JORDANTAL: The Glorious Land

Wasser gibt es im Westjordanland eigentlich ausreichend, weshalb die Exportlandwirtschaft ein profitables Geschäft ist. Vom Wassersegen ausgeschlossen sind die palästinensischen Bauern, die ihre Felder wegen der Besatzung nicht bewässern können. Ein Reisebericht.

Im Hintergrund: Die Ziegenherde der Rashidehs. Die Mischtröge dienen zur Herstellung von Lehmziegeln. Die Aktivisten vom „Jordan Valley Solidarity Movement“ wollen hier ein neues Haus für die Rashidehs bauen. Eigene Wasserinfra-strukturen sind nicht erlaubt.

Die Straße von Nablus ostwärts in Richtung Jordan führt durch eine hügelige, karge Landschaft. Es ist Anfang April, bis November wird es nur noch selten regnen und die Temperatur tagsüber nicht selten auf 40 Grad Celsius ansteigen. Die zartgrüne Steppe wird sich dann gelb verfärbt haben und das Geröll an den Straßenrändern noch staubiger sein. Trotzdem gilt die Gegend als Kornkammer des Westjordanlands: Der Boden in den Ebenen bleibt dank des Grundwasserreichtums das ganze Jahr über fruchtbar.

Patrick Clark*, ein 30-jähriger Ire mit kurzen roten Locken und von der Sonne geröteter Haut, sitzt vorne im Bus. Er ist Freiwilliger beim „Jordan Valley Solidarity Movement“, das sich aus einem Netzwerk von Unterstützern im Ausland und einem harten Kern von internationalen und einheimischen Aktivisten vor Ort zusammensetzt. „Wir sind keine NGO sondern eine Bewegung“, betont er fortwährend. „Wir dokumentieren die Aktivitäten der israelischen Armee in den besetzten Gebieten und organisieren friedlichen Widerstand gegen ihre Präsenz. Und wir verweigern jegliche Zusammenarbeit mit Organisationen, Regierungen und Firmen, die in irgendeiner Form dazu beitragen könnte, die Besatzung erträglicher zu machen und sie dadurch zu normalisieren.“

Patrick bittet Nour, unseren palästinensischen Fahrer, am Straßenrand zu halten. Draußen blicken wir blinzelnd über die Hügel bis nach Jordanien. Die vormittägliche Frühlingssonne ist erbarmungslos ? es fällt mir schwer, mich auf Patricks Erklärungen zu konzentrieren. Neben uns steigen drei junge Russen aus einem Sportwagen. Sie fotografieren sich gegenseitig vor der spektakulären Kulisse, verschwinden aber schnell wieder in ihr hoffentlich klimatisiertes Auto. „Wirtschafts-Siedler“ werden Leute wie sie genannt ? in Abgrenzung zu jenen Siedlern, deren Motivationen politisch-religiös sind. Sie leben in israelischen Siedlungen in dem seit 1967 besetzten Westjordanland, weil sie sich die teuren Mieten in Tel Aviv nicht leisten können und als Siedler staatliche Hilfen erhalten.

Aber es sind weniger die Siedler als vielmehr große Landwirtschaftsbetriebe, die Patrick beschäftigen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger macht er uns auf die grünen und weißen Flächen in der dunstigen Ebene vor unseren Füßen aufmerksam und erklärt: „Im Jordantal haben israelische Firmen Hunderttausende Dattelpalmen angebaut. Und unter den weißen Plastikplanen der Gewächshäuser dort unten wachsen Paprikas, Gurken, Tomaten, Erdbeeren, Zitrusfrüchte, Weintrauben und Schnittblumen. Die Produkte sind hauptsächlich für den Export nach Israel oder Europa bestimmt.“ Patrick weist uns darauf hin, dass Firmen, wie zum Beispiel Agrexco und Arava Export Growers, gegen internationales Recht verstoßen, weil sie wirtschaftlich von der Besatzung profitieren. Seine Botschaft an unsere Reisegruppe ist daher klar: „Boykottiert die Produkte aus den Siedlungen“.

Nahostkonflikt im Supermarkt

Aber so einfach ist das gar nicht. Nach meiner Rückkehr aus Israel versuche ich herauszufinden, ob es auch in luxemburgischen Supermärkten und Bioläden Obst und Gemüse aus den besetzten Gebieten zu kaufen gibt. Nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 2010 dürfen Waren, die in den besetzten palästinensischen Gebieten produziert werden, nicht unter dem Label „Made in Israel“ verkauft werden. Das Urteil wird aber weder von Israel respektiert noch von der EU politisch durchgesetzt. Ich telefoniere mit François Liégeois, der sich bei der Supermarktkette „Cactus“ um den Einkauf bei Zulieferern kümmert: „Eine solche Transparenz bräuchten wir unbedingt. Momentan ist es für uns kaum möglich, den Ursprung israelischer Waren genau festzustellen. Wir müssen den wenig präzisen Angaben der Zwischenhändler vertrauen.“ Da die Kunden aber immer wieder gegen israelische Produkte in den Supermarktregalen protestiert hätten, sei man bei Cactus dazu übergegangen, möglichst wenig israelische Produkte ins Sortiment zu nehmen: „Wenn vorhanden, ziehen wir gleichwertige Waren aus anderen Ländern vor, um uns so weit wie möglich aus dem politischen Konflikt herauszuhalten.“

