Zugang zu Hochschulbildung: A long way to happiness

Die Association Narin will Asylbewerber*innen den Zugang zu Hochschulbildung erleichtern. Der Weg zum Campus unterliegt jedoch oft der Willkür der Betreuer*innen.

Die NGO Kiron ermöglicht Asylbewerber*innen ein flexibles und selbstorganisiertes Online-Studium. (© Kiron)

Ahmed hat in Syrien Jura studiert. Nur wenige Semester trennten ihn vom Bachelorabschluss. Doch Ahmed und seine Geschwister mussten fliehen. Vor drei Jahren kamen sie nach Luxemburg. Heute sitzt er zunächst schweigend in einem der lichtdurchfluteten Räume der Universität Luxemburg und hört Stéphanie Neves Dias, Projektleiterin bei Association Narin, aufmerksam zu. Sie spricht über die NGO Kiron: Ein Hoffnungsschimmer für Asylant*innen, die ein Hochschulstudium aufnehmen oder weiterführen wollen.

2015 in Deutschland gegründet, ist Kiron mittlerweile in Ländern wie Jordanien, dem Libanon und Frankreich aktiv. Sie bietet Asylbewerber*innen, Binnenflüchtlingen und Flüchtlingen eine Auswahl kostenloser Online-Kurse aus dem regulären Bachelor-Vorlesungsverzeichnis internationaler Partneruniversitäten an, beispielsweise der Universidad de Madrid oder der Oxford University. Daraus erstellt sie modularisierte Studiengänge auf Englisch, die den europäischen Standards für Hochschulbildung entsprechen. Die Kurse sind über die Lernplattform Kiron Campus zugänglich. Teilnahmevoraussetzungen sind unter anderem der Nachweis des jeweiligen Status sowie Englischkenntnisse auf B1-Niveau.

Die NGO vergibt keine Diplome, dafür aber Teilnahmezertifikate, die die absolvierten Studienleistungen auflisten. Sie versteht sich als Lernangebot für all jene, die wegen ihrer Situation (noch) kein reguläres Studium aufnehmen können oder die Zeit bis zum Entscheid über ihren Asylantrag in Bildung investieren wollen. Ohne bewilligten Asylantrag kann man sich nicht auf einen regulären Studienplatz bewerben. Das Programm, es dauert in der Regel zwei Jahre, hilft, diese Zwischenzeit zu überbrücken. Kiron ermöglicht Asylbewerber*innen und Menschen mit Fluchthintergrund eine Starthilfe, um Sprachbarrieren, Studiengebühren, administrative Hindernisse und die strengen Auswahlverfahren an Universitäten erst mal zu überwinden – und ihre Zukunftspläne ohne Umschweife anzugehen.

Die Association Narin nahm 2016 Kontakt zu Kiron und der Universität Luxemburg auf. Zusammen arbeitete man einen Plan aus, um Kirons Angebot in Luxemburgs Hochschulwesen zu implementieren. In einem Learning Agreement mit Kiron ist definiert, welche Studienleistungen die Universität anerkennt, beziehungsweise welche digitalen Lerninhalte der Partneruniversitäten mit dem Angebot der Uni kompatibel sind. Nach erfolgreicher Immatrikulation können einem bis zu 60 ECTS-Punkte angerechnet werden. Momentan beschränkt sich das entsprechende Angebot der Uni.lu auf Computerwissenschaften und „Business and Economics“. Die Universität stellt mit dem Study Hub zudem einen Raum zur Verfügung, in dem die Studierenden Internetzugang haben und sich mit anderen Kiron-Teilnehmer*innen treffen können. Neves Dias begrüßt die Kooperation: Sie integriert die Kiron-Teilnehmer*innen ins alltägliche Campusleben. Joanna West, Inclusion Officer an der Universität, steht ihnen beratend zur Seite und sie können alle weiteren Angebote der Universität nutzen. Die ersten Einschreibungen (49, davon sind nicht alle Teilnehmer*innen aktiv) gab es 2018.

