LUXEMBURGER GESCHICHTE: „Keine lineare Entwicklung“

Die Festrede zur Jubiläums-Feier „175-Jahre Luxemburg“ hielt Michel Pauly, Professor für transnationale Geschichte an der Universität Luxemburg. Im Gespräch mit der woxx erläutert er, was er mit seiner Festrede vermitteln wollte und erklärt sein Verständnis einer kritischen Geschichtswissenschaft.

Prof. Dr. Michel Pauly. An seiner Bürotür auf Campus Walfer liest man folgenden Spruch: „Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein.“

woxx: Der Blick der Historiker auf die Geburtsstunde Luxemburgs ist heute umstrittener, als vor Jahrzehnten. „1815 wie 1839 haben fremde Mächte über eine staatliche Autonomie Luxemburgs entschieden“ schreiben Sie. Wann würden sie eine Zäsur machen und sagen, da war der Punkt erreicht, wo die Luxemburger sich dazu entschieden, dass sie wirklich unabhängig sein wollten?

Michel Pauly: Ich würde zwei Sachen sagen. Im Unterschied zur Historiographie des 19. und zumindest der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehen wir heute nicht mehr davon aus, dass es eine Kontinuität gibt zwischen dem Mittelalter und dem Luxemburg des 19. Jahrhunderts. Dazwischen liegt ganz sicher die französische Zeit und Napoleon und der Raum Luxemburg war damals ein Teil Frankreichs – auch international als solcher anerkannt. Daran kann man nicht rütteln. Der Wiener Kongress schafft einen Staat, der allerdings wenig eigenständig ist, weil er in Personalunion vom niederländischen König und Großherzog von Luxemburg regiert wird. Das hätte sogar bis heute Bestand haben können, wenn nicht durch einen biologischen Zufall Wilhelm III. keine überlebenden Söhne gehabt hätte und für den Fall eben im Familienpakt vorgesehen war, dass die beiden Territorien getrennt werden. Der zweite Aspekt, den ich betonen möchte ist, dass die Historiker immer weniger von eindeutigen Daten ausgehen, sondern eher strukturelle Entwicklungen betonen und insofern dann verschiedene Daten miteinander in Verbindung setzen. Man muss also 1815 mit 1839 verknüpfen, möglicherweise mit 1867, wenn nicht sogar mit 1919 und das Ganze ergibt dann erst das heutige Luxemburg und es wird sich ja auch noch weiterentwickeln.

Nationenbildung oder eine wie auch immer geartete „nationale Identität“ setzt ja Abgrenzung voraus. Welche Abgrenzung ist Ihrer Meinung nach für das luxemburgische Selbstverständnis heute am entscheidensten?

Das ist recht schwierig zu beantworten, wenn man da einen Punkt als entscheidend herausgreifen will. Ich bin eher der Meinung, dass diese verschiedenen Punkte alle zusammen dazu geführt haben, dass sich ein National- oder Zusammengehörigkeitsgefühl der auf dem Territorium des Großherzogtums lebenden Menschen herausgebildet hat. Das ist ja auch keine lineare Entwicklung. Da gab es ein Auf und Ab. Ich habe ja zum Beispiel gezeigt, dass 1867 die Bourgeoisie dem Großherzog ein Telegramm schickt und sagt: „Wenn Sie überzeugt sind, dass es für Luxemburg das Beste ist, uns an Napoleon III. zu verkaufen, dann tun Sie es in Gottes Namen – wir werden Ihnen nicht böse sein“. Drei Jahre später kommt es zu Annexionsdrohungen von Bismarck. Man kann ja nicht sagen, dass in drei Jahren plötzlich ein Nationalgefühl entstanden wäre. Heißt das denn – und damit komme ich auf den ersten Teil Ihrer Frage zurück – dass man sich vor allem gegenüber Preußen wehren wollte? Das lässt sich zumindest zum Teil belegen durch die Umdichtung des Refrains im „Feierwon“, dieses damals durchaus populären Liedes, wo es dann nicht mehr heißt, „mir wëlle bleiben, wat mir sinn“, sondern plötzlich „mir wëlle jo keng Preise sinn“. Da kann man es durchaus an einem populären Ausdruck festmachen und trotzdem würde ich sagen: Gewonnen war die Sache nicht. Es hätte auch sein können, je nachdem wie der Erste Weltkrieg oder der Zweite Weltkrieg ausgeht, dass sich die Bevölkerung mit einer anderen Lösung zufrieden gibt. Die Arbeiten meines Doktoranden Vincent Artuso haben ja gezeigt, wie gespalten die Bevölkerung war, wie viele von 1940 bis 1942 eine abwartende Haltung eingenommen haben.

