Mobbing oder Belästigung“ entfernt wurde. Ein Freund des Seitenbetreibers schrieb daraufhin den Abgeordneten an. Dieser wiederum bestätigte, das Meme gemeldet und wegen möglichem Identitätsdiebstahl an die Justiz weitergeleitet zu haben. Angeblich hatten sich mehrere Leute bei den Piraten gemeldet, die geglaubt hatten, es würde sich bei dem Profil um Goergen selbst handeln. „Ab da war eine Grenze für uns überschritten, da die Seite es so darstellt, als ob wir selbst posten würden, dass wir Drogen nehmen“, erläutert der Abgeordnete der Piratepartei – die sich in ihrem Parteiprogramm übrigens für die Legalisierung von Cannabis einsetzt – auf Nachfrage hin.

Für MWAS ist diese Begründung jedoch unsinnig. „[Marc Goergen] meint, ich würde versuchen, mich als er auszugeben, obwohl für jeden klar sein sollte, dass das nicht der Fall ist“, so der Admin der Seite, „es ist nicht ungewöhnlich, als Meme-Seite einen Politiker oder Promi als Profilbild zu nehmen. Außerdem gibt es zwischen dem Namen der Meme-Seite und Marc Goergen keine Verbindung.“ Letzten Endes sollte Goergen als Person des öffentlichen Lebens mit solchen Inhalten eigentlich klarkommen, so MWAS weiter – vor allem da der Abgeordnete immer wieder betonen würde, dass Memes eigentlich „okay“ für ihn seien.

Goergens Auseinandersetzung mit Give Us A Brain

Alles andere als okay für Goergen sind offensichtlich auch die Inhalte von „Give Us A Brain Lëtzebuerg“. Mit einer Mischung aus Memes, Satire und eher analytischen Beiträgen versucht die Seite schon seit Längerem auf bedenkliche Aktivitäten von Daniel Frères’ Tierschutzverein „Give Us A Voice Lëtzebuerg“ (GUAV) sowie der Piratepartei – die im Osten von Frères koordiniert wird – aufmerksam zu machen. GUAB zufolge seien beide Organisationen hierbei mittlerweile quasi „fusioniert“. Das sei im März wieder deutlich geworden, als – wie unter anderem auch reporter.lu berichtete – die Piraten sich zusammen mit GUAV an einer Facebook-Kampagne gegen die Umweltministerin Carole Dieschbourg beteiligten und sie persönlich für die Jagd auf Wildschafe im Osten des Großherzogtums verantwortlich machen wollten. GUAB selbst hatte damals zahlreiche Screenshots von Beleidigungen und sogar Morddrohungen zusammengetragen, die Menschen unter dem Video der Piraten zu diesem Thema auf Marc Goergens offizieller Facebook-Seite hinterlassen hatten.

Vor Kurzem erstattete Goergen schließlich Anzeige gegen GUAB – angeblich, weil sie seine Privatadresse sowie einen Beitrag über seine Mutter veröffentlicht hätten. Auf Nachfrage hin konnte Goergen keine Screenshots vorweisen, die dies belegen, da er die Seite geblockt habe. Der erste Vorwurf bezieht sich aber höchstwahrscheinlich auf einen Beitrag von GUAB über ein gescheitertes Firmenprojekt des Abgeordneten, unter dem die Seite einen Screenshot vom öffentlich einsehbaren Eintrag des Unternehmens im Registre de commerce hinzugefügt hatte. Auf diesem wird auch der Geschäftssitz der Firma angegeben. Weder der Screenshot selbst noch der Kommentar von GUAB suggerieren hierbei aber, dass es sich dabei auch um Goergens Privatadresse handelt. Der zweite Vorwurf Goergens wiederum richtet sich laut GUAB wohl gegen einen Screenshot von einem Kommentar von Marc Goergens Mutter, in dem sie GUAV in Schutz nimmt. GUAB hatten in ihrem Beitrag dabei tatsächlich explizit auf die familiäre Verbindung hingewiesen – und zwar um aufzuzeigen, wie tiefgreifend die Verbindungen zwischen Piraten und GUAV mittlerweile seien. „Und es ist ja nicht so, dass jemand auf Facebook kommentieren kann, aber niemand einen Kommentar dazu machen darf, wer der Autor ist“, ergänzt die Seite.

