Projekt alternative Wochenzeitung: Trau keinem über 30

Am 1. März 1991 erschien die erste Wochenausgabe des GréngeSpoun. Ein kleiner Blick zurück in eine Zeit, in der vieles anders, aber manches nicht unbedingt einfacher war.

Zwar ist es (noch) kein Nachruf, aber bei dem Unterfangen, sich mit der ersten Wochenausgabe des woxx-Vorgängers GréngeSpoun auseinanderzusetzen, wird es einem etwas mulmig zumute. Sind es tatsächlich schon 30 Jahre her, seitdem das Projekt einer „wochenzeitung fir eng ekologesch a sozial alternativ“ in eine entscheidende Phase getreten war? Die Wochenzeitung hat also das gleiche Alter wie damals der Autor dieser Zeilen, als er das Edito zur 56. GréngeSpoun-Nummer verfasste. Es ging um das „erste Aktienerlebnis“ der Gründer*innen der gleichnamigen Kooperative, wenige Tage zuvor. In den vorausgegangenen zwei Jahren des Aufbaus, zunächst als Monatsblatt und dann im Zwei-Wochen-Rhythmus, hatte es gegolten sich mit den Spitzfindigkeiten des Luxemburger Pressehilfewesens vertraut zu machen. Ein Thema, das auch heute wieder aktuell ist.

Ins kalte Wasser

Dass es dann doch recht lange gedauert hatte, hing nicht zuletzt an den zwischenzeitlich geänderten Bedingungen, um Pressehilfe zu erhalten: Neben der wöchentlichen Erscheinungsweise, musste die Zeitung nunmehr ein Redaktionsteam von fünf, statt wie zuvor drei Journalist*innen aufweisen. Mit dem Argument, alle damals mit der Pressehilfe bedachten Organe seien damit zufrieden, wurde die Reform durchgewunken. An Newcomer*innen wurde dabei nicht gedacht – oder gerade doch?

Der GréngeSpoun war zwar ein recht militantes, dafür aber finanzschwaches Projekt. Die herausgebende a.s.b.l hatte gerade mal Geld genug, um ein paar Nummern vorzufinanzieren, bis dann die Abogelder es nach und nach erlaubten, die Unkosten zu decken. Rücklagen konnten so nicht erstellt werden – das geschah erst mit der Gründung der Kooperative. Das von den mehr als 80 Gründungsmitgliedern aufgebrachte Kapital – immerhin stolze 760.000 Luxemburger Franken – stand also erst unmittelbar vor dem Sprung ins kalte Wasser zur Verfügung.

Entsprechend des Prinzips der Selbstverwaltung waren es vor allem die GréngeSpoun-Autor*innen, die selber dazu beitrugen, die nötigen Kapitalgeber*innen zu animieren. Dabei durfte das Wichtigste nicht vergessen werden: jede Woche eine Zeitung zu produzieren, die für umgerechnet 1,25 Euro ihre Leser*innen finden musste.

Ein bisschen kam dem Projekt dabei auch der technische Fortschritt entgegen, denn das damals noch recht junge digitale Desktop-Publishing erlaubte es, das Blatt quasi am Schreibtisch entstehen zu lassen und die Produktionskosten recht niedrig zu halten. Dafür fand der Informationsaustausch noch überwiegend analog statt. (Ab)tippen stand auf der Tagesordnung, denn die meisten Artikel, Kommuniqués oder Briefe kamen mit der Post oder per Fax – wenn denn über Nacht die Endlospapierrolle nicht trotzdem zu Ende gegangen war. Immerhin sah das Impressum die Möglichkeit der Abgabe der Texte als „ASCII-File auf 720 KB 3,5 Zoll Disketten“ vor.

Gespart wurde allerdings bei der Druckqualität, denn statt eines professionellen Filmbelichters kam ein mit nur 300 dpi auflösender Laserdrucker zum Einsatz. Ein Provisorium, das eigentlich nur so lange gelten sollte, bis die staatliche Bezuschussung einen weiteren Ausbau des Projektes ermöglichen würde. Als dann aus dem geplanten einen Jahr deren fast fünf wurden – weil der politische Mainstream und die werte Pressekonkurrenz glaubten, den Anspruch auf Pressehilfe anfechten zu müssen –, wurde aus der provisorischen Lösung eine dauerhaftere.

