GASTON THORN: Der Pannenhelfer

Der verstorbene liberale Premierminister war auch Symbol für einen verspäteten Aufstieg Luxemburgs zu einer modernen Demokratie.

„Der richtige Mann zur richtigen Zeit“ – Jean Claude Junckers Fernsehrede anlässlich des Todes des früheren Premierministers Gaston Thorn hätte den Ton nicht besser treffen können. Diese Worte, aus dem Mund eines Politikers, dessen Karriere ironischerweise auch deshalb gefördert wurde, weil die CSV zur selben Zeit händeringend nach jungen, fähigen PolitikerInnen mit Biss suchte, um die Schmach der Oppositionsrolle möglichst schnell zu überwinden – sie klingen fast wie eine Wiedergutmachung für so manche Schläge unterhalb der Gürtellinie, die Thorn und seiner DP-LSAP-Koalitionsregierung in den Siebzigerjahren zugefügt wurden.

Ja, die lange Liste der in nur einer Legislaturperiode durchgeführten Reformen lässt bei erstem Hinsehen Bewunderung aufkommen. Sie zeigt auch, über welches Stehvermögen der Regierungschef von damals verfügt haben musste. Die schwere wirtschaftliche Krise, die vor allem auch den Staatshaushalt arg in Bedrängnis brachte, sie hielt die Koalitionäre der Legislatur 1974-79 nicht davon ab, wesentliche Punkte ihres Programms abzuarbeiten.

Auf den zweiten Blick muss man allerdings ernüchtert feststellen, dass viele der Reformen, insbesondere im gesellschaftspolitischen Bereich, überreif waren. Es ist für jene Generationen, die die CSV-Stehkragenpolitik der Nachkriegsjahre nicht bewusst miterlebt haben, heute kaum nachvollziehbar, dass scheinbare Selbstverständlichkeiten wie Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung oder die Gleichstellung von Mann und Frau in Luxemburg erst so spät umgesetzt wurden.

Thorn hat unsere Gesellschaft aus den paternalistischen Werner-Jahren in die nicht immer angenehme Realität der Achtzigerjahre geführt: Eine vielleicht emanzipiertere, aber von harten wirtschaftlichen Überlegungen geleitete Art, Politik zu betreiben. Die Aufbruchstimmung der Thorn- Regierung währte nur wenige Jahre. Ein Grund mögen die von der CSV-Opposition bis zum Gehtnichtmehr ausgeschlachteten Pannen gewesen sein – erinnert sei nur an den Aufruhr, der jeweils entstand, wenn aus dem maroden Gefängnis in Luxemburg-Grund wieder mal ein Gauner entwischte und mehr oder weniger namhafte christlich-soziale (Jung-)Politiker immer wieder den Rücktritt des LSAP-Justizministers Robert Krieps forderten.

Doch die Wirtschaftkrise, und vor allem die kräftig geschürte Stimmung einer angeblich unsicheren Zukunft, sie haben die CSV schnell wieder an die Macht gebracht – verjüngt und neu aufgestellt.

Dass 1979 lediglich die LSAP abgestraft wurde und Thorn und die DP – trotz der jahrelangen Flächenbombardements durch den damaligen Meinungsmonopolisten Luxemburger Wort – von den WählerInnen sogar noch mit Mandatsgewinn bedacht wurden, war nur ein schwacher Trost für die liberale Leitfigur. Die CSV war zurück. Und, wie es vielen – darunter wohl auch Thorn – schwante, für lange Jahre. Dass in dem kurzen Zeitfenster, das ihm und seiner Regierung gegönnt war, so viele Reformen zwar etwas schnell und wohl auch mit so manchen handwerklichen Fehlern durchgeführt wurden, stellte sich im Nachhinein in manchen Punkten als Glücksfall heraus: Auch eine CSV-geführte Regierung konnte nicht alles rückgängig machen – was freilich einen grundsätzlichen Hang zur Restauration nicht verhinderte.

Doch die CSV hatte dazugelernt und so manches, was sie vorher hart bekämpft hatte, das sich aber als „richtig“ erwies – wie Juncker jetzt eingestand – für sich vereinnahmt und weitergeführt. Insofern war Thorn auch ein Pannenhelfer für die große Volkspartei, die ob ihrer Klientel und ihrer inneren Versteifung selbstverständliche Reformen nicht zustande gebracht hatte.

Doch reformfähiger wurde die CSV dadurch nur bedingt. Denkt man an Politikbereiche wie die Schule oder den Wohnungsbau, in denen Thorns Koalition nur ansatzweise in die Gänge kam, und die 1979 nahtlos in die Obhut der CSV zurückgeführt wurden, dann sieht man, dass die CSV auch heute noch mehr aufs Aussitzen, denn auf Reformmut setzt. Insofern hätte man Thorn gerne ein zweites Mandat gegönnt.


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