INTELLEKTUELLE SYMBIOSE: Schmerz und Blindheit

Der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf hat seiner frühver-storbenen Frau ein Gedenkbuch gewidmet. Doch was als Dialog der Seelenverwandten gedacht ist, gerät zum Monolog, der mit tastend-suchender Annäherung nichts zu schaffen hat.

Claus-Steffen Mahnkopf

Auch ich in Arkadien! Wer das Künstlerstipendium der Deutschen Akademie in Rom bekommt, darf in der Tradition von Goethes Italienischer Reise ein Jahr in der Ewigen Stadt verbringen und im Süden auf neue Inspiration für sein Schaffen hoffen. Als der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf im Frühjahr 1998 in die Villa Massimo einzieht, ist er entschlossen, zudem Italienisch zu lernen. Prompt erfüllt sich die romantischste Italiensehnsucht: Er verliebt sich in seine Sprachlehrerin.

Francesca Yardenit Albertini ist damals 24 Jahre alt, hat einen Abschluss in Philosophie und absolviert ein Zweitstudium an der Theologischen Fakultät der Waldenser. Den Stipendiat beeindruckt die humanistische Bildung der jungen Frau, ihr am Kanon linker Nachkriegsliteraten orientiertes Politikverständnis. Er schwärmt für die „südländische Mentalität“, mit der sie ihn durch die Stadt führt. Gleichzeitig schätzt er als deutscher Tourist, wie sie sich mit ihm gemeinsam darüber aufregt, dass die Kunstschätze der Antike und Renaissance nicht ohne „die Unzulänglichkeiten des römischen Betriebs“ zu bestaunen sind. Albertini ist zwar selbst Römerin, geht aber als Jüdin zur katholischen Mehrheitsgesellschaft auf Distanz.

Als ihr durch einen glücklichen Zufall die Möglichkeit geboten wird, in Mahnkopfs Heimatstadt Freiburg zu promovieren, macht er ihr spontan einen Heiratsantrag. Der Umzug bietet der Doktorandin nicht nur die Möglichkeit, endlich aus Italien wegzukommen, mit der deutschen Staatsangehörigkeit lassen sich vor allem ihre weiteren akademischen Ambitionen leichter verwirklichen. Auf die Promotion 2001 folgt 2007 die Habilitation in Frankfurt. Noch im selben Jahr erhält Albertini einen Ruf der Universität Potsdam auf den Lehrstuhl für Jüdische Religionswissenschaft. Das Glück der jungen Hochschulprofessorin währt jedoch nicht lange: Auf dem früh erreichten Höhepunkt ihrer Karriere stirbt sie mit 36 Jahren an den Folgen einer langjährigen Diabetes-Erkrankung.

Knapp zwei Jahre nach ihrem Tod hat Claus-Steffen Mahnkopf nun ein Erinnerungsbuch veröffentlicht: „Deutschland oder Jerusalem. Das kurze Leben der Francesca Albertini“. Im Rückblick erkennt der trauernde Ehemann bereits in den Schulaufsätzen Francescas „Frühbegabung“, in den Studienarbeiten findet er ihre „Hochbegabung“ ausgedrückt und schließlich bezeugt ihm ihre fulminante Universitätslaufbahn eine absolute „Sonderbegabung“. Der Autor präsentiert seine Frau als Denkerin von „genialischem Zuschnitt“. Seine distanzlose Überhöhung verhindert jede kritische Annäherung an die historischen Konfliktlinien, die sich im Leben der „Grenzgängerin“ zwischen Deutschland und Italien, später zwischen Deutschland und Israel kreuzen.

