INSELGESCHICHTEN: Der Ort des Mangels

„Lampedusa – Begegnung am Rande Europas“ ist ein vielschichtiges ethnographisches Porträt des Kulturanthropologen Gilles Reckinger über die Einwohner der italienischen Mittelmeerinsel.

Lampedusa, die italienische Insel im Mittelmeer, wird in den Medien seit geraumer Zeit fast ausschließlich in Zusammenhang mit der rigorosen EU-Flüchtlingspolitik erwähnt. Gilles Reckinger zeichnet in seiner Ethnographie ein anderes Bild von der Insel und ihren 5.700 Bewohnern, eines jenseits der mediatisierten Flüchtlingsankünfte. Ihn interessiert das Alltagsleben der Einwohner an diesem „Ort der Übergänge“, ihre Sorgen und Ängste, ihre Freuden und Träume. Der Ethnologe schreibt über Begegnungen, über Inselbewohner, über Lampedusani.

Da wäre beispielsweise der Taxifahrer Tommasos. Den 55-Jährigen lernt der Autor kennen, als dieser gerade eine deutsche Journalistin herumchauffiert. Tommasos steht seiner momentanen Tätigkeit ambivalent gegenüber – was wenn die Journalistin schlecht über Lampedusa berichtet und so für die kommende Saison Touristen verschreckt? Doch Tommasos, wie so viele auf der Insel, braucht dringend Geld. Seine Armut sieht man ihm bereits an. „Er ist ungepflegt, übergewichtig, und hat schlechte Zähne. Meistens trägt er einen alten Jogginganzug.“, schreibt Reckinger nüchtern-distanziert. Wie Tommasos fürchten viele, dass der Medienrummel um die Flüchtlingsankünfte auf Lampedusa der wichtigsten Einnahmequelle, dem Tourismus, schadet. Diese Furcht trifft man paradoxerweise oftmals gerade bei Personen an, die am meisten von dem Flüchtlingsstrom profitieren, beispielsweise bei Hoteliers, die wegen des Aufenthalts von Militär und Polizei nun auch im Winter belegte Zimmer verzeichnen können.

Durch den 31-jährigen Francesco, der in einem centro, einem Auffanglager, angestellt war und „ein bisschen wie ein Sunnyboy“ gekleidet ist, erfährt der Leser mehr über die dortigen Zustände. Angesichts der vielen Särge, die dort an ihm vorbeizogen, entfährt Francesco der trocken Kommentar: „20.000 Tote? Es wird alltäglich“. Er berichtet auch vom sexuellen Übergriff eines Lagerleiters auf eine Migrantin; nach diesem Ereignis entschied er sich für die Kündigung. Seither engagiert sich Francesco in einer Gruppe junger Aktivisten, die auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen wollen.

Die meisten Inselbewohner haben jedoch selten bis nie Kontakt zu Flüchtlingen. Die beiden centri sind in der Talsenke versteckt, der Ausgang bleibt den Flüchtlingen verwehrt. Die Inselbewohner finden allerdings hin und wieder angeschwemmte Schwimmwesten, die von einer gescheiterten Überfahrt erzählen oder hören ein Flugzeug, das abhebt, um Bootsflüchtlinge zur Registrierung nach Sizilien zu bringen.

Neben den Begegnungen mit Menschen, die direkt in die Flüchtlingsthematik involviert sind, schreibt der Autor auch über das Lebensgefühl auf der Insel, welches von den Menschen dort einerseits romantisiert, andererseits als „eng“ empfunden wird. Mariella beispielsweise, die Fremdsprachen und Design studiert hat, verkörpert die Ambivalenz junger Akademiker, emotional an die Insel gebunden zu sein und zugleich in eine größere Stadt ziehen zu wollen, da man sich erhofft, dort einen höher qualifizierten Beruf ausüben zu können.

Die meisten Inselbewohner haben selten bis nie Kontakt zu Flüchtlingen.

In der Tat ist die Insel ein „Ort des Mangels“, so Reckinger. Auf Lampedusa gibt es keine Berufsschule, keine Süßwasserquelle, kein Kino, die medizinische Versorgung ist dürftig, oft bleibt die Fähre nach Palermo wochenlang aus, in sämtlichen Berufssparten fehlt es an Arbeitsplätzen. Zugleich prägt eine chaotische, anarchische und manchmal amüsante Laissez-faire-Einstellung das Alltagsbild. Die Lampedusani fahren ohne Sicherheitsgurt, Häuser und Autos sind selten zugesperrt, am Flughafen sind die Sicherheitskontrollen nicht besonders genau, Schwarzarbeit ist Alltag. Über die touristische Hauptachse schreibt der Autor: „Die Hotels sind klein, ärmlich, Sanierungen stünden an. Die via Roma, die Hauptstraße ist von Schlaglöchern übersät, bei unserem Aufenthalt im März 2009 hängt noch die armselige, halb kaputte Weihnachtsbeleuchtung über der Straße.“

Durch seine langwierige Feldforschung zwischen 2008 und 2011 gelang dem Autor mit seiner Studie ein Plädoyer für das aufmerksame Hinsehen, Hinhören und Hineinfühlen. Dies erkennt der Leser vor allem an jenen Stellen, an denen der Autor beschreibt, wie die Enge der Insel auf ihn selbst wirkt. Auch ihn packt gelegentlich der „Inselkoller“, weshalb er sich auf Autospaziergänge mit Einheimischen einlässt, bei denen man hofft, andere sich Langweilende anzutreffen, um mit ihnen zu plaudern.

Das Auto ist für die Lampedusani ein Ort, in und um das herum sich das soziale Leben abspielt. Hier werden dem Autor oft auch ganz persönliche Meinungen über die Flüchtlingsthematik offenbart. So berichtet er: „Ein anderes Mal nimmt mich ein Mann mit, der sofort das Thema der ?Illegalen` aufgreift und schimpft, dass sie nur Geld wollen, anstatt zu bleiben wo sie sind. Er deutet auf die kranken Palmen im Hafen und sagt, die ?Illegalen` würden alle möglichen Krankheiten einschleppen.“

Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Reisetagebuch und Roman; es ermöglicht dem Leser einen Einblick in die Lebensrealität der Lampedusani, die auf verschiedene, meist sehr indirekte Weise, von denen der Flüchtlinge gestreift wird. Gilles Reckinger schildert eindrucksvolle Begegnungen, allerdings hätte ein häufigerer Gebrauch der direkten Rede noch mehr Nähe zum Geschehen und seinen Interaktionen auf der Insel geschaffen.

Gilles Reckinger – Lampedusa. Begegnungen am Rande Europas. Peter Hammer Verlag, 228 Seiten.


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