Womex: Im Rausch globaler Klänge

Vom 19. bis 23. Oktober fand die 22. Weltmusikmesse Womex (World Music Expo) im galizischen Santiago de Compostella mit mehr als 2.400 TeilnehmerInnen aus 95 Ländern statt. Die woxx hat mal reingehört.

Womex-Eröffnung mit Direktor Alexander Walter (Foto: ©Jacob Crawfurd)

Womex-Eröffnung mit Direktor Alexander Walter (Foto: ©Jacob Crawfurd)

Veranstaltet von Piranha Arts Berlin ist die Womex die weltweit größte, jährlich stattfindende Kontaktbörse für KonzertveranstalterInnen, Künstleragenturen, Plattenlabels, RadiomoderatorInnen, JournalistInnen und unabhängigen MusikerInnen aus dem Bereich der Weltmusik. Neben der eigentlichen Messe mit einer imposanten Anzahl von Ständen einschlägiger Firmen und Organisationen, der Tradefair, bot sie den FachbesucherInnen Filmveranstaltungen, Fachkonferenzen und 56 Konzerte, die zum größten Teil auch dem breiten Publikum zugänglich waren. Hier waren vor allem neue KünstlerInnen und Bands aus vier Kontinenten zu erleben; aber auch einige Legenden gab es zu bestaunen.

Welchen Sinn hat der Terminus „Weltmusik“ heute? Erfunden wurde er 1987 im Hinterraum einer Kneipe in London, wo 19 VertreterInnen kleiner, unabhängiger Plattenfirmen, Radio-DJs und JournalistInnen nach einem Begriff suchten, der Musik mit deutlich ethnischen Bezügen abseits der üblichen Kategorien klassifizieren könnte. Dahinter stand auch das kommerzielle Motiv, den Senegalesen Youssou N‘Dour im Plattenladen nicht zwischen Nena und Olivia Newton-John verstauben zu lassen, sondern Interessierten ein gesondertes Fach anzubieten. Als Weltmusik bezeichnete man sowohl psychedelischen Chicha aus Peru, als auch den algerischen Rai von Khaled und Feldaufnahmen balinesischer Gamelanmusik; ein breites und äußerst differenziertes Feld also, das die kulturelle Vielfalt der musikalischen Formen auf diesem Globus umschließen sollte und nicht oder nur unzureichend in die gängigen Kategorien „Pop“, „Blues“, „Folk“, „African“ oder „Latin“ passte. Schon damals gab es Diskussionen, wie sinnvoll dies sei und ob es sich bei dem ein Jahr zuvor erschienenen Paul Simon Album „Graceland“ um Weltmusik oder Pop handle. Diese Debatten kennt man aber auch aus anderen Bereichen. Ist Miles Davis‘ „Bitches Brew“ Jazz oder Rock? Kann man Karlheinz Stockhausen und Philip Glass unter Klassik subsumieren? Die Antwort findet sich im Ohr des Hörers/der Hörerin und im Zweifel steht im – hoffentlich noch vorhandenen – Plattenladen ein Exemplar in der einen und der anderen Abteilung. Kategorien sind immer nur Leitlinien und beinhalten selten strikte Abgrenzungen. Das ist also kein spezielles Problem der Weltmusik.

Weltmusik – ein schillernder aber nützlicher Begriff

Kein Zweifel über die Zugehörigkeit zur Weltmusik besteht bei traditioneller Koramusik aus Guinea, den Gesängen der kanadischen Inuit und – durchaus auch – irischen Fiddle-Klängen. Dass MusikerInnen Musik dieser Art elektrifizieren oder Rap einfügen oder der Senegalese mit der Irin gemeinsam musizieren, tut dem keinen Abbruch. Wenn unter Weltmusik alle Musik mit deutlich traditionellen oder ethnischen Bezügen zu verstehen ist, dann zählt der senegalesische Rapper dazu, solange man in seiner Musik Klänge aus dem Senegal wahrnehmen kann. Weltmusik spiegelt also die kulturelle Vielfalt musikalischer Äußerungen der ganzen Welt, abseits von – in der Regel von Medienmultis produzierten – global nivellierten Musikstilen. Der Begriff Weltmusik schließt das ganze globale Spektrum von Klängen ein, die man entdecken kann und er hilft, Entsprechendes aufzufinden; auch heute. Auf das Kulinarische übertragen ist Weltmusik eine lange Straße mit Restaurants, die Speisen aus allen Ländern anbieten; teils ganz ursprünglich, teils modern gekocht oder als Crossover. Da finden Freunde koreanischer Spezialitäten etwas, Neugierige, die gern Unbekanntes entdecken und auch erfahrene GenießerInnen, die Abwechslung lieben. Eine Abenteuerreise eben, bei der man alles mögen kann, aber nicht alles gleichermaßen lieben muss. Diese fantastische, noch existierende Vielfalt von lokalen und regionalen Traditionen ist bedroht durch uniforme globale Trends, die von mächtigen Vermarktern forciert werden. Diese Welt ist armselig, wenn wir nur noch wählen können zwischen McDonalds und Pizza Hut, Bud und Heineken. Genau dasselbe gilt für das Musik.