Frieden und Umwelt

Doch zurück zur Ausgabe aus dem Jahre 1991:Die Titelseite bestand damals aus mehreren kleinteiligen Artikeln, von denen manche irgendwo weiter hinten im Blatt fortgesetzt wurden und auch erst dort offenbarten, wer denn für den Beitrag verantwortlich zeichnete. Die Themenwahl auf den zwölf eng-bedruckten Zeitungsseiten war betont militant: Der „zweite“ Golfkrieg hatte gerade begonnen und es ging auf Ostern zu, also waren Friedensdemos angesagt, deren Termine der GréngeSpoun prominent auf die erste Seite hievte.

Wer für Frieden ist, muss auch gegen Waffenhandel sein. In den Wochen zuvor hatte der „Spoun“ eine Luxemburger Firma mitauffliegen lassen, die internationalen Waffenhandel betrieb. Die grüne Europafraktion hatte dazu eine Pressekonferenz in Straßburg organisiert. Ähnlich wie bei OpenLux heutzutage wurde den Übermittler*innen der Nachricht im Inland Nestbeschmutzung zur Last gelegt.

Gegen solche oder ähnliche Firmen vorgehen wollte die Regierung allerdings nicht, was ihr einen geharnischten Kommentar des GréngeSpoun-Mitbegründers François Bausch einbrachte. Ob dieser Artikel oder eher die Tatsache, dass sein Autor Jahrzehnte später selber Armeeminister ist, als Kuriosum in die Geschichte eingehen wird, muss die weitere Zukunft zeigen.

Alternative Gründerzeit

Natürlich kam auch die Umwelt in der ersten Wochenausgabe nicht zu kurz: Umweltmedizin hatte damals noch wenig Geltung, weshalb der GréngeSpoun ihr gleich eine ganze Artikelserie widmete. Jean Huss, alias Muck, machte in der Zeit zwischen den vielen Friedensdemos vor allem Jagd auf Amalgam-Plomben. Noch im gleichen Jahr gründete sich die Akut a.s.b.l., deren Vorsitzender der ehemalige GréngeSpoun-Autor und Grünenabgeordnete auch heute noch ist.

Überhaupt scheint 1991 wie eine Art alternative Gründerzeit: Die Tram a.s.b.l kündigte ihre Konstituierung für den 7. März an – nichtsahnend, dass es fast 30 Jahre dauern sollte, bis Luxemburg wieder über eine Straßenbahn verfügen würde.

Nicht vom Wochenrhythmus beeinflussen ließen sich Guy Rewenig und Guy W. Stoos, die ihre einseitige „United Guys“-Kolumne auch weiterhin nur alle zwei Wochen ablieferten. In der historischen Nummer beschäftigen sie sich unter anderem mit dem „Schandfleck und Rattennest“ Kulturfabrik in Esch, die damals zehn Jahre „autonomes Ackern“ feierte und dem Escher Bürgermeister noch immer nicht zu „100 Prozent“ gefallen konnte. Als Hauskarikaturist liefert „gws“, zusätzlich zur erwähnten Rubrik, seit der ersten GréngeSpoun-Ausgabe seine Zeichnungen zu aktuellen Themen und ist somit auch heute noch fester Bestandteil der Zeitung.

Geradezu bescheiden war der „Kultour“-Teil: Sämtliche kulturellen Termine – inklusive der Filme – passten auf eine nicht ganz DIN-A4-große Fläche. Nicht weil die zuständige Mitarbeiterin sich keine Mühe gegeben hätte, möglichst viele Events zusammenzutragen. Nein, es war einfach nichts los im Kleinherzogtum – weit weniger noch als in der Covid-geplagten Gegenwart.

Geändert haben in drei Jahrzehnten auch die Lesegewohnheiten. Das Internet war im damaligen Business-Plan noch nicht vorgesehen. Nicht nur der aktuelle Premier scheint mit Papier nichts mehr am Hut zu haben, auch so manche Leser*innen wollen ihre woxx nur noch virtuell konsumieren. Hat eine gedruckte Wochenzeitung noch eine Daseinsberechtigung? Die Debatte dazu läuft. Noch traut sich kein*er so richtig in dieser Frage eine endgültige Entscheidung zu treffen. Ob wir darüber zum 50. Jubiläum mehr berichten können?

 


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