JIM JARMUSCH: 1000 Jahre nach Dracula

Eine Fernbeziehung zwischen Detroit und Tanger mit Liebeserklärungen per I-Phone, Blutkonserven aus dem Krankenhaus und Blut-Eis am Stiel. „Only Lovers Left Alive“ ist ein Vampir-Liebesfilm in Zeiten der Globalisierung.

So eine Vampirin hat die Filmwelt noch nicht gesehen: Eve (Tilda Swinton) im Blutrausch.

Only Lovers ist wirklich kein typischer Jarmusch-Film. Fragte man sich bisher bei jeder neuen Jarmusch-Produktion immer mehr, worauf der Regisseur, der einen dazu zwang, Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenzufügen, eigentlich hinaus wollte, so erzählt der Altmeister skurriler Kult-Filme wie „Down by Law“ diesmal erstaunlich stringent eine Liebesgeschichte.

Dennoch bleibt sich Jarmusch zumindest im Spiel mit den klassischen Filmgenres und in der Ästhetik seiner Kamera-Einstellungen treu. Hatte er einst mit „Dead Man“ (1995) den Western auf die Schippe genommen und mit „Ghost Dog“ (1999) eine amüsante Parodie auf den Samurai-Film geliefert – wagt sich der kauzige Altmeister nun an einen Vampir-Film und bietet eine erfrischende Alternative zur x-ten Dracula-Verfilmung. Seine Produktion ist Underground und sozialkritische, pathosfreie Liebesromanze in einem. Mitunter mit den gewohnt ironischen Jarmusch-Elementen, einer fabelhaften Besetzung (es könnte kaum eine bessere Vampirin geben als die ätherische Tilda Swinton in der Rolle der Eve!) und einem nur leider etwas zu dick aufgetragenen politischen Ende.

Adam (Tom Hiddleston) und Eve sind mit Sicherheit das coolste Vampirpärchen der Filmgeschichte. Sie tragen Vintage-Sonnenbrillen und wirken damit abgerückt wie in einem Underground-Film aus den 1980ern. Beide sind auf ihre Weise kultivierte Freaks. Sie, eine Liebhaberin alter Bücher, lebt in einer verstaubten Wohnung in der Altstadt Tangers, er, ein Musik-Freak, der alte Instrumente sammelt, in einer messiehaften Behausung in der Geisterstadt Detroit. Warum die beiden eine Fernbeziehung führen und den transatlantischen Nachtflug nehmen müssen, um sich zu besuchen, bleibt unklar. Moderne Kommunikationsmittel wie das I-Phone gehören im 21. Jahrhundert nun einmal dazu, was solls? Blut besorgt sich Adam, der mit Eve seit ein paar hundert Jahren eine Beziehung führt, ganz zivilisiert übers Krankenhaus, Eve über ihren alten Freund Marlowe (John Hurt), den Ghostwriter von „Hamlet“, der ironischerweise irgendwann an einer Blutverunreinigung draufgehen wird. Mondän nehmen die beiden das Blut aus silbernen Kelchen zu sich, oder lutschen es als Eis am Stiel. Die „Zombies“, wie Adam und Eve die lebenden Menschen da draußen abschätzig nennen, anzufallen und auszusaugen – das war einmal. Es sei denn, man verliert im jugendlichen Wahn die Beherrschung, wie es Eves kleiner Schwester Ada (Mia Wasikowska) passiert, die die Idylle des Pärchens bei einem Besuch Eves in Detroit stört. Ada ist ein pubertäres Energiebündel, das sich nicht nur über die Blutkonserven Adams hermacht, sondern nebenbei lolitahaft Adams Gitarren-Dealer vernascht und seine Plattensammlung demoliert, um darauf keck von dannen zu ziehen, die beiden als „Snobs“ zu beschimpfen und einen Scherbenhaufen zu hinterlassen.

Das weise Pärchen bleibt zurück und blickt mit derselben melancholischen Gelassenheit auf die kleine Wilde wie auf die Menschheit im Ganzen. Zu schade, dass der Film am Ende in eine etwas platte Globalisierungskritik abdriftet. Es hat freilich seinen Charme, wenn Adam und Eve durch das morbide Detroit fahren und darüber sinnieren, ob die Menschen wohl eines Tages, wenn der Süden brennt, in die wasserreiche Ford-Stadt zurückkehren werden. Aber die letzte Unterhaltung zwischen den beiden wirkt dann doch ziemlich grobgeschnitzt: „Wasser ist das neue Öl!“ heißt es bedeutungsschwer, bevor das Liebespärchen sich angesichts des Versiegens der marlowschen Blutquelle doch gezwungen sieht, ganz unzivilisiert ein Liebespaar zu überfallen und auszusaugen. So siegt Hunger dann doch über die Ethik – zurück ins 18. Jahrhundert?

Im Utopia


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