Öffnung der Schulen: Die Suche nach dem kleineren Übel

Meinungen dazu, wie und wann die Schulen wieder öffnen sollen, gibt es viele. Eine eindeutig bessere Vorgehensweise gibt es allerdings nicht.

Screenshot change.org

Abstand halten, Mundschutz tragen. Alle zwei Stunden Hände waschen, Bänke und Spielzeug desinfizieren. Den Unterricht im Freien abhalten, wann immer es möglich ist. – So sieht momentan der Schulalltag in Dänemark aus und hierzulande dürfte es ab Mai recht ähnlich laufen, auch wenn noch manches Detail geklärt werden muss.

Die von der Regierung angekündigte graduelle Öffnung der Schulen wurde in den vergangenen Tagen kontrovers diskutiert. Kritisiert wird zum Beispiel das Vorhaben, die Klassen in zwei Gruppen einzuteilen, die abwechselnd die Schulbank drücken oder zuhause üben sollen. Die nationale Elternvertretung RNP schätzt, dass dies zu kompliziert sei und zu noch mehr Ungleichheiten zwischen den Schüler*innen führe. Sie fordert, dass ab Mai alle wieder zur Schule müssen, der Schulbesuch für Kinder des Cycle 1 und solchen mit Behinderung jedoch bis zum Sommer freiwillig ist.

Akteure wie etwa die Lehrbeauftragten-Gewerkschaft Acen wollen, dass der Schulbetrieb erst nach den Pfingstferien wieder aufgenommen wird. Manche – wie die rund 15.500 Unterzeichnenden einer Petition auf change.org – appellieren aus Gründen der Gesundheitsvorsorge gar, die Schulen erst im September wieder zu öffnen.

An den unterschiedlichen Positionen zeichnet sich ab: Allen recht machen kann man es ohnehin nicht. Jedes Modell, bei dem Kinder einen beträchtlichen Teil des Tages zuhause verbringen sollen, gestaltet sich für ganztägig arbeitende Eltern schwierig. Sämtliche Kinder bis September in Krippen und Maisons relais oder gar doch bei den Großeltern unterzubringen, wäre ebenfalls wenig ideal. Zudem ist den Kleinen wohl kaum zuzumuten, bis September keinen Kontakt mit Gleichaltrigen haben zu dürfen. Von Kindern, die zuhause physische oder psychische Gewalt erleben, gar nicht erst zu sprechen. Die Entscheidung für oder gegen den Schulbesuch freizustellen, wird den Eltern ebenfalls nicht weiterhelfen: Sie müssen dann zwischen Infektionsrisiken und Bildungsnachteilen abwägen – und eine Entscheidung treffen, die eigentlich der Sachkompetenz der politisch Zuständigen obliegt.

Davon abgesehen ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch nach den Sommerferien noch strenge Kontaktbeschränkungen eingehalten werden müssen. Und was dann? Sollen die Schulen dann bis Ende des Jahres geschlossen bleiben?

Welche Vorgehensweise die bessere ist, werden wir erst im Nachhinein wissen.

Die Frage, wie verhindert werden kann, dass manche Schüler*innen benachteiligt werden, stellt sich bei ausnahmslos jedem Modell. In Deutschland forderten Bildungsexpert*innen jüngst, vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien in der Schule zu unterrichten, während der Rest weiter Homeschooling macht. Die Idee dahinter: Nur wer besondere Unterstützung braucht, soll eine direkte Betreuung durch eine Lehrkraft erhalten.

Der Unmut, der entstünde, wenn Schüler*innen je nach sozioökonomischem Hintergrund unter ein anderes Regime fallen, ist bereits abzusehen. Doch an einen Normalbetrieb ist bis auf weiteres nicht zu denken. Wo möglich, sollten Arbeitgeber*innen ihren Angestellten den nötigen Freiraum einräumen, damit diese sich um ihre Kinder kümmern können. In der Schule dagegen sollte das Abarbeiten des festgelegten Programms oder von Prüfungsleistungen zweitrangig sein.

Das frustrierende an all diesen Überlegungen: Wenn die Infektionszahlen in den kommenden Wochen wieder stark ansteigen, sind sie rasch wieder Makulatur. Alle bis dahin vorgenommenen logistischen Planungen wären dann erst einmal umsonst gewesen. Und: Welche Vorgehensweise die bessere ist, werden wir erst im Nachhinein wissen. Bis dahin gilt es, das kleinere Übel zu identifizieren und mehr oder weniger ins Blinde hinein Entscheidungen zu treffen. Dass wissenschaftliche Befunde zurzeit klare Handlungsschritte nahelegen, ist jedenfalls eine Illusion.


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