Neu übersetzt: Baldwins Zerreißprobe

James Baldwins Debütroman „Von dieser Welt“ von 1953 beschreibt die Identitätssuche eines jungen Afroamerikaners zwischen Religiosität und Sexualität. Ein Buch, das nach wie vor aktuell ist.

„Von dieser Welt“ gilt heute zu Recht als sein wohl vollkommenstes Werk: der Schriftsteller James Baldwin. (Foto: Allan Warren/CC BY-SA 3.0/Wikimedia)

New York in den 1930er-Jahren. Der 14 Jahre alte Afroamerikaner John Grimes wächst mit seiner Mutter, drei Halbgeschwistern und seinem Stiefvater in Harlem in einem strenggläubigen Umfeld auf. Der Stiefvater ist tyrannisch. Früher war er ein dem Alkohol verfallener Schürzenjäger, jetzt predigt er puritanische Moral und integres Leben. Johns Beziehung zu ihm ist von Gewalt geprägt. Der Junge schämt sich für seine Herkunft, für seine Familie, aber auch für die schwarze Kirchengemeinde. Er streunt durch New York und begibt sich auf die Suche nach seiner Identität.

Bis dahin war Johns Weg vorgezeichnet. Er war auf gutem Wege, selbst einmal Prediger zu werden. Auch in dieser Hinsicht ist der Stiefvater sein Gegner. Dieser sagt zu ihm, „er sei hässlich und habe das Gesicht des Teufels“. Ein Grund mehr für John, nicht so zu werden wie sein Stiefvater. Nachdem sein Bruder Roy auf der Straße durch einen Messerstich verletzt worden ist, ringt John umso mehr mit sich selbst. Es ist ein zähes Ringen. Auf der einen Seite fesselt ihn die Religion, die Gottesfurcht, auf der anderen sind es sein Freiheitsdrang und sexuelles Verlangen, seine Homosexualität, die in ihm erwachen. John schwärmt für Elisha, einen älteren Jungen aus der Gemeinde. Aus dem Ringen wird eine Zerreißprobe für ihn. An seinem Geburtstag wacht er auf und spürte etwas Bedrohliches. Er sieht einen Fleck auf der Decke.

Der Gegensatz von „der Botschaft des Herrn“, strenger Gläubigkeit und auferlegter Sittlichkeit einerseits und „Sünde“ andererseits wird bereits zu Beginn von James Baldwins Roman „Von dieser Welt“ deutlich, ebenso die enge Verwandtschaft von Religion und Ekstase: „Der Sonntagmorgengottesdienst begann damit, dass Brother Elisha sich ans Klavier setzte und ein Lied anstimmte.“ Die Kirchengemeinde lauscht andächtig, bald darauf heißt es: „Eben noch saß er singend und spielend am Klavier, Kopf in den Nacken geworfen, Augen geschlossen, die Stirn schweißbedeckt, dann spannte er sich wie eine große schwarze Katze, die im Dschungel in Bedrängnis gerät.“ Und dann „auf einmal der Schrei, Kopf hoch, Arme erhoben, der ganze Körper tanzend, als würde er nie wieder aufhören.“ Die Kirche erfüllte „ein gewaltiges Stöhnen“.

Die Religiosität und die damit verbundene spirituelle Sprachlichkeit durchdringen nicht nur Baldwins Debütroman, sondern auch weite Teile der afroamerikanischen Kultur. Der Dualismus von Unterdrückung Befreiung findet darin Ausdruck, sprachlich nicht zuletzt in den Reden von Martin Luther King und in Baldwins Literatur. Von der Geschichte des Rassismus und dem Schicksal der Afroamerikaner ist bereits einiges erzählt worden, ob von der im August 2019 verstorbenen Toni Morrison oder von jüngeren Autoren wie Colson Whitehead oder Ta-Nehisi Coates. Vor allem Letzterer lehnt sich inhaltlich wie auch sprachlich an Baldwin an.

Schwul, schwarz und arm – es ist ein dreifaches Stigma, das Baldwin thematisiert.

„Von dieser Welt“ erzählt auch die Geschichte der Familie Grimes. Von der Großmutter, die noch als Sklavin auf den Baumwollfeldern des Südens arbeitete und der die Flucht gelang, bis zur nächsten Generation der Familie, für die es noch alltäglich war, dass Schwarze nicht nur als Portiers oder Putzhilfen arbeiteten, sondern dass schwarze Männer gelyncht und ihre Frauen von Weißen vergewaltigt wurden.

In eine solche Welt wurde James Baldwin im Jahr 1924 hineingeboren. Das Buch hat deutlich autobiographische Züge. Als unehelicher Sohn litt er an seinem Hass gegenüber seinem Stiefvater, der ebenso wie Gabriel ein Prediger war. Und auch der Schriftsteller selbst hatte als 14-jähriger in einer Pfingstgemeinde zu predigen begonnen, genau wie die Figur im Roman: „Alle hatten immer gesagt, John werde später mal Prediger, genau wie sein Vater. So oft war das gesagt worden, dass John es irgendwann selber glaubte, ohne jemals darüber nachzudenken. Erst am Morgen seines vierzehnten Geburtstages dachte er ernsthaft darüber nach, und da war es bereits zu spät.“

Auch Baldwin war 1927 im Alter von drei Jahren mit seiner Mutter aus den Südstaaten nach New York gekommen. Sie heiratete einen Prediger, mit dem sie weitere Kinder bekam. Es war die Zeit der „Great Depression“. Der Vater arbeitete in Fabriken, die Mutter als Putzfrau bei Weißen. Mit 23 lebte Baldwin in Greenwich Village. Er arbeitete als Kellner, hatte aber kein Geld für das College. Wie John im Roman wurde der Schriftsteller durch seine familiären Verhältnisse geprägt.

