NATIONALSOZIALISMUS: Orgie der Zerstörung

Christian Goeschel hat den „Selbstmord im Dritten Reich“ studiert und dabei auch die unterschiedlichen Motive der Menschen in den Blick zu rücken versucht. Sein an sich spannendes Thema hat der Historiker leider nicht befriedigend umgesetzt.

Eine Untersuchung über „Selbstmord im Dritten Reich“ scheint ein etwas irritierendes Unternehmen zu sein. Zunächst fallen einem all die Menschen ein, die, verfolgt von der bestialischen Mordmaschinerie der Deutschen, weit Schlimmeres zu befürchten hatten als den Tod. Hat man diesem Gedanken die nötige Zeit gelassen, stellt sich vielleicht die Frage, warum nicht unzählige glühende Anhänger des Nationalsozialismus nach dessen militärischer Niederlage, um den Sinn ihres Lebens gekommen, sich dasselbe genommen haben. Oder man erwartet sich ganz allgemein Auskunft über eine weitere Facette aus dem Innenleben der „Volksgemeinschaft“ und ihres Regimes, das der Historiker Frank Bajohr als „Zustimmungsdiktatur“ bezeichnet hat.

Der Anspruch, den der in England lehrende Historiker Christian Goeschel für seine Studie formuliert, geht sogar noch weiter. Der von ihm gewählte Untersuchungszeitraum umfasst sowohl die Weimarer Republik als auch den Nationalsozialismus bzw. dessen Zusammenbruch. Er stellt die Frage nach „Kontinuität und Diskontinuität“ bezüglich des Phänomens Selbstmord innerhalb der beiden Gesellschaftssysteme und will die individuellen Motive der Menschen genauso berücksichtigen wie den Umstand, dass sich die gesellschaftliche Tendenz in diesen Motiven bewusst oder unbewusst zur Geltung bringt.

Selbstmorde waren unter Männern zur damaligen Zeit nicht nur in Deutschland häufiger als unter Frauen. Dies veranlasst Goeschel zu der Frage, ob die Motive vielleicht unterschiedliche waren. So verweist der Autor gleich eingangs darauf, dass bei Männern nicht selten die Angst davor, bestimmten Rollenerwartungen nicht zu genügen, ein Auslöser für Selbsttötung war. Außerdem gibt er zu bedenken, ob man den Tod jener Menschen, die sich, von den Nazis verfolgt, das Leben nahmen, überhaupt als Selbstmord bezeichnen könne.

Für die Weimarer Zeit konstatiert Goeschel, dass es eine Korrelation zwischen dem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Zunahme der Selbstmorde gibt. Diese häuften sich insbesondere in den späten Zwanzigerjahren auch unter Frauen, denn mit deren zunehmender Erwerbstätigkeit änderte sich auch ihr Rollenbild. Wie die männlichen Deutschen empfanden sie Arbeitslosigkeit vermehrt als persönliche Niederlage. Recht bald wurde in den Zeitungen ein Zusammenhang zwischen Selbstmord und Urbanisierung sowie anderen Modernisierungsphänomenen hergestellt. Die Niederlage der Deutschen 1918, der Versailler Vertrag und die Säkularisierung wurden ebenfalls für die Selbst-
tötungen verantwortlich gemacht.

In ihrem Kampf um die Macht machten sich die Nationalsozialisten diese Argumentationsweise zu eigen. Hinter den genannten Phänomenen sahen sie die Juden verborgen; Hitler habe gar den Begriff „Freitod“ als Produkt „jüdischer Dekadenz“ verurteilt, so Goeschel. Nur ein nationalsozialistischer Staat war der Propaganda zufolge imstande, die Zahl der Selbstmorde und damit den Einfluss „jüdischen Geistes“ zurückzudrängen. Diese Vorstellung ergänzte sich gut mit der angestrebten „Volksgemeinschaft“; Selbstmord wurde nicht allein von den Nazis als Folge einer „Individualisierung“ gesehen, die durch den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Einzelnen zu überwinden sei. So war auch unter den Anhängern der KPD die Ansicht verbreitet, dass die hohe Selbstmordrate auf die Politik der Weimarer Republik zurückzuführen sei.

Die Zahl der Selbstmorde verringerte sich, nachdem die Nazis an die Macht gewählt worden waren, jedoch keineswegs. Allerdings, so Goeschel, lasse sich für die Zeit bis 1939 kein klares Muster erkennen. Nicht nur darüber geben die zur Verfügung stehenden Quellen, meist Polizeiberichte und Statistiken, kaum befriedigende Antworten. Fraglich bleibt auch, welche Menschen sich das Leben nahmen, weil sie verfolgt wurden – aus politischen Gründen, wegen ihrer sexuellen Orientierung oder weil sie den Nazis als Juden galten. Des Weiteren sei davon auszugehen, dass viele jener Morde, die die Nationalsozialisten innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager begingen, als Selbstmorde deklariert worden sind.