Auch die „Bio-Bauere-Genossenschaft“ (BIOG), die unter ihrem Label Importprodukte aus Israel verkauft, hat es schwer, sich ein klares Bild zu verschaffen. Katharina Anton hat, wie sie es nennt, „Detektivarbeit“ geleistet. Sie hat Agrexco und andere Zulieferer vor ein paar Jahren selber kontaktiert: „Wir wollten wissen, wo die Bauern ihre Felder haben. In Bio-Geschäften ist es üblich, dass solche Informationen zur Verfügung stehen.“ Die Zulieferer hätten ihr mündlich zugesichert, dass ihre Bauern nicht in den besetzten Gebieten aktiv seien. Aber konkrete, schriftliche Informationen seien nicht herausgeben worden. „Aus Sicherheitsgründen. Was ich irgendwie auch verstehen kann. Vielleicht benutzt jemand die Adressenlisten der Bauern für Anschläge.“ Der BIOG-Geschäftsführer Änder Schanck beschreibt die Situation als Dilemma: „Wir wollen Israel nicht pauschal boykottieren. Aus Protest gegen die Informationspolitik der Exportgesellschaften haben wir vor ein paar Jahren einfach alle Produkte aus dem Sortiment genommen. Aber da hat sich der israelische Konsul, der Kunde bei uns ist, eingeschaltet.“ Schließlich sei ein solcher Boykott nicht gerechtfertigt, begründet Pierre Schneider, der Honorarkonsul für Israel in Luxemburg, sein Einschreiten. Und das gilt für ihn auch, wenn es um Produkte aus den besetzten Gebieten geht: „Schließlich hängen an der Exportwirtschaft unheimlich viele Arbeitsplätze. Mit einem Boykott würde man doch in erster Linie die arabischen Arbeiter und ihr Einkommen treffen.“

Oase mit Eingangsgitter

Zurück ins Jordantal: Wir bleiben kurz vor der Siedlung Massu’a stehen, einer Gemeinschaft von etwa 150 Siedlern, die bereits 1969 gegründet wurde und heute einer kleinen Oase in der umliegenden Wüstenlandschaft gleicht. Durch das Eingangsgitter sehen wir englischen Rasen, gepflegte Schotterwege, schicke Autos. Auch ein Schwimmbad gibt es. Auf der anderen Straßenseite liegt eine Dattelplantage, die den Siedlern gehört. Neben der Plantage leben palästinensische Familien in heruntergekommenen Zelten. Zwei Traktoren mit Anhängern fahren vorbei. Auf der Ladefläche transportieren sie Arbeiter. Etwa 10.000 Palästinenser arbeiten im Westjordanland in den Landwirtschaftsbetrieben von Siedlern, meistens als Tagelöhner.

Von der makellos asphaltierten Hauptstraße biegen wir auf einen Landweg ab. Irgendwann gibt Nour wegen der vielen Schlaglöcher auf. Zu Fuß machen wir uns in der Hitze auf den Weg zu einer Familie, den Rashidehs, die in Fasayil al Wusta, abseits der kleinen Dorfgemeinschaft von Fasayil, lebt. Der älteste Sohn kommt uns entgegen und entschuldigt seinen Vater, der leider unterwegs sei. „Es wäre respektlos, wenn wir das Grundstück trotz seiner Abwesenheit betreten“, übersetzt Patrick. Also winken wir von weitem den Kindern zu, die neugierig aus einer Zelttür lugen, und unterhalten uns mit dem Bruder. Ihr Haus ist erst vor wenigen Wochen von der israelischen Armee abgerissen worden. Patrick zeigt auf einen Haufen Lehmziegel, auf Schubkarren und Mischtröge: „In ein paar Wochen starten wir hier wieder eine Aktion mit internationalen Freiwilligen und der Dorfgemeinschaft. Wir stellen die Ziegel aus Lehm her und bauen das Haus wieder auf. Kurz darauf kommt dann ein neuer Abrissbescheid. Dann kann es Tage, Wochen oder Monate dauern, bis der Bagger kommt.“

Die Rashidehs haben eine Ziegenherde, die auf den kargen Hügeln in der Umgebung grast. Landwirtschaftliche Aktivitäten sind schon seit Jahren wegen Wassermangels nicht mehr möglich. Eigene Zisternen oder Regentonnen sind den Einheimischen nicht erlaubt und wurden von der Armee zerstört. Jetzt muss die Familie ihr Wasser bei dem israelischen Wasserunternehmen Mekorot kaufen und mit einem kleinen Tankwagen an einer Sammelstelle abholen. Auch einen Anschluss an die Wasserleitungen, die das benachbarte Massu’a, wie wir sehen konnten, großzügig versorgen, gibt es für die Menschen aus Fasayil nicht. „Selber einen exportorientierten landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, ist für die Palästinenser unter solchen Bedingungen illusorisch. Israel hat hier ein Apartheid-System aufgebaut“, so Patrick.

