Roman über Algerien: Bruch der Generationen

In ihrem neuen Roman „Dezemberkids“ macht Kaouther Adimi drei rebellische Kinder zu zentralen Figuren des Widerstands gegen das algerische „Mumien“-Regime.

Hat selbst am Hauptschauplatz ihres Romans, der Cité du 11-Décembre von Algier, gelebt: die 1986 geborene Schriftstellerin Kaouther Adimi.(Foto: Adami/privat)

Eine Brache in der Cité du 11-Décembre von Dely Brahim, einer Banlieue im Westen Algiers. Eine Handvoll Kinder und Jugendliche spielen im strömenden Regen auf dem Gelände Fußball, als zwei Generäle mit Bauplänen für ein Villenviertel auftauchen. Es ist der 3. Februar 2016. Die „weiße Stadt“, wie die algerische Hauptstadt häufig wegen der hell im Sonnenlicht erstrahlenden Häuser genannt wird, ist in dieser Jahreszeit nicht als solche zu erkennen.

Im Gegenteil: Manche Viertel der Metropole am südlichen Mittelmeer scheinen im Schlamm zu versinken. Es herrscht Endzeitstimmung. Die Limousine mit getönten Scheiben, in der die beiden Militärs sitzen, hält am Rande des Bolzplatzes. Sie zeigen Besitzurkunden – und bedeuten den Kids, dass es Zeit ist, zu verschwinden.

Deren Eltern haben resigniert. Sie wollen nicht anecken, ihre Familien nicht in Gefahr bringen, indem sie gegen das Regime des Front de Libération Nationale (FLN) aufbegehren, jene Partei, die aus der früheren Unabhängigkeitsbewegung entstanden ist. Doch die Jugend denkt anders. Sie will nicht aufgeben. Will Widerstand leisten. Die Jugendlichen verprügeln die beiden Eindringlinge und verjagen sie vom Gelände. Im Gegensatz zu ihren Eltern denken und handeln die Kids solidarisch: „Wenn jeder nur an seine eigene kleine Zukunft denkt und an seinen kleinen Komfort, wie sollen wir es dann je schaffen, dass sich irgendetwas ändert?“

„Wie ist es passiert?“, werden nicht nur die Jugendlichen später gefragt, sondern auch die beiden verjagten Generäle. Die 1986 in Algier geborene Kaouther Adimi hat selbst in der Cité du 11-Décembre gelebt. Wenn sie von dem Aufstand erzählt, der sich aus der geschilderten Szene entwickelt hat, geschieht dies nicht aus nur einer Perspektive. Sie schildert das, was 2016 tatsächlich geschah, in ihrem Roman aus wechselnden Blickwinkeln.

Die Geschichte der „Dezemberkids“ klingt nach einem Jugendroman. Hinter ihr steckt aber noch viel mehr. Die Auseinandersetzung zwischen Generälen und Jugendfußballern nahm das vorweg, was sich in Algerien drei Jahre später zu den sogenannten Hirak-Protesten ausweitete. Damals gingen vorwiegend junge Leute – 45 Prozent der Algerier sind unter 25 – auf die Straße, um gegen das verkrustete Regime und gegen den greisen Präsidenten Bouteflika zu demonstrieren.

Acht Wochen später trat er zurück. Auf die weitere Entwicklung geht die Übersetzerin Regina Keil-Sagawe in ihrem informativen Nachwort näher ein. Die Hirak (arabisch für „Bewegung“, Anm. d. Red.) sagte Nein zu Patriarchat, Frauenfeindlichkeit und zur 2005 erlassenen Generalamnestie, die eine Aufarbeitung der schwarzen Dekade Algeriens verhinderte. So wird jene Phase in der jüngeren Geschichte Algeriens bezeichnet, die 1991 begann und von einem blutigen Bürgerkrieg zwischen dem alten Regime und den Islamisten geprägt wurde. Mehr als 150.000 Menschen verloren dabei ihr Leben; manche gehen gar von 200.000 aus.

Begonnen hatte es damit, dass der Front islamique du Salut (FIS) überraschend die ersten freien Wahlen gewann. Um die Machtübernahme der Fundamentalisten zu verhindern, verhängte die Regierung das Kriegsrecht. In Folge wurden die islamistischen Milizen der GIA (Groupe Islamique Armé), die zuvor Terroranschläge in Frankreich verübt hatten, vermehrt in Algerien aktiv. Unter anderem richteten sie beim Ramadan-Fest in Algier 1997 ein Massaker mit Tausenden von zivilen Opfern an. Kaum jemand in Algerien hat nicht Verwandte oder Bekannte in dem Bürgerkrieg verloren.

Präsident Abdelaziz Bouteflika, einst Außenminister unter Staatschef Houari Boumedienne und nach dessen Tod 1981 ins Schweizer Exil geflohen, weil ihm die Veruntreuung von Staatsgeldern zur Last gelegt wurde, kam 1999 mit dem Ziel ins Amt, die Algerier zu versöhnen. Gegenüber französischen Journalisten sagte er einmal: „Ich bin das gesamte Algerien. Ich bin die Inkarnation des algerischen Volkes“. Zur Versöhnung sollte eine „Charta des Friedens und der Versöhnung“ beitragen. Darin enthalten war die bereits erwähnte Generalamnestie, die in begrenztem Umfang für die Rebellen galt, zugleich jedoch Straffreiheit für die Schergen aus dem Polizei- und Militärapparat beinhaltete.