Bild: Memes.which.are.stolen

Genauso wie bei MWAS erstattete Marc Goergen auch bei GUAB auf eigene Faust Anzeige. „Jeder juristische Schritt ist in meinem Namen, und nicht dem der Partei“, betont er. Im Falle von MWAS bot Goergen schließlich jedoch an, die Anzeige zurückzuziehen, sofern die Seite ihr Profilbild ändern würde – was diese dann auch umgehend tat. Auf die Frage hin, warum er MWAS nicht einfach sofort angeschrieben hätte, anstatt die Seite zu blocken und die Justiz einzuschalten, antwortet der Abgeordnete: „Ich wusste nicht, dass sie überhaupt bereit gewesen wären zu reden.“

„Taktik, um Meinungen zu unterdrücken“

Sowohl MWAS als auch GUAB gehen davon aus, dass die Anzeigen von Marc Goergen letztlich vor allem der Einschüchterung von politischen Gegner*innen dienen. „Ich denke, er hat nach einem Grund gesucht, um die Meme-Seite zu löschen und mich zu zensieren“, erläutert der Admin von MWAS, „solche Taktiken sind von Politikern schon bekannt, und werden vor allem im rechten Spektrum benutzt, um Meinungen und Kunst zu unterdrücken.“

Tatsächlich erweckt Goergens Vorgehen gegen MWAS Erinnerungen an den Prozess gegen Tun Tonnar alias „Turnup Tun“. Nachdem der luxemburgische Rapper zwei namhafte Politiker*innen des rechten Rands und einen mehrfach wegen Aufruf zum Hass verurteilten Mann in seinem Lied „FCK LXB“ kritisiert hatte, wurde er von diesen angezeigt. Als Grund für den Gang zur Justiz führten die Kläger hierbei neben Diffamierung unter anderem auch die Verwendung von „Féck …“ im Songtext auf. Unter jungen Menschen in Luxemburg längst ein vergleichsweise harmloser Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs geworden, empfinden viele ältere Semester diesen Ausdruck nach wie vor als Beleidigung – womit er durchaus in die Nähe von Memes gerückt werden kann, deren Humor auf jene Altersgruppen, die nicht damit aufgewachsen wird, oftmals kryptisch wirken kann. Da die Justiz gesellschaftliche Entwicklungen oft nur verspätet in Urteile einbezieht, besteht somit durchaus die Gefahr, dass intergenerationelle Verständnisklüfte dieser Art von Politiker*innen instrumentalisiert werden können, um missliebige Kritik von jüngeren Aktivist*innen und Künstler*innen auf juristischem Wege zu unterbinden.

Furcht vor weiteren Konsequenzen

Auch GUAB sind der Auffassung, dass hinter den Anzeigen vor allem politisches Kalkül steckt. „Die Intention ist, wie wohl in anderen Ländern auch, Kritiker*innen mundtot zu machen oder sie einzuschüchtern“, so die Seite. In der Hinsicht trete der Abgeordnete in die Fußstapfen von Parteikollege Daniel Frères, der Kritiker*innen von GUAV immer wieder mit juristischen Verfahren drohe.

Unabhängig von Goergens tatsächlichen Intentionen haben die Anzeigen dazu geführt, dass zumindest der Betreiber hinter MWAS sich mittlerweile zweimal überlegt, was er postet. „Nach dieser Geschichte fürchte ich mich vor weiteren Strikes und vor allem vor weiteren Anklagen“, erzählt er, „ich bin ein normaler Student und habe nicht das Geld, um Anwälte zu bezahlen.“ Genauso wie GUAB will er sich aber nicht davon unterkriegen lassen und hat die Geschichte längst in diversen Bildern verarbeitet – darunter eins, in dem ein Mann mit Marc Goergens Gesicht triumphierend vor einem Grabstein mit der Aufschrift „Mein altes Profilbild“ posiert. Manchmal sagt ein Meme halt mehr als tausend Worte.


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