FEMINISMUS: Echtzeitsex gegen das Kapital

Die Frau hat den ihr zugewiesenen Rollen- und Körperbildern zu entsprechen, wenn sie nicht ökonomisch und sozial untergehen will: Laurie Pennys Traktat „Fleischmarkt“ wütet gegen die männlich dominierte Geschlechternormierung und die damit verbundene Ausbeutungsstruktur.

Will den Feminismus wieder in eine radikale Gesellschaftskritik überführen: Die britische Autorin Laurie Penny.

Das letzte Jahrzehnt hat uns in Büchern wie „Wir Alphamädchen“, „Feuchtgebiete“ oder „Die neue F-Klasse“ mit einem zeitgenössisch-ironischen, individualistischen und selbstanalytischen „Feminismus“ konfrontiert, dem es an Wut, politischem Kampfgeist und an materialistischer Analyse fehlte. Den Autorinnen der genannten Bücher ging es vielmehr um individuelle Selbstermächtigung von Frauen beim Sex oder bei der Arbeit als um die Kritik gesellschaftlicher Bedingungen und deren Auswirkungen auf die Frau.

Das 120-seitige Manifest der 25-jährigen britischen Autorin, Journalistin und Bloggerin Laurie Penny hebt sich hiervon deutlich ab: Penny schlägt mit einer materialistisch-feministischen Analyse der Gesellschaft einen ganz anderen, an die Siebzigerjahre erinnernden, klassenkämpferischen Ton an. Penny, die sich als Utopistin und Sozialistin begreift, beschreibt im Kontext von Sexualität, Essstörungen und unbezahlter Hausarbeit, wie sehr der Kapitalismus in den westlichen Gesellschaften auf den „Frauenkörper“ zugreife.

Von der Schönheits-, Musik-, Diät-, Mode- und Pornoindustrie als „kommerzielle Ressource“ benutzt, aber auch als Ressource für unbezahlte Haus – und Betreuungsarbeit, sichert das „weibliche Fleisch“ für Penny, das „Überleben der modernen Ökonomien“. Mittels eines eng gefassten Repertoires von Körperbildern, das Frauen suggeriere, „nicht jung genug, schlank genug, hellhäutig genug und willfährig genug“ zu sein, werden sie zu „Akten von Konsum und Selbstdisziplinierung“ gezwungen. Ein „natürliches“ Körperempfinden ist für Penny dabei unmöglich, da gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen in die Körperideale eingeschrieben sind.

Problematisch ist hierbei, dass die Autorin im gesamten Text ein „weibliches“ Subjekt konstatiert, ohne auf Differenzen hinsichtlich der ökonomischen und sozialen Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe und der Umsetzung gesellschaftlich konstruierter Ideale einzugehen. Dass viele Frauen bereit sind, das „Spielchen mitzuspielen“, sich den gängigen Körpernormen zu unterwerfen, zum eigenen Körper ein kritisches statt liebevolles Verhältnis zu entwickeln und „die Bestandteile ihres eigenen Geschlechts“ käuflich zu erwerben, begründet die Autorin mit einer Angst vor sozialen Konsequenzen und davor, nicht mehr als Frau wahrgenommen zu werden. Zudem seien die Schablonen von Weiblichkeit so weit verinnerlicht, dass damit zusammenhängende Herrschaftsmechanismen unsichtbar geworden sind. Dass im Neoliberalismus Körperpraxen allgemein unter dem Diktat von individueller Selbstverwirklichung und Freiheit stehen, verschleiere für Penny zusätzlich die Mechanismen der Unterdrückung.

Ein „natürliches“ Körperempfinden ist für Penny unmöglich, da gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen in die Körperideale eingeschrieben sind.

Vor allem der sexuelle Frauenkörper und Sexualität allgemein entkommen nicht den Regeln des Marktes – so lautet Pennys These im ersten Kapitel. Eine flächendeckende Sexualisierung in den Medien, eine Pop- und Konsumkultur, die pornografische Stilelemente integriert habe, sowie eine Mainstream-Pornobranche, die ritualisierte Sex-Akte und Stereotype produziere, sind für sie die Ursachen einer um sich greifenden „Selbstverdinglichung“ junger Frauen und Männer. Attraktivitäts- und Sexyness-Standards werden für Penny verinnerlicht und nachgeahmt, Produkte der Sex-Industrie konsumiert, „erotisches Kapital“ gebildet, um nicht ökonomisch und sexuell ausgeschlossen zu werden.

Der eigene Körper kann immer dann zum eigenen Feind werden, wenn er nicht in vorgefertigte Schablonen passt. Dabei kommt den Einzelnen diese „Entfremdung“ von ihrer erotischen Identität Penny zufolge gar nicht zu Bewusstsein, weil ja alles unter dem Diktat „freier Wahl und Selbstermächtigung“ stehe. Leider führt sie die ästhetischen Unterschiede der weiblichen und männlichen Körperbilder nicht weiter aus, weist aber darauf hin, dass Frauen per se stärker sexualisiert werden als Männer. Frauen gelten als jederzeit verfügbar, sollen selbst aber so wenig wie möglich sexuell konsumieren dürfen und werden zu „Huren“ abgestempelt, wenn sie ehrgeiziges Begehren zeigen. Die Monetarisierung von Sex und Erotik geht für Penny insgesamt auf Kosten von authentischer Körperlichkeit, Lust und Intimität. Dieser „Echtzeitsex“ bedrohe das Kapital, weil es nicht massenhaft produziert werden könne.