Neves Dias sieht das Programm als Ergänzung zum Gasthörer*innen-
studium, das Asylbewerber*innen ebenfalls offensteht. „Der Vorteil von Kiron ist die Flexibilität: Oft ist es ihnen wegen administrativer Termine und dergleichen nicht möglich reguläre Kurse zu besuchen. Die Online-Kurse sind hingegen jederzeit verfügbar. Jeder kann nach seinem Rhythmus studieren“, sagt sie. „Gleichzeitig ist die Teilnahme als Auditeur libre an der Uni.lu wichtig, um ein Verständnis des Kursablaufs zu erhalten, um Sprachkenntnisse zu vertiefen – und um sich auf ein reguläres Studium vorzubereiten. Wir raten zur Kombination beider Modelle.“

Auswirkungen auf das Bewerbungsverfahren hat das Fernstudium via Kiron nicht. In dem Moment, in dem sich die Studierenden mit Flüchtlingsstatus an der Uni.lu bewerben, müssen sie dieselben Anforderungen erfüllen und dieselben Prozesse (Anerkennung erbrachter Studienleistungen usw.) durchlaufen, wie andere ausländische Studierende auch. In dem Fall müssen sie die entsprechenden, homogenisierten Bildungsnachweise vorlegen oder ihre Kenntnisse bei fehlenden Qualifikationsbelegen durch eine „validation des acquis de l’expérience“ beweisen. Diese Variante wird erst seit dem überarbeiteten Universitätsgesetz (Juli 2018) appliziert. In puncto Studienfinanzierung gibt es keine spezifischen Regelungen. Es fallen die üblichen Semestergebühren (durchschnittlich zwischen 200 und 400 Euro pro Semester) an und es besteht Anspruch auf die geläufigen Finanzierungshilfen.

Weg zur Uni? Oft unbekannt

Ahmed hat lange zugehört, gelächelt, als über die Bemühungen der Universität, über ihre Offenheit gegenüber Flüchtlingen, Asylbewerber*innen und all jenen, die keinen linearen Bildungsweg verfolgt haben, gesprochen wurde. Doch dann bricht er sein Schweigen. „Ich habe die ersten Monate in Luxemburg Kurse in einer CLJA+ (Anm. d. R.: Classe d’insertion pour jeunes adultes) an einem Lycée besucht. Der Schwierigkeitsgrad war niedrig. Wir lösten simple Matheaufgaben anstatt relevante Fachbegriffe auf Französisch zu lernen“, erinnert er sich. „Der Kursleiter hat mir geraten, eine handwerkliche Ausbildung zu machen, hat gesagt, ich soll arbeiten gehen. Ich habe ihm gesagt, dass ich Jura studiert habe. Darauf ist er nicht eingegangen. Niemand hat mir zugehört. Es hieß immer nur, ich soll Französisch lernen und arbeiten gehen.“ Zwei Jahre ließ man ihn im Glauben, er habe keine anderen Möglichkeiten. Er fühlte sich vom Bildungssystem in eine Schublade gezwängt, in die er nicht passte.

Ahmeds Schwester durchlebt ein ähnliches Schicksal: Sie stand in Syrien kurz vor dem Sekundarschulabschluss. Jetzt besucht die Zwanzigjährige wegen unzureichender Sprachkenntnisse eine neunte Klasse – und wird von ihrem Wunsch, Apothekerin zu werden, abgebracht. „Das System hat ihren Traum zerstört“, bedauert Ahmed. „Niemand nimmt ihre Ziele ernst. Ich bin besorgt.“ Erst spät leitete ihn eine Lehrkraft an die Universität weiter. Er stieß auf Kiron und schrieb sich ein. Jetzt, wo er den Flüchtlingsstatus erhalten hat, will er sich im Wintersemester auf einen Studienplatz an der Uni.lu bewerben – und muss bei Null anfangen. Eine persönliche Erfahrung, die kein Einzelfall ist. Ignace, Bankkaufmann und Kiron-Teilnehmer aus Togo, berichtet Ähnliches. „Meine Sozialhelferin hat mich lange Zeit nicht ernst genommen, wenn ich nach Bildungsmöglichkeiten gefragt habe“, sagt er. „Erst als ich ihr meine Diplome gezeigt habe, hat sie mir nützliche Informationen zu Abendkursen gegeben.“ Die Anerkennung seiner Zeugnisse lief dann problemlos ab. Er besucht, neben dem Kiron-Studium, regelmäßig Abendkurse der Chambre des salariés. „Wenn du nicht von vornherein gut informiert bist“, stellt er fest, „ist es schwer die einzelnen Angebote kennenzulernen.“