Noura Mint Seymali aus Mauretanien verkörpert die etwas zeitgenössischere Version der Weltmusik. (Foto: ©Jacob Crawfurd)

Noura Mint Seymali aus Mauretanien verkörpert die etwas zeitgenössischere Version der Weltmusik. (Foto: ©Jacob Crawfurd)

Die Eröffnungs- und Schlussveranstaltung der Messe sowie sechs Mittagskonzerte waren dem Fachpublikum vorbehalten. Die 45 öffentlich zugänglichen Abendkonzerte, mit einer Dauer von jeweils 45 Minuten, begannen um 21 Uhr und dauerten bis 1.30 Uhr; eine wahrhaft globale Klangorgie. Trotz hoher Adrenalinausschüttung war es nicht möglich alle Konzerte zu besuchen, da die Veranstaltungen an allen drei öffentlichen Abenden parallel an vier Orten stattfanden.

Die Showcases – 
Neue Trends und Evergreens

Durch „Locationhopping“ gelang es mir immerhin 30 Bands und KünstlerInnen mindestens kurzzeitig, oft aber auch in voller Länge zu besuchen. Hier meine subjektiven Höhepunkte: Den Künstler-Award erhielt in diesem Jahr die 76jährige, großartige Calypso Rose von den Karibikinseln Trinidad und Tobago, die mit ihrem aktuellen Album „Far from Home“ den fast vergessenen Calypso in die Gegenwart transportiert.

Es hat Tradition, dass die Womex einen Schwerpunkt bei den Konzerten auf das Gastgeberland legt. In diesem Jahr also Spanien mit Betonung auf den Norden des Landes, wo Santiago de Compostella liegt.

Vom spanischen Norden …

Der Galizier Xabier Diaz mit seiner Band aus elf Frauen, die zu Akkordeon- und Drehleierbegleitung singen und komplizierte Rhythmen auf Perkussionsinstrumenten schlagen, war ganz nah an den spannenden Traditionen seiner Heimatregion. Ganz ähnlich und sehr souverän präsentierte sich der längst etablierte Akkordeonvirtuose Kepa Junkera aus dem Baskenland bei der Eröffnungsveranstaltung mit seiner Band aus Mitgliedern aus dem ganzen Nordspanien. Erstaunlich war der Sänger Niño de Elche, der mit E-Gitarren- und Elektronikbegleitung einen expressiven Gesangsstil praktizierte, der auf dem Flamenco fußt aber ein ganzes Stück über diesen hinausreicht.

Aus dem Nachbarland Portugal kommt Gisela Joao, eine junge Fadosängerin, die mit großer Ausdrucksstärke und Charme ungekünstelt die Vielseitigkeit der Musik ihrer Heimatstadt Lissabon dokumentiert. Ganz zutreffend war ihre Korrektur des gängigen Klischees des Fado als trauriger Musik; weniger traurig, sondern intensiv im Gefühlsausdruck ist er, erklärte sie und bewies dies gleich bei ihrem Aufritt.

Calypso Rose - die Gewinnerin des Künstler-Awards der 16. Ausgabe der Womex. (Foto: © Eric van Nieuwland)

Calypso Rose – die Gewinnerin des Künstler-Awards der 16. Ausgabe der Womex. (Foto: © Eric van Nieuwland)

Den Norden Europas repräsentierte der Norweger Torgeir Vassvik, der den Gesangsstil der Sámi, der als Joik bekannt ist, zu Gehör brachte. Mit Gitarren-, Violin- und Cellobegleitung gelang ihm ein Konzert zwischen Tradition und experimenteller Moderne mit hoher atmosphärischer Dichte.

