Rassismus: Die Hölle im Quadrat

Sogenannte „Besserungsanstalten“ in den USA waren häufig Orte des Schreckens – ganz besonders für nicht-weiße Jugendliche. Mit seinem neuesten Roman „Die Nickel-Boys“ erinnert der Autor Colson Whitehead einmal mehr an den strukturellen Rassismus in den Vereinigten Staaten.

Einer der wichtigsten US-amerikanischen Autoren der Gegenwart: Colson Whitehead im vergangenen Jahr bei einer Lesung an der Texas State University. (Foto: Garrettf67/CC4/Wikimedia)

 

Tallahassee, Florida. Elwood Curtis hat noch Träume. Er träumt davon, einmal den Vergnügungspark zu besuchen, der den Weißen vorbehalten ist. Oder in das Restaurant seiner Wahl zu gehen. Er ist ein guter Schüler, aufgeweckt und strebsam. Der Sechzehnjährige freut sich darauf, als einer der ersten schwarzen Jugendlichen ein College besuchen zu dürfen. Von den Eltern verlassen, wächst er bei seiner Großmutter Hattie auf. Zu Weihnachten 1962 bekommt er von ihr die Schallplatte „At Zion Hill“ mit den Reden von Martin Luther King. Der Pastor und Bürgerrechtler, 1968 ermordet, ist sein Vorbild. Er lässt Elwood an eine Zukunft glauben, in der es gleiche Rechte für Afroamerikaner wie ihn gibt.

Erst 1964 wird die Rassentrennung offiziell aufgehoben, aber damit ist der Rassismus längst nicht verschwunden. Das weiß auch Oma Hattie. „Jim Crow verschwindet nicht einfach so“, sagt sie und meint Jim, die Krähe – eine stereotype Bühnenfigur aus dem 19. Jahrhundert, von einem weißen Komiker erfunden, die als singender und tanzender Afroamerikaner einen faulen, mit sich und der Welt zufriedenen Dieb und Betrüger darstellt. Die Figur wurde oft von Weißen dargestellt, indem diese „Blackfacing“ betrieben. Jim Crow wurde ein Synonym für die Diskriminierung der schwarzen Amerikaner: durch gesellschaftlichen Alltagsrassismus ebenso wie durch den strukturellen Rassismus, die Aufrechterhaltung der Rassenhierarchie.

Dieser Rassismus führt dazu, dass Elwood eines Tages aller Träume beraubt wird. Als er nach seinem High-School-Abschluss auf dem Weg zum College beim Trampen mitgenommen wird, steigt er in einen gestohlenen Wagen ein. Die Polizei schnappt Elwood bei einer Kontrolle. Obwohl er seine Unschuld beteuert, wird er wegen Autodiebstahls verurteilt und in die Besserungsanstalt „Nickel“ gesteckt – ein Ort des Schreckens, die Hölle auf Erden, benannt nach einem früheren Anstaltsleiter.

Der erste Eindruck täuscht: Die Gebäude sind gepflegt, das Gelände weitläufig. Es gibt keine hohen Mauern, sondern schöne Gärten. Doch im „Nickel“ herrscht noch Rassentrennung, die schwarzen Schüler werden schlechter behandelt als die weißen – und es herrscht Maynard Spencer, der gefürchtete sadistische Oberaufseher. „Wenn man hier landet, dann deshalb, weil man nicht weiß, wie man sich anderen Menschen gegenüber anständig benimmt“, warnt Spencer die Neuankömmlinge. Im „White House“, so wird ein abgelegener Ort auf dem Gelände der Anstalt genannt, verprügeln und foltern die Aufseher die Schüler.

Die Jugendlichen müssen in der Ziegelei schuften. Ihre Kleidung und ein Teil ihres Essens werden auf dem Schwarzmarkt verhökert. Wer Widerstand leistet, wird getötet und auf dem anstaltseigenen Friedhof verscharrt. Einige der Jugendlichen versuchen auszubrechen. Doch es gibt in der Einöde kaum ein Entrinnen. Elwood wird, nachdem er einen Streit schlichten wollte, nachts aus dem Schlaf gerissen und ausgepeitscht, bis er das Bewusstsein verliert. „Eine blutige Matratze und ein nacktes Kopfkissen, übersät von den Abdrücken der Zähne, die die Jungen hineingeschlagen hatten“, beschreibt Whitehead das Schreckensregime. „Der Luftzug des Ventilators hatte Blut aufgewirbelt und auf die Wände gespritzt.“ Doch Elwood kann entkommen. Er freundet sich mit einem Gleichaltrigen an. Beiden gelingt die Flucht.

Vor fünf Jahren wurden auf dem Gelände der „Dozier School“ die Leichen von zig Menschen gefunden.

