Unreflektierte Autoritätshörigkeit

von | 15.04.2019

Sich reflexartig auf die Seite eines schießenden Polizisten zu stellen, sagt viel über die eigene Sozialisation und Lebenserfahrung aus. Mediale und politische Institutionen sollten eigentlich dabei helfen, die eigenen Vorannahmen zu hinterfragen.

© wikipedia

Liest man auf Facebook die Reaktionen auf Artikel zur neusten Aktion von Richtung22, wundert man sich über die Gewissheit, die manche Kommentator*innen an den Tag legen. Die wenigsten scheinen daran zu zweifeln, dass der Autofahrer den Polizisten überfahren wollte, oder dass letzterem keine andere Option blieb, als von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen. Dabei ist beides noch ungeklärt. Es fragt sich, worauf diese Menschen sich beziehen, wenn sie sich über jede*n empören, der oder die das Verhalten des Polizisten kritisch hinterfragt.

Zum einen ist diese Haltung sicherlich auf die mediale Berichterstattung in Bezug auf den Fall zurückzuführen. Vor allem in den ersten Wochen hatten einzelne Presseorgane fragwürdige Informationen aus dem Polizeibericht ungeprüft übernommen. Dass ein Artikel unkritisch und schlecht recherchiert ist, bedeutet aber noch nicht, dass die Mehrheit der Leser*innen diesen auch gut findet. In diesem Fall kommt hinzu, dass die unsachliche Berichterstattung manche weit verbreitete Vorannahmen bestätigte. Dazu zählt die Annahme, dass eine Person, die von der Polizei erschossen wurde, dies auch verdient haben muss, oder dass Polizist*innen nur dann schießen, wenn ihnen keine andere Wahl bleibt.

Solche Reflexe haben zunächst etwas mit Identifikation zu tun. Wir alle haben eine konkrete Vorstellung von Polizist*innen. Wir haben ein ungefähres Bild ihrer Schullaufbahn, ihres Gehalts und sozialen Umfelds, ihrer physischen und psychischen Verfassung. Auch wenn die wenigsten wahrscheinlich wissen, wie besagter Polizist aussieht, so stellen die meisten sich ihn womöglich als Durchschnitts-Luxemburger vor. Er könnte unser Nachbar oder ein Familienangehöriger sein.

Bei dem getöteten Mann ist das Bild schon wesentlich weniger konkret. Für viele ist er wohl in erster Hinsicht ein Krimineller. Sich weitere Erfahrungshintergründe und Persönlichkeitszüge vorzustellen, fällt schwer. Eine solch ungenaue Vorstellung bietet sich gut an für unzählige Spekulationen und Projektionen. Nur so ist es zu erklären, dass nicht mehr Menschen angst und bang wird bei der Vorstellung, von einem Polizisten erschossen zu werden, nachdem man ein Haltesignal ignoriert hat. Falls besagter Polizist nicht aus Notwehr geschossen hat, dann könnte es theoretisch auch uns treffen, falls wir jemals etwa aufgrund eines Schlaganfalls die Kontrolle über unser Auto verlören.

Gegen die eigenen Vorannahmen anzukommen, fällt nicht leicht. Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse prägen uns wesentlich, auch wenn wir uns dessen nicht ständig bewusst sind. Je nachdem, in welche soziale Schicht man hineingeboren wurde, wird man sich wahrscheinlich sein Leben lang eher mit einem schießenden Polizisten als einem erschossenen Autofahrer identifizieren können. Die Fähigkeit, eigene Voranahmen zu hinterfragen, sollte deshalb möglichst früh und umfassend erlernt werden.

Institutionen wie Presse, Polizei und Justiz sollten zwar mit gutem Beispiel vorangehen, ein kritischer Geist innerhalb der Bevölkerung ist dennoch unabdinglich. Polizist*innen können Fehler machen und nicht alles, was in einem Polizeibericht oder einem Zeitungsartikel steht, entspricht der Wahrheit. Sowohl Korpsgeist bei der Polizei als auch Medien, die die Polizei als privilegierte Quelle behandeln, sind gut dokumentierte Phänomene. Eine blinde Autoritätshörigkeit steht einer gerechten Gesellschaft nur im Weg.

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