„Man muss also 1815 mit 1839 verknüpfen, möglicherweise mit 1867, wenn nicht sogar mit 1919 und das Ganze ergibt dann erst das heutige Luxemburg und es wird sich ja auch noch weiterentwickeln.“

Die Abgrenzung gegenüber den Deutschen war ja nach dem Ersten und gerade nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark …

Das ist richtig. Vielleicht auch, weil die Nähe so groß war. Gerade in der Sprachentwicklung würde ich das auf jeden Fall sagen, dass ja das Luxemburgische, das im 19. Jahrhundert bis 1940 als „Lëtzebuerger Däitsch“ bezeichnet wird, sich immer mehr zur eigenständigen Sprache emanzipiert und eben nicht mehr ein deutscher Dialekt bleibt, sondern eine Sprache wird. Und noch heute geht dieser Prozess weiter, indem neue Praktiken des Luxemburgischen erschlossen werden. Peter Gilles, unser Linguistik-Professor, arbeitet ja sehr viel auf dem Gebiet der Neuen Medien wie Internetsprache und SMS, – wo das Luxemburgische bei weitem überwiegt.

In Ihrer Rede unternehmen Sie einen Versuch, den Begriff der „Identität“ progressiv weiterzuentwickeln. „Identität bedeutet nicht, dass sich etwas nicht verändern kann“, sagen Sie und leiten daraus implizit die Forderung nach einem Ausländerwahlrecht ab … Stimmt das?

Das stimmt mit dem Unterschied, dass ich den Begriff „Ausländerwahlrecht“ nicht gebraucht habe. Ich denke, wenn wir von „Ausländern“ sprechen, kreieren wir wieder eine Kategorie von Nicht-Luxemburgern, während ich versucht habe, zu zeigen: Für mich gehören Menschen mit unterschiedlichen Pässen zur heutigen Generation, die in Luxemburg lebt, und die bildet die heutige Nation. 1839 gab es eine Reihe Menschen, die einen belgischen Pass bekommen haben, nach dem sie nie gefragt hatten. Oder umgekehrt – sie bekamen einen luxemburgischen Pass. Das heißt diese Passvergabe ist ein rein willkürlicher Verwaltungsakt. Sie sagt überhaupt nichts aus über das Selbstverständnis dieser Menschen.

Wenn man sich die Kolonialgeschichte ansieht, dann wurden Grenzen von jeher völlig willkürlich und wie mit dem Teppichmesser gezogen …

Ganz genau. Ein Teil der heutigen Nationenforschung kommt aus der Kolonialforschung. Wir haben gelernt aus dieser transnationalen Forschung. Und ich denke schon, dass man deshalb heute Nation einfach definieren sollte, als „alle Menschen, die auf diesem Gebiet wohnen“ und sich zu dieser Staatsverfassung bekennen wollen, die auch an den Entscheidungen teilnehmen wollen. Und dass da Menschen sind mit einem nicht-luxemburgischen Pass, kann mich nicht stören.

Inwiefern fungierte die Religion, also der Katholizismus geschichtlich als Bezugspunkt und Halteklammer? Sie schreiben ja, dass fast nie der Einfluss des Katholischen in der Geschichte so weit zurückgedrängt wurde, wie unter den Nationalsozialisten …

Die Religion spielte ganz sicher eine Rolle im Luxemburgischen nationalen Empfinden. Erstens dadurch, dass die nicht-katholischen Religionsangehörige eine sehr kleine Minderheit waren. Das gilt sowohl für die Juden, wie für die Protestanten. Protestanten gab es zwar in der preußischen Garnison, aber sie wurden nicht wegen ihres protestantischen Glaubens unterdrückt, sondern weil sie „Preußen“ waren. Sie spielen also von ihrer Religionsangehörigkeit überhaupt keine Rolle.