Vor allem die Angehörigen der Opfer und Vermissten sowie Menschenrechtler sprachen sich dagegen aus, die Tätern von einst so einfach davonkommen zu lassen. Auch wenn die Algerier die Charta per Volksabstimmung annahmen: Die Wunden des Bürgerkrieges blieben, und sie sind noch tief. Von Versöhnung konnte und kann keine Rede sein. Vielmehr ging es dem autoritär herrschenden Bouteflika mit dem Plebiszit vor allem um die Stärkung seiner eigenen Macht.

Blick in die Vergangenheit 
und Zukunft

Adimi lässt die Opfer jener Zeit wieder aufleben: die Toten und Verschwundenen, die Traumatisierten und ins Exil Geflohenen. „Dezemberkids“ leistet Vergangenheitsbewältigung und zugleich einen Blick in die Gegenwart. Für ihr voriges, 2018 auf Deutsch veröffentlichtes Buch „Was uns kostbar ist“ wurde die Autorin 2017 für den Prix Goncourt nominiert. Das Buch handelte von dem algerischen Verleger Edmond Charlot, Entdecker unter anderem von Albert Camus. Und in dem Roman „Steine in meiner Hand“ (dt. 2017) baut sich eine in Algier aufgewachsene junge Frau in Paris ein neues Leben auf, was zum Balanceakt zwischen unterschiedlichen Welten und Lebensentwürfen wird. Ihr neues Buch ist vielstimmiger. Sie verbindet darin eine Erzählerinstanz mit inneren Monologen und Tagebucheintragungen.

Die drei Protagonisten, die elfjährige Ines, Tochter einer alleinerziehenden Mutter und Enkelin einer Unabhängigkeitskämpferin, sowie ihre beiden Freunde, die knapp so alten Dschamil und Mahdi, spielen gerne im Schlamm. Bei miesem Wetter gehört der Bolzplatz nur ihnen. Ihre Auflehnung gegen die beiden Generäle steht für den Aufstand der algerischen Jugend gegen das Regime, gegen Korruption und Vetternwirtschaft eines verkrusteten Systems. Und ist symbolisch für den „Hirak“. Die Bewegung will die Demokratie und eine radikale Zäsur.

„Les petits de décembre“, so der Originaltitel, besetzen ihren Fußballplatz und errichten darauf ein Zeltlager. Von zu Hause schaffen sie Nahrungsmittel herbei, Verbandszeug und Decken. Gewalt gegen Elfjährige können sich die Generäle nicht leisten. Sie setzen lieber auf die Manipulation der sozialen Medien durch gefälschte Accounts, um die Kinder in Misskredit zu bringen.

Zum besseren Verständnis des gesellschaftlichen Kontexts erzählt Adimi die opferreiche algerische Geschichte seit dem Erlangen der Unabhängigkeit im Spiegel ihrer Figuren. Es geht dabei auch um die lähmende Angst, die die Menschen in dem nordafrikanischen Land befallen hat, und um die algerischen Frauen, die sich dem patriarchalischen System widersetzen. Adimi beschreibt aber auch einen Bruch zwischen den Generationen.

Generationenkonflikt

Die Eltern der jungen Rebellen fühlen sich in Frage gestellt und auch bloßgestellt: Weshalb haben sie nicht schon längst etwas gegen die bestehenden Verhältnisse unternommen? Die Generäle, insbesondere deren Frauen, beklagen sich hingegen darüber, unbeliebt zu sein. In diesen Szenen entwickelt der Roman satirische Qualitäten. Zu bemängeln ist allein, dass die eine oder andere Darstellung etwas schablonenhaft wirkt, so wie die von Ines‘ Großmutter Adila, der ehemaligen Unabhängigkeitskämpferin.

Adimi zielt auf die algerische Gegenwart und will die Probleme an der Wurzel packen, indem sie eine Aufarbeitung der Vergangenheit verlangt. Ganz nach dem Motto: Wenn ein Land seine Vergangenheit leugnet, hat es auch keine Zukunft. Sie spricht dabei mit der Stimme der Jugend und der algerischen Frauen, die wie ihre männlichen Landsleute vor zwei Jahren auf die Straße gingen, um zu skandieren: „Bouteflika, zieh Leine! Keine Minute länger wirst du im Amt bleiben.“ Im April 2019 trat der Präsident zurück.

Hatte die lähmende Angst vor zehn Jahren noch verhindert, dass der „Arabische Frühling“ auf Algerien übersprang, gab der Hirak vor zwei Jahren die Initialzündung zur Wende. Die algerische Jugend, die weitaus die Mehrheit der insgesamt rund 40 Millionen Einwohner des Landes bildet, hatte die Nase voll vom alten Regime. „Dezemberkids“ ist die literarische Entsprechung dieser Bewegung.

Deren Protest richtete sich nicht nur gegen eine erneute Kandidatur des nach einem Schlaganfall fast sprach- und bewegungsunfähigen 82-jährigen Bouteflika, sondern gegen ein Land, in dem das Bildungs- und Gesundheitswesen marode ist und die Arbeitslosigkeit der jüngeren Generation jegliche Perspektive raubt. Das „Ancien Régime“ der Kleptokraten – heute repräsentiert durch den 75-jährigen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune – hielt sich bislang dennoch an der Macht. Ein Regime der „Mumien“, wie der Hirak die alte Garde nennt.

Autoren und Autorinnen wie Kaouther Adimi hoffen, dass deren Stunde nun doch endlich bald geschlagen hat. Und sie bringen den Europäern ein Land näher, das vielen trotz seiner Größe und seiner lebendigen Zivilgesellschaft nach wie vor fremd geblieben ist.

Kaouther Adimi: Dezemberkids. 
Aus dem Französischen von Regina 
Keil-Sagawe. Lenos Verlag, 249 Seiten.

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