Steffen Kopetzky: Propaganda

„Propaganda“ erzählt die abenteuerliche Geschichte des John Glueck, einem Deutsch-Amerikaner der vom Zweiten Weltkrieg bis in den Vietnamkrieg seinem Land dient – bis er an seinen Aufgaben verzweifelt und doch noch zum Helden wird.

Kopetzkys neues Buch ist ein klassischer deutscher Bildungsroman mit einem Protagonisten, der auf eine Weise in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts herumkurvt, dass den Leser*innen schon mal schwindelig werden kann. Dabei muss sich John Glueck ständig an seiner Aufrichtigkeit messen lassen – sein Hauptcharakterzug ist die einzige Konstante unter ständig wechselnden Bedingungen. Diese Michel-Kohlhaasigkeit des Helden hat denn auch alles um konservative Feuilletonist*innen in Begeisterung zu versetzen. Und auch der woxx hat „Propaganda“ streckenweise richtige Lesefreude bereitet.

Glueck, der sich am Kriegsanfang in die amerikanische Propagandatruppe hocharbeitet, von London nach Paris versetzt wird, mit Hemingway rumhängt, um anschließend die mörderische Schlacht Hürtgenwald hautnah mitzuerleben, ist sicher ein spannender Protagonist. Auch die Nebencharaktere, die Kopetzky erfindet, sind bemerkenswert, wie etwa der Seneca-Indianer, den die Deutschen fürchten wie den Teufel – auch weil er tatsächlich auf ihren Skalp scharf ist.

Unrealistisch wird es nur später im Roman, der auf drei Zeitschienen fährt. Etwa als rauskommt, dass es Glueck war der Kennedy den Satz „Ich bin ein Berliner“ zuflüsterte oder dass er den ersten Datenleak der Geschichte, die Pentagon Papers, erst ermöglichte und so dazu beitrug, dass der amerikanische Dschungelkrieg irgendwann endete. Auch die Begegnungen mit Salinger und Bukowski sind ein bisschen zu abenteuerlich und tragen nichts zum Flair der Geschichte bei. Dieses ständige Hinzufügen von Elementen verklärt die Figur und ist auch ein Anzeichen dafür, dass dem Autor irgendwann die Puste ausging. Auch sind die Zeitschienen nicht gleichmäßig verteilt: Während die Weltkriegserfahrungen große Teile des fast 500-seitigen Romans füllen, kommen die Ereignisse im vietnamesischen Dschungel viel zu kurz um glaubhaft zu erklären, wieso Glueck alles opfert, was ihm lieb ist um schlussendlich seine Regierung zu verraten. Sicher, gibt es längere Erklärungen im Text – aber dieses Ungleichgewicht fällt trotzdem auf.

Schade drum, denn gute Ansätze finden sich in „Propaganda“ zuhauf. Wer sich in die Haut eines Deutsch-Amerikaners versetzen will, der im Land seiner Vorfahren gegen das Böse kämpfte und dabei die verschiedensten Menschen kennenlernte, sollte sich das Buch nicht entgehen lassen.

Erschienen im Rowohlt-Verlag.

Steffen Kopetzky ist übrigens an diesem Donnerstag mit Norbert Scheuer Gast des Institut Pierre Werner.


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