Ocean Vuong: Wie schön ist Amerika?

von | 27.07.2021

Ocean Vuong wurde in Fachkreisen für seinen Debütroman „On Earth Were Briefly Gorgeous“ gefeiert. Zwischen der gesellschaftlichen sowie politischen Anlayse der USA in den 2000er-Jahren, der Aufarbeitung des Vietnamkriegs und einer schwulen Liebensgeschichte wirkt aber einiges forciert.

Copyright: Penguin Random House

Ocean Vuongs Ich-Erzähler Little Dog schreibt an seine analphabetische Mutter Rose. In einem Brief, der sich stilistisch zwischen Lyrik und Prosa bewegt, erzählt er ihre Familiengeschichte nach: Rose und ihre Mutter Lan sind aus dem Vietnam nach Amerika ausgewandert, traumatisiert vom Vietnamkrieg. Statt einem sorgenfreien Leben, erwarten sie in den USA Rassismus, Armut und die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit. Die beiden Frauen leiden stark unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Das thematisiert Little Dog in seinem Brief, genauso wie die Schläge seiner Mutter.

Wenn Little Dog an seine „Ma“ schreibt, dann ist das vor allem ein Versuch, die Welt zu verstehen, in die er hineingeboren wurde. „On Earth Were Briefly Gorgeous“ zeichnet ein Amerika, in dem die Menschen ausgeträumt haben. Egal ob sie Migrant*innen oder gebürtige Amerikaner*innen sind. Neben Lan, Rose und Little Dog, gibt es zum Beispiel auch Trevor und seinen Vater.

Trevor war Little Dogs Freund und erster Sexpartner. Die beiden lernten sich bei der Arbeit auf einer Tabakplantage kennen. Trevor lebte mit seinem alkoholkranken Vater in einem Trailorpark. Anders als Little Dog, sträubte er sich gegen den Gedanken, schwul oder bisexuell zu sein. Er tat die Anziehung zu Little Dog als Phase ab. Keiner der beiden benannte das, was zwischen ihnen lief. Somit stand die öffentliche Bekanntmachung ihrer sexuellen Beziehung auch zu keinem Moment zur Debatte. Als Trevor nach einer Sportverletzung das umstrittene Schmerzmittel OxyCotin verschrieben wurde, rutschte er in die Drogensucht ab. Er war noch keine achtzehn als er anfing, sich Heroin zu spritzen.

Little Dog schreibt in seinem Brief über viele Jugendliche, die an einer Überdosis gestorben sind und damit über eine Jugend in größter Not. Der Brief an Rose steckt allgemein voller Unglück. Selbst die sexuellen Begegnungen mit Trevor sind berdückend. Sie sind immer mit Leid, Unsicherheiten und Versagensängsten verbunden. Unbeschwert und leicht ist in dem Buch eigentlich nichts.

Im starken Kontrast zum harten Inhalt steht die poetische Sprache und der lockere, nicht lineare Aufbau des Romans. Auch wenn das Buch etliche Sätze bietet, die man ihrer Schönheit wegen am liebsten einrahmen würde, wirken viele Sätze forciert poetisch oder intellektuell. Little Dog zitiert immer wieder den Sprachwissenschaftler Roland Barthes, verliert sich in Gedanken zu Sprache und dem Dasein als Autor.

Warum schreibt jemand so an eine Person, die weder lesen noch schreiben kann und kein englisch versteht? Vielleicht ist Little Dogs Brief am Ende eher ein Brief an sich selbst als an seine Mutter, mehr ein Weg Erlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten als sie jemandem verständlich mitzuteilen. Es bleibt jedenfalls offen, ob Little Dog den Brief je abgeschickt hat.

Ocean Vuong: On Earth Were Briefly Gorgeous. Penguin Random House: 2019.

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