… über Palestina …

Der palästinensische Oudvirtuose Adnan Joubran, jüngstes Mitglied des renommierten Trio Joubran, wagte ein hochinteressantes, rhythmisch präzises und gelungenes Fusionsprojekt mit Flöte, Cello und zwei Perkussionisten irgendwo zwischen arabischer, indischer und europäischer Musik.

Nakany Kanté ist eine junge, neue, erfrischende Sängerin aus Conakry im westafrikanischen Guinea Conakry, die nicht nur im Ausland Eindruck macht, sondern auch in ihrer Heimat geschätzt wird. Bei ihrem Auftritt verband sie ruhige, gitarrengestützte Balladen mit druckvollem, bestens tanzbarem Afropop. José Mucavele ist ein Veteran, der mit ergreifendem Gesang und feinem Gitarrenspiel die klassische Musik Mosambiks vertritt. Schon in der Meilensteinformation der 1990er Jahre, dem Orchestra Marrabenta Star de Mocambique, war er tätig. Mit seinem Auftritt bewies er, dass diese Klänge auch heute nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ihr zweites Album hat gerade Noura Mint Seymali aus Mauretanien veröffentlicht, das sehr modern produziert wurde. Live stellte sie aber mit ihrem Quartett ein begeisterndes, bodenständiges Konzert auf die Bühne, in dem sie an der Tradition orientierte Kompositionen mit rockorientierter Besetzung und entsprechenden Arrangements überzeugend verband. Extrem druckvoll, mit Funk- und HipHop-Elementen ist die Musik des Kongolesen Jupiter und seiner Gruppe Okwess. Dieser Sound, der seine afrikanische Soundbasis keineswegs verleugnet, müsste problemlos auch ein europäisches Rockpublikum begeistern.

… nach Asien!

Drei aus Asien stammende Formationen deckten ganz unterschiedliche Richtungen ab. Das koreanische Quartett Black String der Wölbbrettzitherspielerin Yoon Jeong Heo tauchte koreanische Roots in ein Bad aus Jazz und energiegeladenen Rhythmen. Vor allem das perkussive Spiel der Bandleiterin auf ihrem klassischen Instrument war überraschend. Ganz traditionell war der, von Dutar-Laute und Gijak-Fiedel begleitete, Vortrag der Sängerin Gulzoda aus Usbekistan begleitet von Dutar-Laute und Gijak-Geige. Im Mittelpunkt stand ihr prägnanter Gesang, der in Intensität und Ausdruck Ähnlichkeiten zum spanischen Flamenco, dem portugiesischen Fado und dem pakistanischen Qawwali aufweist.

… und abschließend ein Besuch im Latein-Amerika.

Auf großer Bühne erschien Maia Barouh, die ihre Wurzeln in Japan und Frankreich hat. Ihr aktuelles Album verarbeitet ihren persönlichen Schock nach der Fukushima-Katas-
trophe. Live gelang ihr eine kraftvolle Performance, in der die japanischen Bezüge unüberhörbar waren, die sich aber vor allem modern elektronisch gestaltete.

(Foto: Yanis Psathas)

(Foto: Yanis Psathas)

Die Band Puerto Candelaria aus Kolumbien verbindet den Cumbia-
rhythmus mit Balkanklängen und hat die rumänischen Gypsyhelden Fanfare Ciocarlia auf deren letztem Album bei einem Stück begleitet. Bei ihrem Auftritt gegen ein Uhr nachts tanzte das ganze Festivalzelt, obwohl fast das gesamte Publikum seit bereits vier Stunden dem Konzertmarathon gefolgt war. Mit gleicher Intensität schaffte es Boogat zu gleichen Uhrzeit einen Tag später das Publikum zu begeistern. Die Bandmitglieder pendeln zwischen Mexico-City und dem kanadischen Montreal und verbinden Latinsounds mit Hip-Hop. Aus Argentinien kommt das Quinteto Bataraz. Mit Bandoneon, Violine, Piano, Gitarre und Kontrabass verknüpften sie argentinischen Folk und Tango. Ein akustischer Genuss.

Die sich spät einstellende tiefe Müdigkeit dämpfte die Enttäuschung, zahlreiche Acts verpasst zu haben. Wer interessiert ist, die Musik der hier angeführten MusikerInnen kennenzulernen, sollte am 16.11. ab 22 Uhr in die Womex-Sondersendung von Mondophon auf Radio Ara schalten. Die Sendung wird auch als Podcast verfügbar sein.

Im zweiten Teil geht es in der nächsten Woche um die Zukunft der Weltmusik auf Datenträger und in den Medien.

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