Wasserreichtum vs. Wasserarmut

Nach Schätzung des Weltbankberichts „Assessment of restrictions on Palestinian Water Sector Development“ behindert Israels Wasserpolitik die landwirtschaftlichen Aktivitäten der Palästinenser in solchem Maße, dass jährlich ein Schaden von bis zu 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts entsteht und 100.000 Arbeitsplätze nicht geschaffen werden können. In einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2009 („Troubled Waters. Palestinians denied fair access to water“) finde ich einige Erklärungen für die Situation, die uns Patrick vor Ort gezeigt hat: In den ausschließlich von Israel kontrollierten Zonen des Jordantals (fast 90 Prozent der Fläche) werden alle Wasserfragen qua Militär-Erlass geregelt. Für neue Infrastrukturen oder Reparaturen sind Genehmigungen notwendig, die aber systematisch verweigert werden. Seit 1967 wurde 13 palästinensischen Anträgen zum Bau von Wasserinfrastrukturen im Westjordanland stattgegeben. Während die etwa 10.000 Siedler in der Region täglich pro Kopf 300 Liter Wasser verbrauchen, stehen der palästinensischen Landbevölkerung, Amnesty-Informationen zufolge, durchschnittlich 70 Liter zu. Die Weltgesundheitsorganisation setzt den Mindestbedarf aber bei etwa 100 Litern an. Die Strategie hat Erfolg: Die Menschen verlassen ihr Land, ziehen in die Städte. Mittlerweile leben fast 80 Prozent der Palästinenser aus dem Jordantal in der größten Stadt der Region, Jericho.

Wir steigen wieder in unseren Bus. Nour hat versucht, das Fahrzeug im Schatten eines einsamen Baumes abzustellen, muss den Platz aber mit einer kleinen Ziegenherde teilen. Drinnen erwarten uns Saunatemperaturen. Langsam holpern wir im Rückwärtsgang über den schmalen Schotterweg. Kurz vor Massu’a erreichen wir wieder die Asphaltstraße. Nour gibt Gas, die Klimaanlage beginnt ihre Arbeit. Unser Ziel ist Akko, eine kleine Stadt an der Mittelmeerküste. Etwa 140 Kilometer liegen vor uns.

Wir fahren auf der „Route 90“. Auf den Straßenschildern steht auch „Gandhi Route“. Nämlich zu Ehren des ehemaligen israelischen Tourismusministers Revaham Ze’evi, dessen Spitzname Gandhi war – nicht aus politischen Gründen, sondern weil er als Student einmal mit rasiertem Kopf und in ein Bettlaken gehüllt auftrat. Der rechtsextreme ehemalige General Ze’evi wurde 2001 in Jerusalem von palästinensischen Gegnern des Oslo-Abkommens erschossen. Er war einer der prominentesten Befürworter eines „Groß-Israel“. Wiederholt hat er sich dafür ausgesprochen, die etwa drei Millionen Menschen im Westjordanland in die arabischen Nachbarländer umzusiedeln.

Die „Route 90“ verläuft parallel zum Jordan. Der Fluss der von den Golanhöhen im Norden bis zum Toten Meer im Süden fließt, ist in den letzten 40 Jahren zu einem schmutzigen Rinnsaal geworden: Im Norden leiten sowohl Israel als auch Syrien und Jordanien große Mengen Wasser ab, und was danach zufließt, sind vor allem ungeklärte Abwässer. Aber sehen können wir den Jordan nicht. Er verläuft in einem Graben, und eine etwa 300 Meter breite militärische Pufferzone – größtenteils vermintes Sperrgebiet – trennt die Straße vom Ufer.

Den Checkpoint an der israelischen Grenze passieren wir ohne Komplikationen. Eine lächelnde Soldatin steigt kurz in unseren Bus und gibt sich mit einem prüfenden Blick in unsere müden Gesichter und Nours knappen Aussagen zufrieden. Keine zwei Minuten hinter der Grenze ändert sich das Landschaftsbild abrupt. Anstelle von Wüstenflächen ziehen Weizenfelder und Laubwälder vorüber. Ich setze meine Kopfhörer auf. Die Wahl fällt, wie schon an den vergangenen Abenden, auf ein Album von PJ Harvey. „Let England Shake“ ist ihre Abrechnung mit den sinnlosen Kriegen einer stolzen Nation. Draußen wird es dunkel, und Polly Jean singt in mein Ohr: „How is our glorious country ploughed? Not by iron ploughs. Our land is ploughed by tanks and feet, feet marching… How is our glorious country sown? Not with wheat and corn…“

* Name von der Redaktion geändert.
Die Autorin ist freiberufliche Journalistin und war zwischen dem 1. und 10. April im Rahmen einer vom „Comité pour une Paix Juste au Proche Orient“ organisierten Studienreise mit einer Gruppe von Politikern, Journalisten, Lehrern und interessierten Bürgern aus Luxemburg in Israel und dem Westjordanland. Weitere Etappen der Reise waren Jerusalem, Bethlehem, Hebron, Ramallah, Nablus, Akko und Haifa.


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