„Für mich gehören Menschen mit unterschiedlichen Pässen zur heutigen Generation, die in Luxemburg lebt, und die bildet die heutige Nation.“

Es kommt dann 1890 der Großherzog Adolf, der auch protestantischen Bekenntnisses ist, und wird die Garnisonskirche, die heutige Dreifaltigkeitskirche, zur Hofkirche machten. Und einfach nur durch den biologischen Zufall, dass sein Sohn nur Töchter hat, die dann von der Mutter im katholischen Glauben erzogen werden, wechselt die Religionszugehörigkeit der Monarchie. Zweitens hatte die katholische Kirche ab 1840 großen Einfluss auf die Gewissen und auf die Gesetzgebung. – Der Papst hat ja Luxemburg gleich nach dem Londoner Vertrag auch zur kirchlich unabhängigen Diözese erhoben. Unter Bischof Laurent wird die katholische Kirche dann aber nationalistisch denken und predigen. Und das geht so bis in die Zeiten des Zweiten Weltkriegs hinein.

Wie ist das heute? Sie wurden als Historiker von einer Regierung eingeladen, die sich die Säkularisierung auf die Fahnen schreibt. Sind die Historiker die neuen Priester der großen mythischen Erzählung über das Kommen und Werden der nationalen Gemeinschaft?

Die Historiker werden gut daran tun sich für keine Religion, weder für den Katholizismus, noch für den Laizismus, noch für sonst irgendeine zu Priestern weihen zu lassen. Ich denke Historiker verstehen sich als Wissenschaftler und das sind sie genauso wie Chemiker oder Mediziner. Natürlich können die Historiker genauso wenig wie etwa die Wirtschaftswissenschaftler verhindern, dass Politiker ihren Diskurs für deren Zwecke einspannen. Das kommt immer wieder vor. Aber das muss ich der aktuellen Regierung zugutehalten: Sie hat gesagt, sie möchte Geschichtswissenschaft von Mémoire, also von Erinnerungskultur, trennen. Ich habe das auch zu Beginn meiner Rede erwähnt. Obschon sie dadurch, dass sie mich dann zu einer Jubiläums-rede eingeladen hat, diese Trennung aufgehoben hat. Ich habe die Distanz aber dadurch, dass ich sie bewusst thematisiert habe, wiederhergestellt. Und insofern kann ich mir auch vorstellen, dass meine Rede nicht unbedingt in den politischen Mainstream-Diskurs passt. Das ist mir aber egal. Ich versuche zu sagen, was ich wissenschaftlich verantworten kann. Wie das nachher von politischer Seite genutzt wird – das ist deren Sache und sie müssen dafür gerade stehen.

Inwiefern war und ist die Sprache, das Luxemburgische, das verbindende Element? Der moselfränkische Dialekt wurde ja nach und nach zur „Nationalsprache“. Ist die Identität über die Sprache in einem so kleinen Land, in dem so viele Sprachen gesprochen werden, nicht ein wackliger Bezugspunkt?

