Schon gestreamt? Leaving Neverland

Dan Reed hat dank zahlreicher Zeug*innenaussagen mit „Leaving Neverland“ einen der bisher vielschichtigsten und wichtigsten Beiträge zur MeToo-Debatte geschaffen.

James Safechuck und Jackson (© HBO)

„Leaving Neverland“ ist nur marginal ein Film über Michael Jackson. In erster Linie geht es um James Safechuck und Wade Robson, die als Kind jahrelang vom Sänger sexuell missbraucht wurden. In der vierstündigen HBO-Doku beschreiben sie detailreich ihr Verhältnis mit Jackson: wie sie sich kennenlernten, anfreundeten und sich eine Dynamik entwickelte, die selbst sie lange Zeit nicht als Missbrauch erkennen oder benennen konnten.

Die mittlerweile Mitte Dreißigjährigen erzählen von der enormen Bewunderung und Liebe, die sie als Kinder und Jugendliche für Jackson empfanden. Unwohl oder zu etwas gezwungen fühlten sie sich eigenen Aussagen nach nie. Stattdessen hielten sie ihr Verhältnis mit Jackson für eine reguläre Liebesbeziehung. „He was one oft he kindest, most gentle, loving, caring people I knew. He helped me tremendously. He helped me with my career, he helped me with my creativity and all sorts of things. And he also sexually abused me. For seven years“, bringt Robson zu Beginn von „Leaving Neverland“ ihr Verhältnis auf den Punkt.

Eine zentrale Botschaft des Dokumentarfilms besteht darin, dass die kollektive Vorstellung von Kindesmissbrauch nicht unbedingt der Realität entspricht: Er kann zärtlich sein und auf gegenseitiger Zuneigung beruhen, er kann sogar vom Opfer aufgesucht und verteidigt werden. Dennoch kann nie von Sex, geschweige denn einvernehmlichem Sex die Rede sein, wenn eine*r der Beteiligten noch ein Kind ist: dann ist es sexualisierte Gewalt.

Safechuck und Robson erzählen von den manipulativen Taktiken, mit denen Jackson seine Opfer davon abhielt, etwas auszuplaudern. So vermittelte er ihnen , dass es sich bei den sexuellen Interaktionen um einen völlig legitimen Ausdruck ihrer Liebe füreinander handele. „You and I were brought together by God,” soll er Robson zu gesagt haben. „We were meant to be together.” Indem er den Jungen nahelegte niemandem zu vertrauen, vor allen Dingen Frauen nicht, stellte er eine emotionale Distanzierung von ihrem sozialen Umfeld sicher und machte sich selbst zum Dreh- und Angelpunkt im Leben der Jungen. Er vermittelte ihnen aber auch, dass es negative Konsequenzen für sie hätte, wenn sie anderen von dem sexuellen Verhältnis erzählen würden: sie dürften dann nicht nur Jackson nie mehr wiedersehen, sondern müssten zudem auch ins Gefängnis. Sowohl sein als auch ihr Leben wäre für immer zerstört, trichterte er ihnen immer wieder ein. Folglich lag den Jungen über Jahre hinweg nichts ferner als von den Übergriffen zu erzählen – selbst dann als im Jahr 1993 der 13-jährige Jordan „Jordy“ Chandler wegen sexuellen Missbrauchs gegen Jackson klagte, und Robson vor Gericht und Safechuck von Ermittler*innen nach ihrem Verhältnis mit dem Sänger befragt wurden. Ein wichtiger Aspekt, den die Dokumentation aufzeigt ist, dass die Auswirkungen von Kindesmissbrauch oft mit erheblicher Verzögerung auftreten. Es können Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen bis erste Symptome auftreten. Im Falle von Safechuck und Robson manifestierten sie sich etwa ab dem Alter von 20 Jahren in Form von Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen.

© Wade Robson und Jackson (© HBO)

Beeindruckend ist, dass nicht nur Safechuck und Robson selbst über ihre Erfahrungen reden, sondern auch Familienmitglieder zu Wort kommen. Jede dieser Berichterstattungen verdeutlicht eine andere Facette der Geschehnisse. Es sind Puzzleteile, die unerlässlich für das Verständnis der Situation sind. Eine Thematik, die im Dokumentarfilm nämlich ebenfalls mitschwingt, ist die der elterlichen Verantwortung. Wie ist es möglich, dass das eigene Kind jahrelang von einem Familienfreund sexuell missbraucht wird, ohne dass es seinen Eltern aufgefallen ist? Die Problematik ist zu komplex als dass sie in „Leaving Neverland“ abschließend beantwortet werden könnte. Im Fall von Michael Jackson kamen gleich mehrere Faktoren zusammen, die die Missbrauchs-Dynamik begünstigten. Zum einen waren die jeweiligen Familien mit Jackson vertraut noch ehe sie ihm zum ersten Mal begegneten. Wie unzählige andere Menschen rund um die Welt sahen und hörten sie den Musiker, beziehungsweise seine Lieder, regelmäßig in den Medien. Die Eltern hatten dementsprechend nie das Gefühl, dass es sich um einen fremden Mann handelte, den sie mit ihrem Kind alleine ließen. Hinzu kam Jacksons Image des herzensguten, kinderfreundlichen Menschen, der sein Leben danach ausrichtete, anderen zu helfen. Die Vorstellung, dass er jemals ein Kind sexuell missbrauchen könnte, wäre niemandem in den Sinn gekommen.

Jackson war aber auch eine fest etablierte, einflussreiche Größe der Musikbranche, die Karrieren in die Wege leiten konnte. Wie vor allem Robson im Dokumentarfilm immer wieder betont, wäre er ohne Jackson Hilfe und Einfluss nicht der Tanz-Choreograph geworden, der er heute ist. Der elterliche Eifer in Jacksons nahem Umfeld zu bleiben war dementsprechend stark von den vielversprechenden Karriereaussichten ihrer Söhne geprägt. Damit hängt auch das Verhältnis zusammen, das Safechucks und Robsons Mütter jeweils mit dem Sänger hatten. Beide erklären in der Dokumentation, Jackson sei für sie wie ein Sohn gewesen. Die Familien der Opfer standen im täglichen Kontakt mit dem Sänger: Mal lud er sie zu sich ins Neverland ein, mal besuchte er sie bei ihnen zuhause. Konnten sie sich nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, telefonierte er täglich mit ihnen – sowohl mit den Jungs als auch mit ihren Müttern. „He was at the peak of his creativity and he was at the peak of his success. And everybody wanted to meet Michael or be with Michael. He was already larger than life. And then he likes you“, beschreibt Safechuck Jacksons Wirkung auf seine Familie. Der Kultstatus des Sängers machte die Eltern letztlich blind für seine grauenhaften Handlungen.

Wie bereits der Dokumentarfilm „Surviving R. Kelly“ legt auch „Leaving Neverland“ den Fokus nicht auf die Täter, sondern die Opfer sexualisierter Gewalt. Der Film handelt sowohl von den für Pädophilie spezifischen Dynamiken und den Langzeitfolgen für die Opfer als auch von der Notwendigkeit, Opfern sexualisierter Gewalt zu glauben. „Leaving Neverland“ ist aber vor allem eine längst überfällige Gesellschaftskritik. Sie regt das Publikum dazu an, kollektive Vorstellungen von Konsens, den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen und angehimmelten Idolen grundlegend zu überdenken.


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