An „Got Tell It on the Mountain“, so der Originaltitel des Buches nach dem bekannten Spiritual, arbeitete Baldwin seit der ersten Hälfte der 1940er-Jahre sporadisch immer wieder, über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg, während er für Zeitschriften Essays und Buchrezensionen verfasste. Auch um das Buch war es ein zähes Ringen. Der Autor kam damit nicht weiter. Bis ihn sein Schweizer Freund Lucien Happersberger in sein Bergdorf einlud, wo er den Roman endlich abschließen konnte.

Der Erfolg ließ dennoch lange auf sich warten. Das Buch wurde zuerst von keinem Verlag angenommen, 1953 dann schließlich doch veröffentlicht und nun als erstaunliches Debüt gelobt. Erstmals auf Deutsch übersetzt wurde es 1966, mit dem ungelenken Titel „Gehe hin und verkünde es vom Berge“. Nun liegt es in einer Übersetzung von Miriam Mandelkow vor, die der sprachlichen Stärke von Baldwin näher kommt. Denn es ist nicht zuletzt die von Gospel und Soul geprägte Sprache, die dem Buch seinen spezifischen Sound verleiht.

„Von dieser Welt“ gilt heute zu Recht als das wohl vollkommenste Werk des Autors. Darin spielen die Weißen noch keine große Rolle. Erst in „Eine andere Welt“ aus dem Jahr 1962 kommt die Auseinandersetzung mit Homophobie und Rassismus deutlich zum Tragen. Schwul, schwarz und arm – es ist ein dreifaches Stigma, das Baldwin thematisiert. Später erhalten seine Bücher eine stärkere politische Dimension, die in „Von dieser Welt“ noch nicht im Vordergrund steht. Zwischen den beiden Romanen erschien eines seiner bekanntesten Bücher, „Giovannis Zimmer“ (1956), in dem er seine Homosexualität thematisiert: Baldwin sagte, er habe sich nie als schwul bezeichnet, ließ sich auch hier nicht kategorisieren, gibt aber zu, dass die Verunsicherung über die eigene Sexualität seine Motivation war, um überhaupt zu schreiben. Er habe Scham und Angst empfunden. Beide wurden zu seiner Antriebskraft.

Baldwin gilt bis heute als eine der bekanntesten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung. Über dreißig Jahre nach seinem Tod sind seine Bücher nicht nur nach wie vor aktuell, sondern erleben ein Revival. Seine Romane und Kurzgeschichten, Essays und Theaterstücke kritisieren die Gesellschaft und deren Geist. Diese Kritik ist nach wie vor gültig. Obwohl 2008 mit Barack Obama erstmals ein Afroamerikaner Präsident wurde, sind die Ideale der Bürgerrechtsbewegung längst nicht erreicht. Erst recht nicht heute im Zeichen von Donald Trump.

In Baldwins Büchern geht es weniger um die Emanzipation der Schwarzen als Kollektiv, sondern vielmehr um die des modernen Künstlers. Zu Recht wurde darauf hingewiesen, dass Sigmund Freuds „Ödipus“ dafür ebenso Pate stand wie James Joyce „Porträt des Künstlers als junger Mann“. Baldwin wusste, dass die Weißen die Schwarzen benötigen, sie demütigen, ausbeuten, einsperren und töten, um sich dadurch der eigenen Macht zu versichern. Der böse schwarze Mann sei nichts anderes als eine Erfindung der Weißen, die aus Angst vor der eigenen Vergangenheit die Schwarzen verteufeln und aus der Gesellschaft ausschließen. Noch heute ist dieser Rassismus nicht überwunden.

„Aus der Unordnung, die das Leben ist, jene Ordnung zu schaffen, die Kunst heißt“, das sei die Aufgabe des Schriftstellers, beschrieb er einmal seine Arbeit als Schriftsteller. Die Grundlage der Literatur müsse die persönliche Erfahrung sein. Baldwins Erfahrungshorizont ist der eines Afroamerikaners. Doch in der weißen Gesellschaft, in der Kultur der Weißen, kam diese Perspektive häufig nur als Klischee vor. Auch in vielen Werken, die Baldwin bewunderte – europäische Klassiker von Shakespeare über Bach und Rembrandt bis Balzac, Flaubert und Dostojewskij, aber auch im US-amerikanischen Kanon von Henry James bis Walt Whitman – war nichts vom kulturellen Erbe der Schwarzen enthalten.

Sein Erbe war Afrika, dabei war er „weder für den Dschungel noch für ein Stammesleben“ vorbereitet, wie er sarkastisch feststellte. Nachdem sich Baldwin lange geweigert hatte, die Musik der Blues-Sängerin Bessie Smith zu hören – denn wie der Jazz klang ihm dies zu sehr nach dem Klischee des schwarzen Lebens – hatte er für seine Reise in die Schweiz einige Platten der „Kaiserin des Blues“ mitgenommen. Fern der Heimat, in den Bergen, hörte er sie erstmals wirklich an.

Angesichts der politischen Entwicklung in den USA ist es der richtige Moment, um Baldwin wieder zu entdecken. Sein politisches Engagement machte ihn zu einer zentralen Figur der Bürgerrechts- und Menschenrechtsbewegung. Zusammen mit 
Marlon Brando ging er 1968 hinter dem Sarg von Martin Luther King her. Doch Baldwin war kein Politiker und wollte es nie sein, trotz seiner politischen Schriften, Essays und Reden. Er lehnte es ab, jemand anderen zu repräsentieren als sich selbst. Genauso wie er darauf beharrte, kein Opfer zu sein.

James Baldwin: „Von dieser Welt“. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. Mit einem Vorwort von Verena Lueken. 
dtv 2018, 320 Seiten.

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