Gilbert Trausch hat ja gesagt, es sei der Hauptaspekt, der alles zusammenhält. Ich habe versucht, zu zeigen, dass es neben der Sprache noch andere Faktoren gibt, die zu diesem „Nation-Building“ beigetragen haben. Ich habe das Schulgesetz erwähnt, das auch von der katholischen Kirche akzeptiert wurde, so dass im Gegensatz zu Belgien kein paralleles Schulsystem katholischer Prägung entstanden ist und alle Kinder durch die Einheitsschule gegangen sind und auch heute noch durch diese Schule gehen, wo ihnen eben dieses Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt wurde und wahrscheinlich auch noch wird. Das ist ein Faktor. Ein anderer, den ich hinzugefügt habe, sind diese Feiern, die sehr früh schon beginnen, die vor allem von Staatsbeamten organisiert werden. Das Kleinbürgertum in Luxemburg bekommt ja dadurch, dass Luxemburger Verwaltungen aufbauen ab 1840/41 die Möglichkeit zu neuen Berufen. Sie werden sich also auch mit diesem Staat identifizieren und – wo sich die Gelegenheit bietet – patriotische Feiern organisieren, Denkmäler errichten. Die Historiker haben damals natürlich auch eine Rolle gespielt, indem sie diesem Staat eine alte Tradition angehängt haben, getan haben, als sei dieser Staat eigentlich derselbe wie die Grafschaften im 14./15. Jahrhundert. Das ist ja nicht nur ein schriftlicher Diskurs gewesen, der in den Schulen vermittelt wurde. Ein Karl Arendt als Staatsarchitekt erfindet eine mittelalterliche Ruine (Huelen Zant), um ans Mittelalter zu erinnern. Er lässt eine ganze Reihe von mittelalterlichen Burgen restaurieren. Das heißt, da wird auch für jeden sichtbar diese Kontinuität mit dem Mittelalter vermittelt. Und ich denke schon, dass auch Architekten insofern eine Rolle gespielt haben. An der Architektur im Bahnhofsviertel sieht man, dass sie sowohl wilhelminisch als auch französisch inspiriert ist. Gerade dieser Symbiose-Charakter der Luxemburger Kultur wird da offensichtlich. Und auch in der Sprache zeigt sich das: Sie übernimmt Fachbegriffe, die aber eingedeutscht werden. Schließlich habe ich in meiner Rede die Bedeutung des allgemeinen Wahlrechts und der Sozialgesetzgebung hervorgehoben, um die Integration aller Volksschichten in den Luxemburger Staat zu erklären.

Sie haben die Entscheidung, dass die große Ausstellung zum Ersten Weltkrieg Einsparungen zum Opfer gefallen ist, vehement kritisiert. Das Wort zitierte sie mit den Worten Xavier Bettel habe keine Geschichtskenntnis und titelte mit „Absolute historische Ignoranz“. Ich vermute diese Überschrift war eher auf Effekt ausgelegt …

Eindeutig. Ich war furchtbar verärgert darüber, wie das Luxemburger Wort mich instrumentalisiert hat mit seiner parteipolitischen Polemik.

„Ich denke aber schon – und das war ja auch der Sinn meiner Rede, dass Geschichte Anlass zum Nachdenken geben soll. Und man kann nicht morgen planen und gestern vergessen. Das funktioniert nicht.“

Aber würden Sie die Kritik nicht im Kern stehen lassen? Ist nicht ein modernisierter Blick in die Zukunft, der wenig der Vergangenheit Rechnung trägt, charakteristisch für die neue Regierung? Auch in anderen Bereichen wie etwa der Bautenpolitik zeigt sich ja, dass die DP scheinbar dem Denkmalschutz historischer Gebäude kaum eine Bedeutung beimisst …

Ich war erschrocken über die Aussage der Kulturministerin, deren Aufgabe es ist, Denkmalschutz zu betreiben und auch auf Regierungsebene dafür einzustehen, etwa gegenüber einer Bauverwaltung, die möglicherweise andere Interessen vertritt. Dass sie sagt „das ist alles nicht so wichtig“. Ob das jetzt eine allgemeine Tendenz der Regierung ist, kann ich noch nicht sagen. Die Regierung ist gerade einmal fünf Monate im Amt. Aber ihre Aufzählung ist schon beeindruckend: Dieses 175 Jahre Luxemburg ist ja auf eine intime Feier beschränkt worden. Die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg ist ganz abgesagt worden und in dem Zusammenhang habe ich nur gesagt, dass es historisch sinnlos ist, sie im Rahmen der Großregion aufzuziehen, weil gerade im Ersten Weltkrieg die vier, fünf Teilregionen eine völlig andere Entwicklung mitgemacht haben. Das heißt, man müsste dann wirklich eine transnationale komparative Ausstellung auf die Beine stellen und die würde nun aber wirklich nach mehr als drei Monate Vorbereitungszeit verlangen. Insofern kann es sein, dass der Premierminister nicht wirklich weiß, wovon er spricht, wenn er so etwas in die Welt setzt. Ich denke aber schon – und das war ja auch der Sinn meiner Rede, dass Geschichte Anlass zum Nachdenken geben soll. Und man kann nicht das Morgen planen und das Gestern vergessen. Das funktioniert nicht.

Würden Sie sagen, dass ein historisches Bewusstsein in Luxemburg allgemein wenig ausgeprägt ist? Und wenn ja, hängt dies damit zusammen, dass es durch das Fehlen einer Universität keine akademische Tradition hier im Land gibt?