Zwischen Theorie und Praxis

Aus einem Bericht von Eurydice zur Integration von Asylbewerber*innen und Flüchtlingen in die Hochschulbildung geht hervor, dass Luxemburg diesbezüglich über wenige spezifische Maßnahmen verfügt. So gibt es beispielsweise keine legalen Verpflichtungen für spezifische Anerkennungsprozeduren. Das Bildungsministerium verweist in dem Kontext nur auf die bereits erwähnte „validation des acquis de l’expérience“. Es seien weitere Prozeduren im Aufbau, um die Qualifikationen der Leute, die keine Dokumente vorweisen können, praktisch zu testen. Die theoretischen Kenntnisse werden von der Cellule d’accueil scolaire pour élèves nouveaux arrivants (Casna) geprüft, die sich generell um die Anerkennung der Studienleistungen von Lernenden aus dem Ausland kümmert. Im vergangenen Jahr hat der Service de la reconnaissance des diplômes 40 Hochschulzugangsberechtigungen von Menschen mit Fluchthintergrund anerkannt.

Auch die Universität Luxemburg ist nach eigenen Aussagen darum bemüht, spezifische Regelungen auszuarbeiten, um die Zugangs- und Teilnahmevoraussetzungen für alle nicht-traditionell Lernenden – darunter fallen auch Asylbewerber*innen und Flüchtlinge – zu vereinfachen. Man wolle ihnen ein Stück Normalität und Hoffnung auf eine bessere Zukunft schenken. Der Zugang zu Bildung spiele dabei eine wichtige Rolle. In den letzten zwei bis drei Jahren haben sich schätzungsweise 50 Studierende mit Fluchthintergrund, unabhängig von der Association Narin und Kiron, an der Universität immatrikuliert. Auf den Websites des Cedies, der Association Narin und der Universität sind Informationen zu Studienmöglichkeiten für Asylbewerber*innen und Flüchtlinge auf Englisch verfügbar. Das muss man aber erst mal wissen. Wenn die Studieninteressierten es bis zum Campus Belval geschafft haben, werden sie betreut und informiert. Nur ist der Weg dorthin für einige unbekannt.

Die Regierung tut momentan zu wenig Konkretes, um daran etwas zu ändern. Der Wille der Asylberwerber*innen, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, wird unzureichend unterstützt. Das geht aus den Gesprächen mit Flüchtlingen, Asylbewerber*innen und in dem Bereich engagierten Ehrenamtlichen hervor. Es sind meist Organisationen aus der Zivilgesellschaft, wie die Association Narin, die die Initiative ergreifen und zukunftsweisende Projekte ins System einführen. Das derzeitige staatliche System suggeriert indirekt, dass die Leute die Informationen selber zusammentragen müssen, trotz teilweise traumatisierender Erlebnisse, aufreibender Behördengänge, neuer Lebenssituationen und dem Alltag in Foyers. Es ist eine Schreibtischutopie. „Wenn immer neue Mauern um dich herum errichtet werden“, formuliert es Ahmed, „kannst du irgendwann nicht mehr. Egal, wie motiviert du warst.“ Er spielt auf seine Schwester an, die zunehmend den Glauben an eine bessere Zukunft verliert.

Es wäre sinnvoll, eine landesweite Informationskampagne in unterschiedlichen Sprachen zu starten. Auch um die wenig informierten Sozialarbeiter*innen und Kursleiter*innen für die Bildungsmöglichkeiten zu sensibilisieren. Der Informationszugang muss erleichtert werden. Es darf nicht sein, dass er – selbst wenn nur vereinzelt – der Willkür Außenstehender unterliegt. Es muss ein grundsätzliches Anliegen der Regierung sein, dass alle gut informiert eine Entscheidung über ihren Bildungs- und Berufsweg treffen können.


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