Ideologisch war die Haltung der Nationalsozialisten zum Selbstmord in diesen Jahren widersprüchlich. Einerseits betrieben sie die Euthanasie „rassehygienisch schwacher“ Personen, und in Bezug auf diese Gruppe wurden Selbstmord und Beihilfe gerne gesehen. Andererseits wollte der NS-Staat seine Verfügungsgewalt über das Leben bekräftigen, entsprechend wurde in der Presse des „Dritten Reichs“ betont, die Vorstellung, dass ein jeder „über seinen Körper und sein Leben frei entscheiden kann“, sei überholt.

Mit Kriegsbeginn sank die Selbstmordrate in Deutschland signifikant.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 und mit Entfesselung der nationalsozialistischen Kriegsmaschinerie sank die Selbstmordrate Goeschel zufolge signifikant: „ein Trend, der bis 1942 anhielt. In Zeiten deutscher Siege also nahmen sich weniger Menschen das Leben“. Für den Historiker ist dies jedoch kein Grund, einen Zusammenhang zwischen diesem Rückgang und der Identifikation mit der NS-Politik bzw. der „Volksgemeinschaft“ zu vermuten – im Gegenteil: „Entschieden verübte individuelle Selbstmorde ziehen dieses Argument in Zweifel und lassen statt dessen hervortreten, wie mächtig der NS-Terror war, mit dem die deutsche Bevölkerung im Zaum gehalten wurde.“

Es sind also nicht die Statistiken, als NS-Quellen durchaus problematisch, sondern die von Goeschel zitierten „beeindruckenden Fallbeispiele“, mit denen der Autor eines seiner Anliegen zu belegen versucht: Er will darauf aufmerksam machen, dass die unter Historikern „derzeit herrschende Meinung der Regimetreue und Kollaboration der Deutschen einer Revision bedarf“. Goeschel schreibt, basierend auf Abschiedsbriefen, dass „NS-Terror und die Furcht davor“ nach 1943 die Deutschen verstärkt in den Selbstmord trieb. Das Jahresdatum ist aber zugleich jenes, in dem sich der Verlauf des Krieges zur Ungunst Deutschlands entwickelte, wie Goeschel selbst bemerkt. Auch hier jedoch sieht er keinen Zusammenhang zwischen dem Kriegsverlauf und einer möglichen Desillusionierung unter den Anhängern des Nationalsozialismus.

Ein eigenes Kapitel widmet Christian Goeschel den Selbstmorden von Juden zwischen 1933 und 1945. Bereits unter dem Eindruck der so genannten „Machtergreifung“ habe es unter ihnen eine erste Selbstmordwelle gegeben. Die Rate sei immer dann gestiegen, „wenn die Nationalsozialisten direkte Aktionen starteten“, etwa das Novemberpogrom von 1938, als nicht nur Dutzende Juden ermordet wurden, sondern sich mindestens einige hundert das Leben nahmen. Auch anlässlich der verschiedenen Deportationswellen in die Vernichtungslager brachten sich Tausende um. Die Selbstmorde von Juden seien nicht zuletzt als Akt der Selbstbehauptung über Leben und Körper zu begreifen, wie Goeschel schreibt.

Mit der unmittelbar bevorstehenden militärischen Niederlage Deutschlands kommt es dann laut Goeschel zu regelrechten Selbstmordwellen, die ihm zufolge aber nur schwer zu beziffern sind. Diese „Selbstmordepidemie“ führt er insbesondere auf die Angst vor den russischen Soldaten zurück, die von der Nazi-Propaganda geschürt worden sei. Auch die Luftangriffe der Alliierten seien als Ursache zu nennen. „Für die meisten Deutschen wird die Unsicherheit über das Schicksal von Familienangehörigen am drängendsten gewesen sein“, so der Historiker. Zusammengefasst sei in den Wochen vor der deutschen Kapitulation „Selbstmord auch unter Deutschen zu etwas fast Alltäglichem geworden, so Goeschel, beispielsweise seien „die Selbstmordzahlen innerhalb der oberen Ränge von Partei und SS schier unglaublich“.

