SELBSTFINDUNG: Inselidylle mit Rissen

In ihrem Roman „Sturz der Tage in die Nacht“ liefert Antje Rávic Strubel eine Variation des Ödipus-Themas und verbindet diese mit einer atmosphärisch dichten Naturbeschreibung.

Betörende Sprache: Die Autorin Antje Rávic Strubel.

Antje Rávic Strubels Bücher sind en vogue. Spätestens nach „Tupolew 134“ (2004) und „Kältere Schichten“ (2007) ist die in Potsdam geborene Autorin im Gespräch. Im letzten Jahr gelangte ihr Roman „Sturz der Tage in die Nacht“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Ihr Buch spaltet das Feuilleton. Während einigen ihre Geschichte zu konstruiert und überfrachtet scheint, fesselt die anderen Rávic Strubels nüchtern-kunstvolle Sprache. Derzeit ist die Autorin auf Lesereise und gab auch schon ein Stelldichein im Literarischen Salon in Köln, der von Navid Kermani und Guy Helminger moderiert wird.

„Es hatte begonnen, wie es immer beginnt. Es beginnt auch jetzt noch immer“, lauten die Anfangssätze des Romans, die zunächst eine gewöhnliche Liebesgeschichte versprechen und dennoch andeuten, dass eben Ungeheuerliches geschah. Erik steht auf der Fähre zwischen blitzenden Kameras und drängelnden Journalisten und blickt sehnsüchtig zurück auf das Geschehene, prägt sich die Konturen der verschwindenden Insel ein. „Auf der Fähre auf dem Weg zurück verschwimmen die Zeiten. Der Schiffsmotor stampft. Er lässt die Sitze und die festgeschraubten Tischplatten vibrieren, er scheint die Abfolge der Ereignisse durcheinanderzuschütteln.“ Ebenso könnte ein nordischer Krimi oder ein Tatort beginnen. Vor seinem Studium reist Erik nach Tora Karlsö, um sich eine Auszeit zu nehmen. Ein klassischer Selbstfindungstrip zu einem fast menschenlosen Ort, einem Naturreservat, einer Vogelinsel. Dort trifft er auf die Ornithologin Inez, die selbst in die Abgeschiedenheit floh, um neben den Vögeln auch sich zu behüten. Bald bahnt sich eine Affäre an – zwischen Mutter und Sohn. Doch niemand von beiden weiß von den verwandtschaftlichen Banden.

Dass der Stoff nicht zur Kolportage wird, liegt an der Sprache, die nicht bedeutungsschwer ist.

Rávic Strubel bedient sich des antiken Ödipus-Motivs; sie verwebt den Stoff mit detailreichen Naturbeschreibungen und über weite Strecken mit Rückblicken. Die führen in die Vergangenheit der Vogelforscherin in der DDR, zwischen Wartburgs, Lauben und Jugend-Liebschaften und verdreckten WG-Partys voller Halbstarker, um dann den Stoff zu einer
spannenden Liebesgeschichte zu spinnen.

Das Buch liest sich wie ein Krimi. Denn nebst Erik ist ein zwielichtiger Typ namens Rainer Feldberg auf die Insel gekommen, der Inez‘ Vergangenheit mitgebracht zu haben scheint und sie beschattet. Erst nach und nach, in zahlreichen Einschüben, entwirrt sich dessen Rolle.

Die Handlung mutet zunächst seicht an, die Figurenkonstellation wirkt etwas konstruiert. Symbolisch zu stark aufgeladen ist auch die Affäre zwischen Mutter und Sohn. „Die Vögel waren wieder lauter geworden. Sie kamen näher, kreisten tiefer über den Köpfen, stießen dicht über den Felsen herab. Dann sah ich die Jungvögel. Kleine Ballen, die von den Felsvorsprüngen rollten.“ Der Lummensturz, ein Initiationsritus, bei dem die jungen Vögel aus dem Nest geworfen und im freien Fall die Felswand hinuntergeschmettert werden, wird zum Schlüsselmotiv. Denn auch Erik wurde 25 Jahre zuvor von Inez weggegeben.

Die Konstruktion des Romans funktioniert dennoch. Dass der Stoff nicht zur Kolportage wird, liegt an der Sprache, die nicht bedeutungsschwer ist, sondern nüchtern, melancholisch, detailreich und beinahe ohne Kitsch.

Rávic Strubel trifft also meist den Ton. Allein ihre Beschreibungen der DDR und der Wende wirken mitunter hölzern und überspannt: „In gespenstischen Bildern von spachtelbewährten Männern, die Bröckchen aus der Mauer schlugen, manifestierte sich der Abbau der gelebten Wirklichkeit, in Gestalt windiger Versicherungsvertreter zeigte sich die Unsicherheit über die kommende.“ Doch auch wenn sie hier die Tonalität nicht trifft, wirken die Passagen über Inez‘ DDR-Vergangenheit eher als schräge Hintergrundmusik, die den Lesegenuss nicht trüben. Denn „Sturz der Tage in die Nacht“ ist kein ambitioniertes DDR-Melodram, wie etwa Julia Francks „Rücken an Rücken“.

In einer mitreißenden und dennoch unaufdringlichen Sprache schafft die Autorin eine Atmosphäre, die einen in die raue Welt der ostschwedischen Vogelinsel entführt. Ihr Buch ist nicht allein so fesselnd, dass man es nicht mehr weglegen möchte; ihre Bilder lösen Unruhe aus und hinterlassen eine unbestimmbare Sehnsucht. Es sind Naturbeschreibungen, die sich im Kopf einprägen – in einer melancholischen metaphernreichen Sprache, die noch lange nachhallt.

Antje Rávic Strubel –
Sturz der Tage in die Nacht.
S. Fischer Verlag, 448 Seiten.


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