Wie schon sein Vorgängerroman „Underground Railroad“, für den er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, basiert Colson Whiteheads neues Buch, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist, auf einer wahren Begebenheit. Historische Grundlage des Romans ist die „Florida School for Boys“, eine Schule für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche in Marianna, ebenfalls in Florida, zuletzt als „Dozier School of Boys“ bekannt, wo es noch 1968 Rasentrennung gab. Vor fünf Jahren wurden auf dem Gelände der „Dozier School“ die Leichen von zig Menschen gefunden. Sie waren erschossen oder zu Tode gefoltert worden. Der schreckliche Fund führte dazu, dass ehemalige Insassen der Anstalt zusammenfanden und über ihre Erlebnisse sprachen. Sie erzählen von dem Schrecken und den Traumata, von Jungen, die in kleine Kisten gesperrt wurden, in sogenannte Sweatboxes, bis sie erstickten.

Laut offiziellen Unterlagen der Einrichtung starben mehr als hundert Schüler, ein Teil davon bei einem Brand im Jahr 1914, andere wurden angeblich Opfer einer Grippeepidemie oder kamen bei Unfällen oder Kämpfen ums Leben. Dieses Jahr wurden weitere mögliche Gräber gefunden. Die ehemaligen Schüler berichteten später von den teils extremen Bestrafungen und Misshandlungen im „White House“.

Colson Whitehead nennt in einem Nachwort die Quellen, auf die er sich stützt. Im Gegensatz zu „Underground Railroad“, der surreale, fantastische Züge annimmt, bleibt der Autor in „Die Nickel Boys“ dem Realismus treu. Präzise beschreibt er den Missbrauch von Macht in der Besserungsanstalt und ein System, das auf Brutalität und Willkür basiert. Der Roman ist als Triptychon angelegt: Im ersten Teil besteht noch Hoffnung, im zweiten wird diese zerstört – und im dritten begegnet man Elwood als erwachsenen Mann in New York wieder. Er hat geheiratet und sich eine bürgerliche Existenz geschaffen. Doch hat das „Nickel“ für immer Spuren hinterlassen. Vielen hat es die Zukunft geraubt.

Whitehead versucht, die Rassentrennung an einem konkreten Beispiel zu beschreiben. Das gelingt ihm nicht durchgängig. Doch andererseits versteht er es, den Skandal des Beschriebenen zu zeigen, ohne dass er demonstrativ anklagend wirkt. Sein Stil ist sachlich, fast sarkastisch.

In „Underground Railroad“ hatte Whitehead von der brutalen Gewalt auf einer Baumwollplantage in Georgia Mitte des 19. Jahrhunderts und von der Grausamkeit der Sklaverei erzählt. Hauptprotagonistin dieses Romans ist die Sklavin Cora, die von dem jungen Caesar überredet wird, mit ihm von der Plantage zu fliehen – die beiden haben von einer unterirdischen Eisenbahn erfahren, die entlaufene Sklaven in andere Bundesstaaten bringt, wo es keine Sklaverei gibt. In Wirklichkeit war die „Underground Railroad“ ein von Sklavereigegnern und Fluchthelfern geschaffenes Netzwerk. Der Name geht zurück auf die geheimen Codewörter aus dem Zugverkehr, die sie benutzten. Der Roman lässt historische Ereignisse mit surrealen Elementen verschmelzen und weicht von den geschichtlichen Fakten ab.

In „Die Nickel Boys“ verzichtet Whitehead auf fantastische Elemente. Hier greift er auf einen fast reportagehaften Stil zurück. Und wer meint, der Autor würde sich in seinem jüngsten, von Henning Ahrens gelungen ins Deutsche übertragenen Roman wiederholen, dem sei gesagt: Nicht Whitehead wiederholt sich, weil er ein Stück dunkler US-Geschichte in Romanform bringt, sondern die dunkle US-Geschichte wiederholt sich. Zuvor hatte sich der mittlerweile 50-jährige Schriftsteller auch anderen Themen gewidmet. Neben den genannten Büchern hat Whitehead bereits eine Mediensatire, eine Hymne auf seine Heimatstadt New York, eine Zombie-Geschichte sowie ein Buch über ein Pokerturnier verfasst.

Bezeichnenderweise hat Whitehead einmal gesagt, dass er nicht bei den Fakten, sondern bei der Wahrheit bleiben wolle. Das ist mehr als gerechtfertigt in Zeiten der Polemik um „fake news“ und der Konkurrenz um alternative Fakten. Längst wird in den USA zudem von einer neuen Jim-Crow-Welle gesprochen, so etwa von dem afroamerikanischen marxistischen Philosophen Cornel West. An einem historischen Beispiel verdeutlicht Colson Whitehead so nicht zuletzt die Misere der Gegenwart.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. Carl Hanser Verlag, 224 Seiten.

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