Anhand des Kapitels, das den „Zusammenbruch“ behandelt, zeigt sich deutlich nicht allein das leider nur sehr diffus ausgebildete Erkenntnisinteresse des Autors, sondern auch die damit verbundene theoretische Insuffizienz seiner Arbeit. Von sozialpsychologischen und anderen komplexeren Annäherungen an das Thema, wie etwa den Arbeiten Harald Welzers, zeigt sich Goeschel nicht inspiriert. So ist es auch wenig verwunderlich, dass ihm anlässlich seiner Überlegungen zum Selbstmord Hitlers nichts weiter einfällt als der Rekurs auf den Soziologen Max Weber und dessen 1922 geprägten Begriff von „charismatischer Herrschaft“. Es war wohl der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler, der vor Jahrzehnten als erster auf Max Weber rekurrierte, um die Bedeutung Hitlers für das „Dritte Reich“ zu analysieren. Andere, wie der britische Historiker Ian Kershaw, folgten ihm darin. Auch Goeschel schließt sich dieser Analyse an: Der Nationalsozialismus habe „weitgehend“ auf der „charismatischen Herrschaft“ durch Hitler basiert und war „dazu verurteilt, mit dem Tod seines Führers zu implodieren“.

Christian Goeschel schreibt von einer „Orgie der Selbstdestruktion“ und führt diese darauf zurück, dass viele Deutsche für sich angesichts des herannahenden Endes des Dritten Reiches keine Zukunft mehr sahen, „so als würde das Leben nach der Zerstörung des NS-Regimes unerträglich“. Mit Zahlen jedoch – der Historiker weist immer wieder auf die äußerst problematische Quellenlage seiner Arbeit hin – kann er seine These insbesondere in dieser historischen Phase nur noch sehr spärlich belegen. Gleichwohl gesteht er sich zu, aufgrund der ihm vorliegenden Abschiedsbriefe und mündlichen Überlieferungen, die im zufolge „heute gängige, simplifizierende These in Zweifel“ zu ziehen, wonach „die Nationalsozialisten die Deutschen kaum mit Terror hätten überziehen müssen, weil diese doch von sich aus und bis in die Endphase begeisterte Anhänger der NSDAP“ gewesen seien.

Es wäre interessant gewesen, wenn Goeschel seine eigene Recherche mit anderen Arbeiten aus dem betreffenden Themenbereich konfrontiert hätte, um die geforderte Differenziertheit auch für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen. Hierzu hätte sich etwa, der kurze, von dem Soziologen Theodor W. Adorno verfasste Text „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ angeboten. Darin kritisierte Adorno bereits im Jahr 1959 die „Illusion, daß das nationalsozialistische Regime nichts bedeutet hätte als Angst und Leiden, obwohl es das auch für viele der eigenen Anhänger bedeutete. Ungezählten ist es unterm Faschismus gar nicht schlecht gegangen. Die Terrorspitze hat sich nur gegen wenige und genau definierte Gruppen gerichtet“.

Adorno reflektierte in diesem sozialpsychologisch orientierten Text nicht zuletzt die Bedeutung, die Führerfigur und Volksgemeinschaft vor allem für jene autoritätsgebundenen Charaktere hatte, denen ein Großteil seiner eigenen empirischen Untersuchungen gegolten hat: Diese verfügten über ein schwaches Ich und identifizierten sich daher „mit realer Macht schlechthin“; sie bedürften der „Identifikation mit großen Kollektiven und der Deckung durch diese“. Die nationalsozialistische Gesellschaft, so Adorno, habe sich gewissermaßen durch einen kollektiven Narzissmus ausgezeichnet. Goeschel hätte sich hier beispielsweise die Frage stellen können, ob und wie sich diese sozialpsychologische Perspektive mit seinen Beobachtungen deckt, wonach es mit Kriegsbeginn zu einem deutlichen Rückgang der Selbstmorde in Deutschland gekommen ist. Durch die militärische Niederlage des NS-Regimes sei der kollektive Narzissmus der Deutschen dann zwar „aufs schwerste geschädigt worden“, so Adorno. Eine zu erwartende Massenpanik oder auch ein wirklicher Massenselbstmord, wie er beispielsweise bei verschiedenen Sekten mit dem Zerbrechen der kollektiven Identifikationen einhergegangen ist, blieb jedoch aus. Auch Goeschels Studie kann hier nichts anderes belegen. Für Adorno ließ dies nur den beunruhigenden Schluss zu, dass „insgeheim, unbewußt schwelend und darum besonders mächtig, jene Identifikationen und der kollektive Narzißmus gar nicht zerstört wurden, sondern fortbestehen“.

Solcherlei Reflexionen bleiben in Christian Goeschels Studie unberücksichtigt. Nicht zuletzt aufgrund der problematischen Quellenlage, die zu einem wesentlichen Teil aus Aktenbeständen der diversen NS-Behörden stammt, gibt sein Buch über den „Selbstmord im Dritten Reich“ auch als Materialsammlung nicht allzu viel her. So bleibt der Erkenntnisertrag des Buches leider eher bescheiden.

Christian Goeschel – Selbstmord im Dritten Reich. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber. Suhrkamp Verlag, 338 Seiten.


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