Zwar wollte Albertini ihr Denken in talmudischer Tradition als „dialogisches“, „infragestellendes Denken“ verstanden wissen, doch Mahnkopfs Porträt bleibt monologisch. Er kolportiert ihre Hasstiraden auf die italienische Gesellschaft und bestätigt damit die deutschen Ressentiments bezüglich „eines durch und durch korrupten Landes, das Italien nun einmal ist“. Umgekehrt affirmiert er das euphemistische Deutschlandbild der jungen Einwanderin. Dass Albertini, im Vergleich zur Verharmlosung und Aufwertung des Faschismus in Italien, die deutsche Aufarbeitung der Vergangenheit als vorbildlich erachtete, lässt sich noch nachvollziehen, nicht aber, warum Mahnkopf, der immerhin angibt, in der Tradition der Frankfurter Schule sozialisiert worden zu sein, dieser Glorifizierung nicht kritisch entgegenwirkte.

Tatsächlich bewundert er die Verve, mit der seine Frau die Warnung jüdischer Wissenschaftler vor einem wachsenden europäischen Antisemitismus als „apokalyptische Beschreibungen“ diffamierte. Anerkennend zitiert er aus unveröffentlicht gebliebenen Leserbriefen, in denen sie dem Zentralrat der Juden in Deutschland vorwirft, durch die „ewige Larmoyanz der jüdischen Opferrolle“ eine deutsch-jüdische Aussöhnung jenseits der Schuldfrage zu verhindern. Unkommentiert zitiert er seitenlang aus antizionistischen Aufzeichnungen, die nach Albertinis erstem längeren Studienaufenthalt in Jerusalem entstanden sind und in denen sie nach dem typischen Muster der Täter-Opfer-Umkehrung israelische Institutionen des Faschismus bezichtigt.

Auf dem früh erreichten Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere stirbt Albertini mit 36 Jahren an den Folgen einer langjährigen Diabetes-Erkrankung.

Albertinis idealisierende Projek-tionen und stereotype Abwertungen tragen weder zu einem differenzierten deutsch-italienischen, noch zu einem „neuen“ deutsch-jüdischen Verhältnis bei, sie verfestigen vielmehr tradierte Klischees und Beziehungsmuster.

Im zweiten, den wissenschaftlichen Arbeiten Albertinis gewidmeten Teil schreitet Mahnkopf die Regalmeter der Bibliothek seiner verstorbenen Frau ab, zählt die Bücherlisten auf, die sie abgearbeitet hat. Die Kapitel „Forschung“, „Lehre“ und „Projekte“ bilden eine Art kommentiertes Werkverzeichnis. Spannend ist allein das zentrale Kapitel zum Judentum, dem Mahnkopf mit Neugier und eigenen intellektuellen Interessen begegnet. Die jüdische Herkunft seiner Frau faszinierte ihn: „Ich war immer ausgesprochen stolz darauf, daß an meiner Seite eine Jüdin stand.“ Obwohl selbst Atheist, fühlt er sich neben ihr als „Wahljude“. In Abgrenzung zum Christentum betont er die philosophisch-kulturelle Perspektive des Judentums als „eine Angelegenheit der Nicht-Identität“. Dass seine Frau im Widerspruch zur Idee des Nicht-identischen, „emphatisch Deutscher“ (sic) wurde und sich mit ihrer „neuen Heimat“ identifizierte, anstatt eine Haltung kritischer Distanz zu wahren, scheint die wiederholt betonte „intellektuelle Symbiose“ der Eheleute nicht gestört zu haben. Nach der gemeinsamen Arbeit an Mahnkopfs Musiktheaterprojekt „Void – Archäologie eines Verlusts“, wollten sie zusammen ein Buch schreiben: „Das Messianische war unser beider Thema.“

Es bleibt offen, wie sich Albertinis zukunftsorientierte, moralpolitisch geprägte Konzeption des Messias mit Mahnkopfs von Walter Benjamin inspirierter Perspektive auf eine erlösungsbedürftige Vergangenheit hätte verbinden lassen. Im vorgelegten Erinnerungsbuch finden sich Andeutungen, doch es kann jenes geplante, unverwirklicht gebliebene Gemeinschaftswerk nicht ersetzen.

Claus-Steffen Mahnkopf ? Deutschland oder Jerusalem. Das kurze Leben der Francesca Albertini, zu Klampen, 320 Seiten.


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