Welche Patholgien und Schmerzen der Diskurs um die gesellschaftlichen Ansprüche an den Körper bei Frauen, aber zunehmend auch bei Männern verursachen kann, reißt Penny im Kapitel über Essstörungen an. Ob Anorexia oder Bulimie – sie sind für die Autorin ein Zeichen der „Unterwerfung unter die Verdinglichung“ und eine Reaktion auf den „Schönheitsfaschismus“. Doch statt diese Krankheiten, wie die breite Öffentlichkeit, als ein Nebenprodukt des Star- bzw. Schönheitskultes zu sehen, bei dem es nur darum gehe, so dünn und schön zu sein wie ein Model, sieht sie in diesen Leiden eine komplexe „politische und kulturelle Funktionsstörung“. Sie fordert daher einen gesellschaftkritischeren Umgang, der sich der Komplexität dieser Erkrankungen stellt.

Ein weiteres Thema, das Laurie Penny aufwirft, ist der Widerstand gegen die Marginalisierung des weiblichen Körpers und die diesem zugrunde liegende heterosexuelle Basis. Penny fordert nicht weniger als eine „Transfeministische Revolution“, hin zu einer aus vielen Geschlechtsidentitäten bestehenden Gesellschaft jenseits des binären Geschlechteressentialismus. Im Aufzeigen des Fließenden und Veränderbaren des Geschlechtes durch den „Transaktivismus“ der Transsexuellen sieht sie die gesellschaftliche Sprengkraft, die sich mit einem kritischen Feminismus verbinden muss.

Am Ende des Buches widmet Penny sich etwas oberflächlich dem Thema Frauen und Hausarbeit. Jene sei immer noch Frauensache, trotz rechtlicher Gleichstellung, hoher Frauenerwerbsquote und Frauenbewegung, wie sie scharf kritisiert. Schuld sind für Penny nach wie vor die alten Rollenbilder, die im industriellen Kapitalismus entstanden sind und bis heute wirken. Penny fordert, vor allem von den Frauen, sich diesen Problemen zu stellen, die Mitarbeit von Männern auszuhandeln und zu fordern, statt den Widerspruch zu umgehen, indem die Hausarbeit einfach an ärmere Frauen delegiert oder als Lifestyle-Option mit schicken „Kochkursen“ und „Strickkränzchen“ aufgewertet werde.

Eine viel revolutionärere Handlung wäre für Penny indes, wenn sich Frauen grundsätzlich weigern würden, Hausarbeit zu verrichten, sich dem Körperkult zu unterwerfen, zu konsumieren und sich selbst zu verkaufen. Das Ergebnis wäre für sie radikal: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“. Es ist ein Fanal des Widerstandes, zu dem sie Frauen aufruft, ohne dabei auf umfassende gesellschaftliche Initiativen hinzuweisen oder einen Leitfaden für individuelle Lebensgestaltung zu präsentieren. So fordert sie politische Agitation, bettet den Widerstand aber nicht in politische Lösungen und Strategien ein. Überhaupt spricht Penny in ihrem Buch vieles an, vielleicht zu viel, weil das auf Kosten der Genauigkeit geht und einige Fragen offen lässt. So etwa, wie die Einprägung der sozialen Strukturen in den Körper und die Angst vor Ablehnung und sozialen Konsequenzen tatsächlich überwunden werden kann ? wofür es sicher nicht genügen wird, einfach nur Nein zu sagen. Welche Rolle müssen Gesetzgebung und Sprachregelung dabei spielen?

Entscheidend ist, dass Penny wenig darüber schreibt, wie sich Körperideale und Körperpraktiken beider Geschlechter im Neoliberalismus neu formieren und in manchen Punkten annähern, ohne dass die Geschlechterungleichheit etwa am Arbeitsmarkt an Bedeutung verliert. Der Körper ist für beide Geschlechter ein Ort der Selbstvermarktung und damit ein Erfolgsfaktor geworden. Das tangiert die Bereiche Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Attraktivität, auch wenn an Frauen Körperideale wie Schönheit, Schlankheit und Sexyness immer noch verbindlicher als Kriterium angelegt werden als gegenüber Männern.

Aber auch Männer werden zunehmend über ihr Äußeres definiert sowie medial ästhetisiert und sexualisiert. Beschreibt Penny zu recht das Körperbild des wenig raumeinnehmenden weiblichen Körpers, so erwähnt sie in ihrem Buch nicht, dass männlich konnotierte körperliche Eigenschaften wie physische Effektivität und Leistungsfähigkeit zunehmend auch für Frauen gelten. Über den Körper vermitteln sich für Frauen oftmals auch die Anerkennung auf dem neoliberalen Arbeitsmarkt sowie die soziale Stellung. Dabei kann der Körperwettbewerb von Frau zu Frau ausgetragen werden, gegenüber denen, die nicht über Ressourcen wie Geld und Bildung verfügen, um in ihren Körper zu investieren. Der Körper ist eben nicht nur Ausdruck geschlechtsspezifischer Ungleichheit, wie Penny richtig konstatiert, sondern auch immer mehr Ausdruck sozialer Ungleichheit.

Es lohnt sich jedoch, das Buch zu lesen, weil es erfrischend wirkt inmitten eines coolen Feminismus, der nur noch nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie fragt, Teilhabe an Erfolg und Konsum erreichen will und damit eine neoliberale Umgestaltung der Gesellschaft unterstützt. Und das Buch ist wichtig, weil es zeigt, dass was als Vertrautes und Unberührtes gilt, nicht außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik gedacht werden kann. Und vielleicht ändert Pennys „Fleischmarkt“ auch den eigenen Blick, den man auf seinen Körper wirft, der niemals nur der eigene sein kann.

Laurie Penny – Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus.
Aus dem Englischen von Susanne von Somm. Nautilus Verlag, 128 Seiten.


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