Harvey Weinsteins vermeintliche Intergeschlechtlichkeit legt diskriminierende Vorurteile offen

Die öffentlichen Beschreibungen von Harvey Weinsteins Genitalien haben zum Teil problematische Reaktionen in Presse und sozialen Netzwerken hervorgerufen.

Am vergangenen Freitag sagte die ehemalige Schauspielerin Jessica Mann vor dem New Yorker Gericht gegen Harvey Weinstein aus. Sie wirft ihm vor, sie im Jahr 2013 mehrmals vergewaltigt und missbraucht zu haben. Während der Vernehmung gab sie detaillierte Beschreibungen von Weinsteins Körper. Sie beschrieb seine Genitalien als „deformiert“: Er habe keine Hoden und verfüge scheinbar über eine Vagina.

Es ist nicht das erste Mal, dass im Laufe eines Gerichtsprozesses die Genitalien des Beschuldigten auf detaillierte Weise beschrieben werden. Dies kann sich vor allem dann als nützlich erweisen, wenn es darum geht, die Beschuldigung zu untermauern: Kann das Opfer die Genitalien treffend beschreiben, deutet dies darauf hin, dass es diese auch gesehen hat.

Weshalb dies im Weinstein-Prozess notwendig war, ist unklar, immerhin leugnet der ehemalige Produzent die sexuellen Interaktionen nicht – im Gegensatz zu seinen Anklägerinnen behauptet er allerdings, diese seien einvernehmlich gewesen.

Noch weniger nachvollziehbar ist die Art und Weise, wie manche Presseorgane in der Folge über die Enthüllung Manns berichteten. Im Folgenden sollen einige der Fehlvorstellungen, die zurzeit bezüglich Weinsteins Genitalien, seinem Geschlecht und seiner Fähigkeit, jemanden zu vergewaltigen, kursieren, offengelegt werden.

1) „Weinstein hat keine männlichen Genitalien“

Nicht wenige Artikel, die über die Aussagen von Jessica Mann berichteten, trugen Titel wie „Harvey Weinstein does not have male genitalia“. Dabei wird doch gerade an Intergeschlechtlichkeit deutlich, dass Genitalien nicht auf die Geschlechtszugehörigkeit hinweisen. Spätestens nämlich, wenn ein Mensch sowohl über einen Penis als auch eine Vagina verfügt, wird es unmöglich, das eine eindeutig als männlich und das andere als weiblich zu kategorisieren.

2) „Weinstein ist eine Frau“

Ähnliches lässt sich über den Kommentar sagen, Harvey Weinstein sei eine Frau: Falls er sich als Mann identifiziert – worauf zurzeit alles hindeutet – ändert sich an diesem Umstand nichts, auch wenn er eine Vagina hat. Die Geschlechtsidentität eines Menschen anhand seiner Genitalien festzumachen, ist vor allem deshalb problematisch, weil es transfeindlich ist. Ein trans Mann ist ein Mann, auch wenn er eine Vagina und keinen Penis hat; eine trans Frau ist eine Frau, auch wenn sie einen Penis und keine Vagina hat. Eine trans Person sollte nicht erst dann in ihrem Geschlecht anerkannt werden, wenn sie sich einer geschlechtsabgleichenden Operation unterzogen hat.

3) „Weinstein ist trans“

In Folge der Berichterstattung wurde Weinstein in den sozialen Netzwerken vielfach als trans beschrieben. Generell scheinen solche Äußerungen auf eine Verwechslung von Trans- und Intergeschlechtlichkeit zurückzuführen sein, denn auch eine trans Person kann über Vagina und Penis zugleich verfügen. Es ist allerdings wichtig, klar zwischen inter und trans zu unterscheiden: Bei ersterem geht es vornehmlich um körperliche Spezifitäten, die von Geburt an vorliegen, bei zweiterem dagegen in erster Linie um die Geschlechtsidentität, die von der bei der Geburt erfolgten Zuweisung abweicht. Eine intergeschlechtliche Person kann zwar trans sein, muss aber nicht. Letzten Endes weiß nur Weinstein selbst wie er sich definiert; allein auf Basis seiner Genitalien ist dies sicher nicht festzumachen.

4) „Wenn Weinstein über eine Vagina verfügt, kann er unmöglich jemanden vergewaltigt haben“

Es gibt viele unterschiedliche Definitionen von Vergewaltigung. Laut Istanbul-Konvention handelt es sich dabei um eine nicht-einvernehmliche orale, vaginale oder anale Penetration. Unabhängig davon, ob davon ausgegangen wird, dass eine Vergewaltigung eine Penetration erfordert oder nicht, sind jedenfalls keine bestimmten Genitalien notwendig, um jemanden vergewaltigen zu können.

5) „Diese neueste Enthüllung über Weinstein, machen die Vorwürfe gegen ihn nur noch schlimmer und verstörender“

In den vergangenen Tagen drückten in den sozialen Netzwerken viele ihren Ekel oder ihre Abneigung gegenüber der Beschreibung von Weinsteins Genitalien aus. Weinsteins vermeintliche Intergeschlechtlichkeit lässt die sexuellen Übergriffe für manche noch schlimmer erscheinen. Dieses Body Shaming ist jedoch diskriminierend gegenüber intergeschlechtlichen Menschen. Die körperlichen Merkmale eines Menschen, machen eine Vergewaltigung, bei der es sich immerhin nicht um Sex, sondern um Gewalt handelt, nicht mehr oder weniger schlimm.

Weitere Informationen über Trans- und Intergeschlechtlichkeit finden Sie in unserem Glossar.


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