Das wage ich nicht zu beantworten, weil ich zu leicht, als Pro domo-Redner entlarvt würde. Ich muss sagen, dass historische Literatur sich in Luxemburg noch immer sehr gut verkauft. Aber ich gebe Ihnen Recht, dass das Denkmalschutzbewusstsein in Luxemburg sehr unterentwickelt ist. Das haben wir in den 1970er/1980er Jahren erlebt. Das haben Vereine, wie „Jeunes et Patrimoine“ und „Stopp de Bagger“ auch so erlebt, als wir aktiv für Denkmalschutz eintraten und in der breiten Bevölkerung auf keine Resonanz stießen und deshalb von den Politikern auch nicht ernst genommen wurden. Die wussten „ich gewinne meine Wahlen auch ohne die“ – das muss man leider so sagen. Und schauen Sie sich die Stadt Luxemburg an! Außer einigen isolierten Gebäuden, an denen man nicht wagt dran zu rütteln, darf ja alles infrage gestellt werden. Wenn es heißt, dass die Fassaden erhalten bleiben sollen, meint man, es gibt ein ästhetisches Bewusstsein, aber kein Historisches.

„Wenn es heißt, dass die Fassaden erhalten bleiben sollen, meint man, es gibt ein ästhetisches Bewusstsein, aber kein Historisches.“

Welche Aufgabe haben die HistorikerInnen in Luxemburg? Welchen Nutzen oder Nachteil hat die Historie für das Luxemburger Leben? (Anleihe bei Nietzsche)

Ich bin der Meinung, dass die akademische Geschichtswissenschaft keine Nabelschau betreiben darf, sondern das heutige Luxemburg immer in seinen transnationalen Dimensionen bearbeiten muss. Es gab ja die Befürchtung, dass wenn man sich nur mit Luxemburg beschäftigt, man international keinen Anschluss finden und es eine Provinzuniversität bleiben würde – zumindest im Bereich der Geschichtswissenschaft. Das stimmt Gott sei Dank nicht, denn Luxemburg ist in vielen Fächern ein hoch interessantes Modell, das man im Vergleich mit anderen Nationen beispielhaft studieren kann. Während man das bei uns häufig in der Totalen studieren kann, kann man im Ausland nur Stichproben machen. Und bei Stichproben kann man nie sicher sein, ob sie repräsentativ sind, während man in Luxemburg dieses Problem häufig nicht mehr hat. Das gilt sowohl für historische Zusammenhänge als auch häufig für soziologische oder wirtschaftliche. Das ist aber nur eine Dimension. Ich habe in meiner Rede die Geschichtswissenschaft auch als kritische Sozialwissenschaft bezeichnet und das unterscheidet mich möglicherweise von dem Festredner von vor 25 Jahren, Gilbert Trausch, der sich ganz eindeutig – und ich kritisiere ihn nicht deswegen – in den Dienst des Staates und der damaligen Regierung gestellt hat und versucht hat, das Nationalbewusstsein – wenn nicht zu stärken, so doch zumindest zu bestätigen. Ich sehe den wissenschaftlich ausgebildeten Historiker in einer kritischen Rolle gegenüber der Gesellschaft, in der er lebt, sonst hat die Gesellschaft ja nichts davon. Um sich nur bestätigt zu fühlen, braucht es keine Universität. Sie ist dazu da, der Gesellschaft zu helfen, sich selbst zu verstehen – ihre Schwierigkeiten, ihre Brüche und Konflikte in der heutigen Lage und diese auf den Punkt zu bringen. Dann erst kann die Gesellschaft imstande sein, diese zu lösen. Wenn ich sie ignoriere, mit nationalen Diskursen übertünche, dann verstecke ich ja die sozialen Konflikte, die in dieser Nation bestehen.

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Zur Person:
Michel Pauly, geboren 1952 in Luxemburg, ist Professor für transnationale Luxemburger Geschichte und lehrt seit ihrem Bestehen an der Universität Luxemburg. Pauly ist Experte für Mittelalterliche Geschichte, Geschichte des Hospizwesens und für Luxemburger Regionalgeschichte. 1972 war er Mitbegründer der Zeitschrift „forum“.


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